Freitag, 30. April 2021

Nr. 31 vom 29.4.1971 oder: Spiel mir das Lied vom Schmetterling

 

Und hier die aktuellen Top 20 in der youtube-Playlist!

Auf mein beständiges Dissen von Creedence Clearwater Revival regte sich Protest, geradezu Aufruhr im Publikum und unter wohlmeinenden Freunden. Aber gut! Sehr gerührt hat mich allerdings die Zuschrift meiner lieben Freundin Susann, welche mir einen Ausschnitt ihres Tagebuchs aus dem Frühjahr 1971 übersandte:



Ich hätte nicht gedacht, dass diese zotteligen kalifornischen Hallodris das Objekt einer derart tief empfundenden Mädchenminne werden könnten. Wobei Susann zur Dokumentation ihres Unwillens zu - sagen wir es klar - so deutlichen Formulierungen griff, dass sie damit sogar eine komplette Tagebuchseite verschleuderte. Was für eine Kötze! 

Viele unserer jüngeren Leser kennen das ja nur von Take That und Robbie Williams, ziemlich genau 25 Jahre später. Und noch einmal 25 Jahre später, also jetzt, gäbe es gar keine Gruppe mehr, für die ein solcher Abgang zu bedauern wäre. 

Creedence Clearwater gehört auch zu den Gruppen, deren Protagonisten nach Ende der Gruppe nicht mehr so viel Revival hatten. John Fogerty, der fast alle Lieder geschrieben hatte, mümmelte sich mit einem einzigen Hit weiter (wenn wir mal Rocking Over The World von Status Quo außen vor lassen, das er verblüffenderweise auch geschrieben hat). Was uns zu der Frage führt, wer eigentlich nach Verlassen seiner erfolgreichen Band noch immer erfolgreich war oder gar erfolgreicher. Auf der Seite der Sieger finden wir Phil Collins und Peter Gabriel, natürlich Beyonce, Lou Reed, Bjork,vielleicht Sting. Auf der Seite der Verlierer zählen wir John Fogerty, Roger Waters, Roger Daltrey, Susanna Hoffs, Billy Corgan, Agnetha Fältskog. Etwas kompliziert ist es bei den Beatles. Einerseits sind sie alle Verlierer  - andererseits sind gerade in dieser Woche 1971 vier Plätze von drei verschiedenen Beatles besetzt. Erstaunlicherweise ist es der stille George Harrison mit zwei Liedern in den oberen Regionen, während John und Paul auf den unteren Plätzen herumlümmeln. Es ist ohnehin verblüffend, wie lang die Geniemaschine Beatles noch nachlief, wenn man sich vergegenwärtigt, was die Beatles nach der Trennung in den Jahren 70/71 noch auf die Reihe bekommen haben (später z.B. noch Johns "Imagine"). Allerdings müssen wir auch feststellen, dass Paul McCartney den John Lennon dringend benötigt hätte (was McCartney nie zugegeben hätte), wie John Lennon seinen Paul McCartney ebenso dringend brauchte (was Lennon noch viel weniger zugegeben hätte). 

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Und: Karlo Tobler hat mir ein ORIGINAL-Filmplakat von Spiel mir das Lied vom Tod geschenkt, was natürlich sehr nett ist. Wohlgemerkt, ein ORIGINAL Plakat, nicht irgendein nachgedrucktes Zeug. Das Poster hängt jetzt an der Innenseite meiner Küchentür. Man hat ja jetzt zu Coronazeiten keine Gäste, aber normalerweise koche in der Küche die Köstlichkeiten und setze mir die Gäste daneben, damit sie helfen können oder mich unterhalten. Mal sehen, was passiert, wenn sie das neue Poster entdecken!

"Sag mal, du lädst mich zum Essen ein, und in der Küche hängt Spiel mir das Lied vom Tod. Hat das etwas zu bedeuten??!?"

"Mmmh. Könntest du zwei Möhren schälen?"

Spiel mir das Lied vom Tod um viertel vor Zwölf

So. Jetzt einmal zu dem Rest der Hitparade. Und hier schleicht sich so langsam jemand nach oben, der uns noch lange, lange Zeit dieses Jahres begleiten wird. Danyel Gerard mit Butterfly. Interessant ist, dass Gerard das Lied schon mal unter dem Titel Hélas trois fois hélas veröffentlicht hatte (hier), aber man hört: das ist noch eine Raupe, und da ist der Schmetterling noch nicht geschlüpft. 

