Freitag, 13. November 2020

Nr. 22 oder Der lange Schweif der musikalischen Kometen

 


Hier die aktuellen Top 20 auf Youtube!

 Was für eine Konstellation! Das kitschhymnige Song Of Joy auf Platz 1, belagert von Black Night und von Paranoid, zwei ewigen Klassikern der Metallmusik, und darunter die Fußgängerzonenpanflöten von El Condor Pasa. Das wäre, als wäre ein Metallhammer eingepackt in Zellophanpapier mit Schleife drumherum.

Wir haben 10 Bands und 10 Einzelinterpreten in unseren Top 20. Es sind 50 Jahre vergangen. Wie viele dieser Interpreten sind heute noch aktiv? Na, werdet ihr denken, die sind ja alle in Rente, vielleicht drei oder vier? Weit gefehlt. Es sind elf. 60% der Einzel-Interpreten aus dem November 1970 arbeiten noch für ihre Rente, die sie alle schon längst erreicht haben. Selbst Heintje ist im August 65 Jahre alt geworden. Aber auch Heintje hat noch letztes Jahr eine LP „Lebenslieder“ veröffentlicht, die sich immerhin auf Platz 5 der Albumcharts etablierte. Und kurz zuvor hat er noch – das möchte ich ausdrücklich der Ausgabe Nr. 20 nachtragen, zwei Alben „Heintje und ich“ veröffentlicht. Auf der ersten CD sind Heintjelieder, auf der zweiten CD singt Hein Simons. Schaut euch mal das Cover an. Ist das nicht spooky? 

Heintje, und Heintje (Quelle: Heintje, amazon)

Hein Simons, der sein hinein photoshopptes kleines Heintje-Ich umarmt. Ich möchte das ja nicht psychoanalytisch deuten – und lasse es auch.

Schauen wir uns die anderen Fälle an, und kommen wir erst zu den Toten. Das ist erst einmal Roy Black im Jahr 1991, der gefolgt wird von Edwin Starr 2003, Udo Jürgens 2014 und Daliah Lavi 2017. Der Rest ist putzerlgesund und läßt sich zumindest noch auf Schlagerfestivals einladen, wenn sie denn nicht coronalisiert wurden. Die meisten sind übrigens so ungefähr 75 Jahre alt, was zeigt, dass sie alle ungefähr um die 25 Jahre alt waren, als der helle Sonnenstrahl des Popmusikerfolgs ihnen zuerst ins Gesicht fiel.

Die Beharrlichkeit der Bands ist noch verblüffender. Erster Abgang ist natürlich Simon & Garfunkel, die im November 1970 schon acht Monate aufgelöst waren (um sich hin und wieder zusammenzufinden). Die Hotlegs gingen 1971 in 10cc auf (die es noch gibt), Creedence Clearwater lösten sich 1972 auf, Free folgten ein Jahr später. Dann ist bis 2017 Ruhe, als dann Black Sabbath sich in Frieden trennten (wohl auch der Erkrankung des langjährigen Gitarristen Tony Iommi geschuldet).

Rekordhalter sind übrigens Golden Earring, die sich 1961 gegründet haben, damit älter sind als die Beatles und noch immer nahezu in Originalbesetzung aktiv sind. Da sind Deep Purple (Gründung 1967) ja noch richtige Jungspunde, zumal sie immer mal wieder einige Jahre aussetzten. Aber man sollte nicht meckern: drei der fünf derzeitigen Mitglieder waren schon in den Sechzigerjahren dabei (nicht allerdings Jon Lord, gest. 2012, und Ritchie Blackmore, beleidigt seit 1993). 

Adam und Eva, Moses, dann aber kamen sofort Golden Earring
(Quelle: 
AVRO)


Was einem zu dem eindeutigen Schluß bringt, dass die Vergangenheit länger dauert als die Gegenwart. Das wäre eine Binse, weil es ja logisch ist, wenn man etwa die Vergangenheit eines Herrn Jesus auf 2020 lange Jahre beziffert, die Vergangenheit des Dreissigjährigen Kriegs auf 302 Jahre, die Vergangenheit der ersten Beatles-Single auf 58 Jahre, während die Gegenwart ein kleines Dahinspucken ist.

