Donnerstag, 3. Juni 2021

Nr. 33 vom 3.6.1971 oder: Damals war die Welt so jung



So, jetzt hat sich der Butterfly an die Spitze geflattert. Ich bin mal gespannt, wie lange er sich hält. Im Moment sagen wir ja alle: Ach wie schön kleiner Schmetterling an der Spitze! Aber ich sage euch: in vier, fünf Wochen  fängt er an zu nerven. Spätestens. Hier der Youtube-Link  der gesamten Top 20.

An Freddy Quinns St. Helena kann ich mich gut erinnern. Wir hatten sogar die Single. Ich fand den Anfang mit den Trommeln total unheimlich. Ich hatte schon kapiert, dass es lustige Spaßmusik gab, und ernsthafte Musik. St. Helena war natürlich total ernsthaft. Ich vestand natürlich überhaupt nicht, worum es geht, und bastelte mir aus St. Helena mühsam eine Geschichte zusammen. Die im Lied vorhandenen Ortsangaben (und Frankreich gibt die Krone dir, das Feld vor Moskau kalt und weiß, in Waterloo da blieb dein Heer) ignorierte ich als knapp Sechsjähriger dabei großzügig. So weit ich mich erinnere, dachte ich an einen wütenden und nächtlich aufgeschreckten Kaiser auf der Burg St. Helena. Ich dachte IMMER an Burgen in jenem Alter, oder an Westernforts. Ich denke, ich hatte keinen Ödipus Komplex, sondern einen Zitadellen-Komplex in jener Zeit. 

"Damals war die Welt so jung" hat Udo Jürgens (deutlich später) einmal gesungen. Es ist so, wenn man einmal als abgekochter 2021er auf dieses 1971 herabblickt, fällt einem auf, wie naiv, possierlich, jung, diese Zeit gewesen ist. Schmetterlinge, Hasen, Rosengärten und Schneeglückchen, der Weltfrieden, Trödler und Mozart, geradezu niedlich! Vielleicht gilt das aber immer für Zeiten, die ziemlich, aber nicht endlos lange her sind. Denn liegt zum einen am biographischen Kindsein: dieZeiten, in denen man Kind gewesen ist, hält man auch ganz allgemein für Kinderzeiten (so wie Bäcker überall nur Gebackenes sehen).

Zum anderen dürfen wir auch nie vergessen, dass die Popmusik 1971 tatsächlich noch jung war: nämlich 16 Jahre alt (wir nehmen 1955 als Startdatum). Es gab noch keine alten Popstars. Elvis war 36 Jahre alt, die ältesten Beatles waren gerade 30 geworden. Und eine so junge Kunst kann es für sich in Anspruch nehmen - oder muß es sogar - unmittelbar, unverstellt und sogar naiv zu sein, und nicht postmodern oder postirgendetwas. 1971 war noch eine Zeit, in der nur junge Menschen Popmusik hörten. Noch zu Ende dieses Jahrzehnts (das kann ich persönlich beurteilen mit *1965) gab es praktisch keine Eltern, die Popmusik hörten. Allenfalls hatten sie ein paar Rock'n'Roll-Platten im Partykeller, aber solche Musik war für uns so prähistorisch wie heute ein C64, ein Nokia, ein Blackberry. Wenn man einmal bei 1971 bleibt: ein Fünfzehnjähriger (ca. *1955) hatte Eltern, die wahrscheinlich um 1930 geboren waren. Diese Flakhelfer-Generation, so meine These, hat vielleicht die sonderbarste Musiksozialisation aller Generationen durchlaufen, denn als sie klein waren, gab es das Horst-Wessel-Lied, als sie etwas älter waren, überhaupt nichts, und dann war man irgendwo im musikalischen Bermuda-Dreieck der späten Vierziger aufgehoben. Einerseits. Andererseits war es ein blanker Tisch. Mein Vater zählt auch zu der Flakhelfende-Generation, und wir hatten James Last Non Stop Dancing zuhause, und Best Of Robert Stolz. 