Danyel Gerard war zudem auch schon viel länger im Geschäft. Seine erste Single veröffentlichte er 1958, da haben die Beatles gerade nach Hamburg in ihrem Schulatlas gesucht. Bis 1967 veröffentlicht er noch mehr als 20 Singles und sagen wir mal so - extrem super läuft es nicht für ihn. Gerade mal eine einzige LP veröffentlicht er 1964. Ich glaube, nach Hélas trois fois hélas hat er sich erst einmal hingesetzt und überlegt, Danyel, so gehts nicht weiter, jetzt muß es einmal richtig krachen. Er läßt er sich erst einen Bart stehen, drückt sich einen Borsalino auf den Kopf, zieht ein Sakko über und setzt ein Halunkengrinsen auf. Dann dichtet er das Helaslied auf Butterfly um, spielt dazu auf der Klampfe und bingo. Nr. 1 in 15 Ländern, einer der größten Hits aller Zeiten.  Hier in der Hitparade, später im Jahr 1971. 

Hört ihr, wie sie klatschen und mitgehen? Damals sogar recht ungewöhnlich, aber Butterfly war ein transgalaktischer Hit, und vielleicht auch eines der ersten Mitklatschlieder im TV, der Ur-Opa von Life is Life und An der Nordseeküste? Danyel Gerard hat dabei etwas leicht Undurchschaubares, Halbseriöses, geradezu Charles-Bronson-Haftes, was aber nicht einmal unsympathisch ist. Denn man sieht: er glaubt es jetzt nicht so richtig, was da mit ihm passiert. Er steht im Studio 1 der Berliner Union Film und die Boches klatschen seinen Butterfly durch. 

So, jetzt müßt ihr sehr stark sein. Hier ein Auftritt des mittlerweile 80jährigen Danyel Gerard, den Andrea Kiewel mit Bonjour Monsieur Danyel Gerard ankündigt (sie muss auf ihrem Zettel vorher gucken), im  Fernsehgarten von 2019.

Und sie johlen und klatschen noch immer. Und Danyel Gerard lächelt noch immer maliziös, ungläubig, aber vielleicht auch ein wenig dankbar, dass ihn der Schmetterling seit 50 Jahren über die Welt trägt. Und noch etwas fällt auf: es ist bemerkenswert, wie dull und bräsig einem das Fernsehgarten-2019-Publikum vorkommt, wenn man das fast possierliche Hitparaden-1971-Publikum dagegenhält. Das werden wir im Auge behalten, denn es kann auch eine perspektivische Täuschung sein. 1971 kamen uns Komparsen und Zuschauer aus alten UFA-Filmen genau so naiv und kinderdoof vor wie uns das Hitparadenpublikum von 1971. Aber da ist noch etwas anderes, wenn ihr einmal auf das Setting, das Publikum, die Mode, Haltung, Licht und Ton schaut: 1971 war das Leitbild einer Live-Show, Fernsehunterhaltung noch wie eine Theatervorstellung, wie Nathan der Weise. In Andrea Kiewels Fernsehgarten ist es eher die Strandpromenade auf Mallorca. 

Butterfly (Quelle: CBS, discogs)




Dauerbrenner der Woche: Roy Black und Peter Alexander mit 18 Wochen

Rakete der Woche: Middle Of The Road von 15 auf 5

Liebling der Woche: Butterfly, mein Butterfly...


Donnerstag, 15. April 2021

Nr. 30 vom 15.4.1971 oder Spiel mir das Lied vom Tod nach

 


Und hier der Link zu der aktuellen Hitparade. 