Die Gegenwart der Vergangenheit ist deutlich länger als die Gegenwart der Gegenwart. Wir wohnen in einer Stadt aus Kathedralen, Denkmälern und Hardrockbands, die länger zusammen sind als ich alt bin. Wer hätte gedacht, dass der Schweif des Musikkometen derart lang ist? Vielleicht war 1970 einfach viel mehr los als heute. Jedenfalls hätte damals niemand gedacht, dass man noch in 50 Jahren aktiv oder bekannt wäre, zumal das eine Zeitspanne war, die es in der damals noch jungen Popmusik einfach unausdenklich war. Man hatte noch überhaupt keine Zeit gefunden, dicke Gesteinsschichten aus dem alten Scheiß anzulegen.

Als ich in den Siebzigerjahren musiksozialisiert wurde, gab es den aktuellen Kram. Die Sechziger waren die alten Sachen, und die Fünfziger die uralten Sachen, die sich aber niemand mehr anhörte. Wir reisten musikhistorisch mit leichtem Gepäck. Vor allem hatte es noch keine Achtzigerjahre gegeben, die vielleicht das lange 19. Jahrhundert der Popgeschichte sind. Es ist faszinierend zu sehen, was sich alles schon in der Hitparade spiegelt. Wir stehen am Beginn der großen Schlagerzeit. Black Night & Paranoid sind die ersten Hard-Rock-Hits, weil es den Begriff Heavy Metal noch nicht gab. Alles das wird uns noch Jahrzehnte begleiten, war damals aber brandneu. Und was noch alles kommen wird! Glam, Prog, Punk, Disco, Wave – alles noch nicht existent oder in winzigen Spurenelementen.

Wobei man sich nicht täuschen lassen sollte: man kennt sie nahezu alle noch 50 Jahre später, aber das große Schisma zu den Achtzigern hat kaum einer als Top Act überstanden. Am ehesten noch – und das ist wirklich lustig, Udo Jürgens. 

Popmusik kann wirklich, wirklich alt sein. Golden Earring haben 31 Alben veröffentlicht, und Deep Purple gerade das 20. Studioalbum. 

Rakete der Woche: War von Edwin Starr +6 P.

Veteran der Woche: Der elende Condor 11 W.
Liebling der Woche: Black Night von Deep Purple





Freitag, 30. Oktober 2020

Nr. 21 vom 1.11.1970 oder Vielleicht gibt es irgendwo einen Sinn

 


So, hier einmal wieder die aktuellen Charts vor 50 Jahren in der youtube-Playlist.

Relativ weit unten in der zweiten Woche finden wir auf der 17 das fantastische „War“ von Edwin Starr. Natürlich die ewige und ewig richtige Zeile „War, what is it good for – absolutely nothing!“ Was für eine erste Minute! Das knallige Bläserriff, der Call&Response, das ist wirklich ein Schmuckstück. Die nach wie vor unterschätzten Frankie Goes To Hollywood (für mich ein bißchen die Sex Pistols mit Haargel) haben auf ihrer fantastischen Welcome To The Pleasuredome ein wirklich prima Cover abgeliefert, hier. 

Was ich gar nicht wußte: War stammt ursprünglich von den Temptations, womit diese neben Papa Was A Rolling Stone von 1972 noch eine Großtat komponierten.

Was auch noch auffällt: wie sehr der eiserne Besen der Neuerscheinungen durch unsere Hitparade fegt und klar ist ja: jede Neuerscheinung ist der Tod eines anderen Liedes. Durch diese massive Flutung fällt das Hitparadenalter auf durchschnittliche 3,45 Wochen; ich bin einmal gespannt, wie sich das weiter entwickelt, nachdem im Frühjahr und Sommer die durchschnittliche Zeit noch geringer war.

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Auf Platz 10 finden wir erstmals Daliah Lavi, die im Video auf einem Bahnhof herumhängt.

Daliah Lavis Texte sind deutlich über dem Mary-Roos-Michael-Holm-Durchschnitt, und dafür ist ihre deutsche Textdichterin mitverantwortlich, eine gewisse Miriam Frances. Sie textete auch das berühmte „Wer hat mein Lied so zerstört“ (im nächsten Jahr!)

Bildunterschrift hinzufügen



Frances schrieb auch den Text zu dem famosen Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt von Barry Ryan, das uns ungefähr auch in einem Jahr ereilen wird:

Die Zeit, die trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer, die Zeit, die trennt auch jeden Sänger und sein Lied.

Außerdem im Jahr 1975 das unglaubliche Sechzig Jahre und kein bißchen weise .