Zurück zur Musik und Gegenwart. Heutige 15jährige haben es viel schwerer: Ihre Eltern sind meistens von 1970 bis 1980 geboren. Von James Last ist da keine Rede -  nicht einmal mehr eine Sozialisation mit Slade, Pink Floyd oder Police, sondern eher mit Nirvana, Oasis, R.E.M. Es ist bitter, erwachsen zu werden, wenn aus dem Schlafzimmer der eigenen Mutter "Losing My Religion" dudelt. Wenn schon die eigenen Eltern mit in sich gebrochener, referenzierter und mehrdeutiger Popmusik groß werden mußten, zu was für einer Verfeinerung, zu was einem Rokoko, müßte sich heute Popmusik aufschwingen, um mindestens zwei, drei Handbreit von den Eltern wegzukommen? Da mußte ich mir mit den James-Last-Platten meiner Eltern keine Sorgen machen. Obwohl.

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Apropos Udo Jürgens. Da wir ja nur immer alle 14 Tage auswerten, droht mal das eine oder andere Lied unterzugehen, das die Charts nur zart streift und dann wie eine Feder langsam in den Top100 herabsinkt. In diesen Wochen ist das Lieb Vaterland von Udo Jürgens, das Ende Mai/Anfang Juni 2x in den unteren Regionen der Top 20 plaziert war. Dabei hat es kleine Geschichte geschrieben: wahrscheinlich war es das erste gesellschaftskritische deutschsprachige Lied, das überhaupt in die Charts gekommen ist.

Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?
Für Versicherungspaläste oder Banken?
Und für Kasernen, für die teure Wehr?
Wo Schulen fehlen, Lehrer und noch mehr

Er hat übrigens das Lied 1998 umgedichtet und die Kasernen durch Atomkraftwerke ersetzt, weil Kasernen nicht mehr so wichtig waren. Atomkraftwerke hingegen...oh, ja, was würde er eigentlich 2021 dichten? "Für Versicherungspaläste oder Banken, für Impfzentren für Immunabwehr"? Für 1971 und Schlager waren das aber schon starke Zeilen. Natürlich hat man eimerweise Unrat über Udo Jürgens ausgeschüttet. Zum Beispiel, dass er ja als Österreicher kaum über das DEUTSCHE VATERLAND etwas hätte sagen dürfen. Stimmt, so wie ich als Deutscher niemals ein böses Wort über die amerikanische CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL sagen dürfte. Pfui. 

Lieb Vaterland Single Rückseite, Quelle: ariola, discogs


Für mich gibt es kaum einen Sänger, der mehr für die alte Bundesrepublik steht als Udo Jürgens. Er hat sich immer geschickt am Rande des Schlagers entlangbewegt, allein schon weil er seine Musik vorwiegend selbst komponierte und immer mal wieder sachte "Gesellschaftskritik" (wie man das damals nannte) einstreute: Gastarbeiter und Griechischer Wein, Heuchlerei und Ein Ehrenwertes Haus, Umweltverschmutzung und Ihr von morgen. Das ist alles kein radical chic, sondern füllt den geraden Rahmen gemütlicher Bürgerlichkeit. Udo Jürgens läuft nicht von der Cassette in der WG, sondern auf dem DUAL-Plattenspieler im Phonoschrank im Wohnzimmer. Und dann ist einfach seine Musik einfach viel besser als Schlager. Ja, ab einer gewissen Qualität wird jede Operette eine Oper. 

Man hat für Lieb Vaterland damals sogar eine ARD-Sondersendung gesendet und Jürgens und Textdichter Eckhart Hachfeld befragt. Das ist natürlich stark (leider habe ich den Ausschnitt nicht auffinden können). Sogar in den DDR-Schwarzen Kanal suppte die Kapitalismuskritik herüber.


Ekel Karl-Eduard

Schaut mal, wie widerlich, selbstgefällig der Karl-Eduard von Schnitzler ist, gleich auf 0:35, als er das Tonband abhörte. Was für ein häßlicher Kerl, der bestimmt auch schlecht gerochen hat Der Rest des Beitrags besteht übrigens aus bemerkenswert schlechter Laune und passiv-aggressivem Gemaule. 