Oh, jetzt ist es passiert, was für ein peinliches, schreckliches Elend: Creedence Clearwater Revival sind mit Hey Tonight auf dem Platz an der Sonne. Wie scheußlich, wie schrecklich! Ach, wären es Schneeflöckchen im Februar, oder Tom Jones oder auch unser Freund Randolph mit Silver Moon Babiiiiiiie, aber Covid Clearwater Revival ist eine echte Strafe, aber echt. Als sachter Trost sei vermerkt, dass CCR uns zukünftig nicht mehr viel behelligen werden. Gerade sitzen sie noch auf den weichen Sofa und denken, sie sind Könige der Welt. Seine Mitstreiter (darunter sein Bruder) hatten aber bald genug vom unsympathischen John Fogerty und so trennten sie sich im darauffolgenden Jahr. CCR hatte in den USA insgesamt 9 Top 10-Hits, John Fogerty anschließend noch einen einzigen.

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Spiel mir das Lied vom Tod! Habe ich eigentlich schon einmal erzählt, dass ich praktisch der weltgrößte Fan von Ennio Morricone bin? Ich habe ca. 50 Soundtracks zusammengesammelt. Wie viele es insgesamt gibt? Man schätzt, der Meister hat ungefähr 500 Filmmusiken hergestellt; auf Platte/CD etc. sind ungefähr die Hälfte erschienen. Da war Joseph Haydn mit 107 Symphonien ein rechter Faulpelz dagegen! Man hört Morricone-Melodien sehr schnell heraus. Once Upon A Time In The West aka Spiel mir das Lied vom Tod gehört eindeutig zu den besseren und besten Werken von Morricone,. Es ist einfach die perfekte Symbiose und Stimmung der Endsechziger, es ist musikalisch anspruchsvoll und benutzt sogar nahezu wagnerische Leitmotivtechnik. Lustig: für das deutsche Cover der Single und der LP wurde eine sehr eindrucksvolle Nachmalerei der zweitberühmtesten Szene des Films verwendet. Wenn ihr euch entsinnt: es ist das Finale der langen Anfangsszene am Bahnhof, und gerade in dieser Viertelstunde aber wurde absichtlich auf jegliche Filmmusik verzichtet (wenn ihr jetzt gerade an ein quietschendes Windrad, an eine Fliege, an Wassertropfen denkt: ja, genau).

Peng! Peng! Peng! (Quelle: discogs, ariola)

Es ist etwas vertrackt mit deutschen Übersetzungen: "Spiel mir das Lied vom Tod" ist eine gar nicht mal so üble deutsche Nacherfindung. Die Single "Spiel mir das Lied vom Tod" ist eigentlich das Jill-Thema (Claudia Cardinale, das Lied heißt verwirrenderweise auch noch C'era Una Volta Il West) und das überberühmte "Das Lied vom Tod" ist das Harmonica-Thema (Charles Bronson). Auf der Single (s. Abbildungen) war man sich auch nicht so recht klar, was denn nun die A-Seite und was die B-Seite ist. Das Jill-Thema ist typischer Morricone, einer hymnischen ins Nimmerland hinsteigenden Melodie und einer schmelzenden Vocalise-Frauenstimme, toll.

Oben Spiel mir, unten das Lied vom Tod (Quelle: discogs, ariola)


Dann aber das Harmonica-Thema aka Das Lied vom Tod.  Hört euch nur einmal an, wie gut das ist. Die quere, schräge, verhallte Mundharmonika in der ersten halben Minute. Dann schleichen langsam die Holzbläser und Celli in einem nervösen Drei-Ton-Ostinato dazu (0:25), und dann ab 1:05 kracht die E-Gitarre hinein, die Streicher immer drängender, immer weiter auftürmend, und ab 2:00 Auflösung, Chor, Hymne.

So. Es ist ja nicht so, dass hier in der Goldenen 20 die Sachen einfach so hingeschlunzt werden. Mir fehlte im vorherigen Absatz das Wort für Ostinato, und so whatsappte ich Marek mit einem Link zum Lied vom Tod und der Bitte um Aufklärung. Marek ist der einzige Mensch, den ich kenne, der einen Flügel im Wohnzimmer stehen hat. Einen Flügel, wohlgemerkt, nicht ein Klavier, nicht eine Stereoanlage oder eine Couchgarnitur. Einen echten verdammten Flügel zum Klavierspielen. Er textete eine Viertelstunde später zurück:

"Oh hochinteressant, sich das anzuhören. In der Klassik heißt das Ostinato. Die Figur ist C - Dis - E, C - Dis - E  und übernimmt die Töne der Harmonika vom Anfang. Von den Intervallen erst mal ausgehend vom C kleine Terz, große Terz, dann wieder C. Leicht tricky ist, dass das die Tonart bestimmende A erst verspätet eingeführt wird (Sekunde 33), dann geht es im Bass G - F - E, Figur ändert sich auch leicht also G H Dis E, F - A Dis E, bis mit E Gis Dis E die Dominante von a-moll erreicht ist und so erst im klassischen Sinne die Tonart etabliert ist. Akkorde also a-moll, G-Dur mit Sexte, F mit größter Septime und dann der E-Dur Dominant Akkord mit Rückführung zu dem a-moll Akkord samt verminderter Quinte. In dem Moment, in dem das A im Bass auftaucht, sind die Ostinatotöne als kleine Terz, verminderte Quinte (=Tritonus) und reine Quinte definiert.

Höre dir mal den Anfang von Für Elise an, beginnt mit den gleichen markanten Tönen (Dis-E) am Anfang oben, das definierende A im Bass taucht dann allerdings schneller auf, eigentlich komplett identisch, aber wirkt nicht ganz fatal, da die Spannung schneller gelöst wird und es harmonisch etwas konventioneller weitergeht. So weit auf die Schnelle."

Er klebte noch folgenden Link dazu!

Das ist natürlich alles hochinteressant. Und wenn man es weiß, dann hört man auch, dass Ennio, der kleine Halunke, das Lied vom Tod von Elise geklaut hat! Wahrscheinlich hatte Beethoven das Blatt in der Betriebskantine vergessen, am Currywursttag, und Morricone hat es gefunden und gedacht, super, jetzt noch Mundharmonika dazu, dann hab ich endlich das Lied vom Tod! 

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Es dürfte Anfang der Siebziger gewesen sein, als mir mein älterer Vetter Reinhard über den Film erzählte. Mir ist nicht ganz klar, ob er Spiel mir das Lied vom Tod damals tatsächlich im Vorortkino gesehen hatte, oder ob auch er die Geschichte von jemandem weitererzählt bekommen hatte, der den Film auch nur möglicherweise gesehen hatte. Wahrscheinlich bestehen die Geschichten der Menschheit aus lauter Erzählungen, die man von seinem Cousin bunter und wilder als die vorher erzählte Version mitbekommen hat. Wahrscheinlich war die Sintflut auch nur ein kleiner Wasserrohrbruch, und der Wohnzimmerteppich ist dabei halb nass und fast ruiniert worden. 

Wie auch immer: mein Vetter Reinhard erzählte die erstberühmteste Szene des Films: der Vater (ein beliebter Irrtum: es ist eigentlich der Bruder) steht auf den Schultern des kleinen Jungen, das Seil um den Hals geschlungen, unter einem Galgen in sengender Sonne. Und wie Henry Fonda dem kleinen Jungen eine Mundharmonika zwischen die Lippen drückt und sagt: "Spiel mir das Lied vom Tod", und dann reiten die Bösen einfach weg und lassen die beiden zurück.

"Und was ist dann passiert?"

"Der kleine Junge will ja nicht, dass sein Vater stirbt. Deshalb bleibt er stundenlang stehen."

"Und dann? Und dann?"

"Ja, dann fällt der Junge irgendwann vor Schwäche um und der Vater baumelt am Strick und stirbt."

Boah. Ich habe den Film erst sehr viel später gesehen, und natürlich konnte die Filmszene niemals mit der Dramatik der in meiner Vorstellung tausendmal ausgemalten Szene mithalten. Der Vater, auf den Schultern des kleinen Jungen, die Mundharmonika, das Lied, die Sonne, die Hitze, das Lied vom Tod.

Ich stellte die Szene mit Timpo-Cowboys nach, aber die waren zu klein. Big Jim war eigentlich zu groß, und es fehlte mir die zweite Person, weil ich Big Jeff nie bekommen hatte. Und Big Jeff wäre auch genau so groß wie Big Jim, und das wäre ja unlogisch, wenn er der Vater war. Schließlich mußte dann der Stoffhund Bello aushelfen. Es dürfte das jämmerlichste Re-Enactement von Spiel mir das Lied vom Tod nach aller Zeiten gewesen sein, zumal auch ein Bein von Big Jim abgebrochen war. Etwas Rouladengarn als Galgenstrick, ein einbeiniger Big Jim und ein Stoffhund - so ging Sergio Leone in meinem Kinderzimmer. Ob ich später Apocalypse Now mit einem Toaster, einem Stutenkerl und zwei Packungen Caprisonne nachgespielt habe? Fragt nicht!

 

Dauerbrenner der Woche: immer noch Chris Roberts mit 18 Wochen

Rakete der Woche: tatsächlich Das Lied vom Tod von 0 auf 14

Liebling der Woche: welche Frage! Ennio Morricone!




Donnerstag, 1. April 2021

Nr. 29 vom 1.4.1971 oder Wer hat meine Rosen so zerstört

 

My Sweet Dauerlord: das ist natürlich schon etwas frustrierend, wie es da oben festgenagelt scheint. Hier erst einmal die Top 20 auf youtube. 

Locker die Hälfte der Stücke kenne ich aus Alt-Erinnerung, also von 1971. Etwa  Stücke wie "Rose Garden", die ich wirklich nur nebenbei gehört haben kann und später gewiß weggeklickt. Es ist ja so, dass bei vielen sehr dauerpopulären Stücken, wie etwa My Sweet Lord, die Erinnerung verseucht wird durch nachmaliges häufiges Auftauchen in den Jahrzehnten. Andere Lieder sind nicht immergrün, sondern fest mit einer bestimmten Zeit verbunden. So geht es mir auch mit What Is Life von George Harrison, das in dieser Woche in die Charts kommt, und eben auch mit Rose Garden, das fest an die Anfangsiebziger getackert ist. Und deshalb eignen sich die etwas unauffälligen Hits besser, um eine bestimmte Zeit in der Erinnerung zu möblieren als die Superhits. Frappierend finde ich, wie viele Lieder einer Top 20 von 1971 man kennt, entweder aus dem Jahr selbst oder durch den Kometenschweif, den sie durch nachfolgende Jahre gezogen haben. Ich zähle 15 Stück, das sind drei Viertel, die ich als Fünfjähriger irgendwie eingesogen habe. Ohne Spotify. Es ist schon verblüffend: obwohl die Verteilmöglichkeiten der Musik vor 50 Jahren viel, viel geringer als heute waren, haben sich die Lieder stärker im kollektiven Gedächtnis abgesetzt. 
Wir hatten es ja schon in der letzten Ausgabe stark mit den Rosen, aber jetzt gibt es ein Roseninferno. Auf Platz 8 finden wir nämlich Randolph Rose, mit der Coverversion Silvermoon Baby. Sagen wir es mal so: Randolphs Singtalent wird klar von seiner Begeisterungsfähigkeit übertroffen. Eigentlich ist es ja ein Countrysong, aber Randolph zwingt es in Richtung Strandtanzlied. Aus der ZDF Hitparade haben sich zwei weitere Proben von Randolph Roses Gesang erhalten. Dazu muß man wissen, dass in der ZDF Hitparade immer Halb-Playback war, also die Sänger buchstäblich ihre Stimmkarten auf den Tisch legen mußten. So auch Randolph hier in einer Ausgabe von 1971 und in einer Ausgabe von 1972. 
Das ist alles recht schlimm. Randolph Rose singt sich in späteren Zeiten weitgehend erfolglos und tapfer durch die Jahrzehnte. Wenn man jetzt denkt: hm, Schlager und Rose, da war doch noch jemand - genau, das war Marianne Rosenberg. Das könnte man jetzt für einen Zufall halten, aber Randolph Rose ist tatsächlich der Cousin von Marianne Rosenberg. Donnerwetter! Das wußtet ihr jetzt nicht!
Allerdings verplätscherte sein Erfolg im Gegensatz zu seiner Cousine sehr rasch. Wahrscheinlich mußte man ihn später bei den Möbelhauseröffnungen ankündigen mit: "Und hier ist er, bekannt aus der ZDF-Hitparade, acht Wochen in den deutschen Charts,  - Randolph Rose", wohingegen bei anderen ein "Und hier ist er - Bata Illic" locker hinreichte. Das ist ja auch bei den Besetzungen im Dschungelcamp so, dass sie sorgfältig kuratiert und moderiert werden müssen, damit das Publikum auch verstehen kann, wer vierzehn Tage lang Würmer essen wird. Achtelfinale beim Bachelor, damit bist du halt noch ein Stück weit von Elvis Presley, James Dean und allgemeingültiger Bekanntheit weg.
Zurück zu Randolph Rosenmann! Im Jahr 2020 passiert etwas Merkwürdiges. Ein Gebäudereiniger aus Ostdeutschland stellt sich bei DSDS vor, und zwar mit "100 Jahre sind noch zu kurz", einem Mini-Hit aus dem Spätwerk Randolph Roses. Dieser junge Mann mit dem entlegenen Geschmack kommt nicht nur weiter, sondern gewinnt die Staffel, und singt sein Startlied nochmal als Siegerlied. Und er heißt, es ist kaum zu fassen: Ramon Roselly. Leute! Ich hab das nicht erfunden!
Durch Ramon Roselly wird wiederum Randolph Rose an die Oberfläche des öffentlichen Bewußtseins gespült. Wenn die Flut kommt, steigen alle Boote und Rosen! Daraufhin hat Randolph den 100-Jahre-Schlager noch einmal eingespielt. Meine Güte, was hätte man für einen heißen Scheiß machen können. Eigentlich hätten sie alles, alles machen können, nur nicht das, was sie in diesem Urlaubsvideo gemacht haben, ich weiß nicht, wo das gedreht ist und ich fürchte, es auch nicht wissen zu wollen. Die neue Produktion tut dem ohnehin etwas dünnem Liedchen überhaupt nicht gut (Konservenschlagzeug, Larifarihintergrunddudel etc.). Wer hat dein Lied so zerstört, Randolph!