Für Udo Jürgens war seine Karriere durchaus wechselhaft: seine erste Konjunktur war ungefähr 1965-1969, von 17 Jahr Blondes Haar bis ca. Anouschka. Dann kam eine längere Delle, in dem die Hits nicht mehr so blond waren und die Sonne zwar noch immer wieder aufging, aber nicht mehr ganz so strahlend. In diese Zeit  fällt auch Vaterland. Erst Anfang 1975, mit Griechischer Wein, katapultierte sich Jürgens wieder an die Spitze, mit seinen berühmtesten Liedern (Ehrenwertes Haus, Aber bitte mit Sahne, Tante Emma, Mit 66 Jahren) ging das drei Jahre lang bis zum riesenerfolgreichen, superscheußlichen Buenos Dias Argentina 1978. Dann hatte er es eigentlich endgültig geschafft, sozusagen seine Sinatrasierung war vollbracht, und der Rest war vor allem Unangreifbarkeit. Man mag ihn noch später belächelt haben - Bademantel-Zugaben im fortgeschrittenen Mannesalter, ein Piano aus Plexiglas, und die ersten Mütter, die schon ihre Töchter zu Auftritten mitnahmen, aber einem Udo Jürgens konnte niemand mehr was. Zumal er es auch unbestritten gut in die Event-Kultur ab den Neunzigern geschafft hat: der Mann hat sieben Live-Alben ("Doppel-CDs" waren das) von dieser Zeit an veröffentlicht. Er hat tapfer 66 Jahre alt über seinen Hit Mit 66 Jahren hinweggesungen, und fast 14 Jahre später noch Konzerte gegeben. Auf seinen Konzerten in den letzten Jahren hat er zwei Hit-Medleys dargebracht, denn er hatte einfach zu viele Hits, um sie medleylos abzusingen: den ersten Medley, um jeden Widerstand zu brechen, mit Liedern waren eher aus der 66-Jahr-Phase, also aus den Siebzigern. Dann eine Reihe Einzellieder, und schließlich - das Publikum ist längst weichgespielt - gab es als Zugabe im Bademantel dann noch einen Medley, den aber aus der früheren 17-Jahr-Phase, also den Sechzigern.

Es gibt einen Clip vom Bademantel-Finale des allerletzten Konzerts. Irritierend ist aber, dass er sichtbar ein Hemd unter dem Bademantel trägt. Eigentlich sollte der Bademantel ja bedeuten, dass UJ noch ein allerletztes Mal, eigentlich schon komplett finished, doch noch einmal von den treuen Fans sich auf die Bühne bitten läßt, geduscht und badebemantelt. Den Bademantel einfach über das Hemd ziehen, das ist irgendwie Verrat am Signifikat.

Aber wir waren ja ganz anderswo gestartet, bei der Welt, die noch so jung und naiv war.. Lieb Vaterland ist geradeaus, unmittelbar und fast drollig. Udo Jürgens konnte aber auch anders und schrecklicher, hier in 5 Minuten vor 12 zwei Jahrzehnte später

Und ich sah eine Frau, die erfror fast vor Einsamkeit,
Und ich sah auch ein Kind, für das hatten sie niemals Zeit,
Und ich sah einen Mann, der für Hoffnung und Frieden warb,
Und ich sah, wie er dann dafür durch eine Kugel starb.

Das ist in seiner Klebrigkeit, in seiner falschen akklamatorischen Zeugenschaft absolut ekelhaft. Textdichter hier ist Michael Kunze, der deutlich mehr Liedtexte geschrieben hat als ihr warme Mahlzeiten letztes Jahr hattet. Und hier können wir auch etwas lernen über die junge und die ältere Welt: 5 Minuten vor 12 ist durch die Hölle des Kitsches der 80er gegangen, Lieb Vaterland liegt jenseits dieser Grenze. 1992 zählt nur etwas, dass durch die eigene Empfindung gegangen ist. Jenseits im Jahr 1971 ist die Welt schrecklich und scheußlich, aber 1992 kann sie das nur sein, wenn sie so empfunden wird. 

Vielleicht ist gerade der Mauerfall die Achsenzeit von Udo Jürgens: bis dahin waren seine Texte einigermaßen "aktuell", auf jeden Fall aus der Gegenwart, aber danach beginnen seine Lieder beim Erscheinen schon zu verstauben. Auch sein vielleicht prominentester Erfolg nach dem Mauerfall - Ich war noch niemals in New York - ist eigentlich eine übersehene Single-B-Seite von 1982. In der letzten Strophe fängt "Dalli-Dalli" gerade an. Ja - Wer wissen will, wie die das liebe Vaterland Bundesrepublik Deutschland so gewesen ist, der möge Udo Jürgens hören.   

Dauerbrenner der Woche: 16 Wochen Elend von Creedence Clearwater

Rakete der Woche: Ringos langsame Rakete +6 Plätze

Liebling der Woche: Eigentlich Udo Jürgens, aber der ist nicht dabei, also Severine die Siegerin!














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