Übrigens, kurz bevor Randolph Rose seinen Erfolg mit Silvermoon Baby einfuhr, hatte er einen Gastauftritt in einer ZDF-Jugendserie. Nein, nichts mit Rosen. Die Serie heißt "Tommy Tulpe"
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Auf Platz Nr. 19 Daliah Lavi mit Wer hat mein Lied so zerstört, Ma, das Miriam Frances übersetzte, die wir ja schon kennen gelernt hatten. Das Original ist von Melanie, die wir ja erst in der letzten Ausgabe mit Ruby Tuesday in den Goldenen 20 hatten. Was für eine interessante Stimme! Eigentlich hat sie mir ein bißchen zu viel Tremolo. Ich mag eher die mineralwasserklaren Soprane; vielleicht werden wir uns irgendwann einmal bis Abba vorarbeiten: Agnetha Fältskog, das ist für mich der perfekte lyrische Sopran

Melanie, schaut mal hier, ist sogar etwas rauh unterlegt, aber mit einer eigentlich süßeren Stimmlage (erinnert an Susanna Hoffs von den Bangles). Melanie Safka, wie sie eigentlich heißt, wurde berühmt, als sie für die anstellerischen Incredible String Band im Regen von Woodstock einsprang und das ganz fabelhaft machte. Sie landete dann auch auf der Woodstock2-Platte. Jedenfalls eine schönere Stimmlage als ihre Woodstock-Mitsängerin Joan Baez, mit deren Gesang man die Terrasse kärchern kann. Hier Melanie in Woodstock.


Ja, wer war es denn nun? (Quelle: discogs, Polydor)

Hier noch einmal eine wirklich verblüffende Aufnahme des Lieds mit Miley Cyrus (!) 

Ich will gar nicht mal sagen, dass es Miley Cyrus schlecht macht, aber Melanie Safkas Ausstrahlung und Stimme, das ist schon doller als das Chlorhühnchen. Aber eigentlich sind wir ja bei Daliah Lavi, bei dem das Lied vom Melanie-Sirenensopran auf Mezzosopran heruntertransponiert wird (oder ist das gar Alt?), was dem Lied aber gar nicht so gut tut, finde ich. Wer hat mein Lied...ach, ich bin schon still. 


Dauerbrenner der Woche: Chris Roberts mit 16 Wochen

Rakete der Woche: George Harrison von 0 auf 10 mit What Is Life

Liebling der Woche: Another Day von Paul McCartney