Das ist Frau Frances, Textexpertin

Bemerkenswert ist bei den Frances-Texten, dass sie immer Formulierungen oder Zeilen einbaut, die auf eine sympathische Art wunderlich sind. Wie ein Brockhaus-Lexikon zwischen Konsalik-Romanen. Bei den Sechzig-Jahre-und-nicht-weise stolperte ich schon als 10jähriger über die seltsame Formulierung: „Aus gehabtem Schaden nicht gelernt“

Und Daliah Lavi singt diese Woche auf dem Bahnsteig: „Vielleicht gibt es irgendwo einen Sinn, und irgendwer weiß den Weg dorthin.“ Das ist in der Tat erwägenswert.
Sie textete auch für Udo Jürgens, zum Beispiel: „Mein Gruß an die verlorene Kindheit“, in dem sie darüber spekuliert, ob Gott deshalb unerkennbar ist, weil er eventuell etwas angestellt hat. Das ist immerhin eine prüfenswerte Hypothese.

Miriam Frances hat es 1974 tatsächlich auch mal selber probiert, aus dem Hintergrund ins Scheinwerferlicht zu treten. Und zwar ausgerechnet in Am Laufenden Band von Rudi Carrell, in der allerersten Sendung. Da Carrell noch keine Top-Acts bekommen konnte, erklärte er schlichtweg, am liebsten neue, unverbrauchte Talente wie eben Miriam Frances fördern zu wollen (später ließ er Abba auftreten).

Der Ausschnitt ist etwas zwiespältig, ein Deutschlehrerinnentext, und dazu noch mit dem heute muffig riechenden Topos des Wie-Männer-so-sind, das Johanna von Koczian zu einsamer Blüte in Das bisschen Haushalt bringen wird (hier, tatsächlich mit Helmut Schmidt, allerdings erst sieben Jahre später). Alles das sieht heute aus und klingt nach Paläozoikum, aber beachtet einmal, dass der DFB vor haargenau 50 Jahren, zum Zeitpunkt unserer Charts, das "Verbot" von Frauenfussball aufgehoben hat. 
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Auf der 11 frisch eingestiegen ist The Witch von den Rattles. Ich bin kein besonderer Rattles-Fan, sie hatten eine unübersichtliche Anzahl kleinster Hits in einer unübersichtlichen Anzahl Jahrzehnten, und sie hatten  – The Witch, einen zumindest mittelgroßen internationalen Hit. Erheblichen Anteil hat der wunderbare Gesang von Edna Bejarano. Schaut euch mal das Video an: Herbstwald, Kunstnebel, eine unglaublich hippiehafte Band. Zwischendurch hampeln sie herum, lesen und zerpflücken eine Zeitung und trampeln darauf herum, weil ihnen nichts besseres einfällt.

Und: Edna Bejanaro ist die Tochter von Esther Löwy, eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchester von Auschwitz, geboren 1924. Gute Gesundheit, Esther Béjarano! 





Freitag, 16. Oktober 2020

Nr. 20 vom 15.10.1970 oder Wir singen von Liebe und Verlangen

 


So, wieder eine vorzügliche Hitparade, die sich die Deutschen im Oktober 1970 zusammengekauft haben, hier komplett auf youtube.

Heintje stellt auf Platz 15 völlig richtig fest: Es kann nicht immer nur die Sonne scheinen. Hier ein TV-Auftritt aus dem Jahr danach, der wirklich bemerkenswert ist.

Der youtube-Kanal wird übrigens von der Church of Addy Kleijngeld kuratiert, dem emsigen Manager von Heintje, der diverse holländische Entertainer zu ihrem bescheidenen holländischen Ruhm führte, und dazu den Superstar Heintje. Wie auch immer: Heintje wurde wohl von der Regie angewiesen, er solle im Publikum herumgehen und dann einzelnen Zuschauer sein Es-kann-nicht-immer-nur-die-Sonne-scheinen aggressiv ins Gesicht zu singen, was die Angesungenen allerdings nicht so super finden. Und man sieht: es ist nicht mehr der ganz kleine Heintje, sondern der eher mittelgroße Heintje hier unterwegs. Das hat etwas Unangenehmes, wie ein zu groß gewordendes Hundewelpen, das einen plötzlich anspringt.

Lange wird es nicht mehr dauern, dann kommt Heintje in den Stimmbruch und damit in die Krise. Man hätte das mit dem Stimmbruch ja verhindern können, aber so krass war Addi Kleijngeld dann auch nicht drauf. Zufällig habe ich gerade in der famosen Geschichte der Oper von Abbate/Parker heißt dazu gelesen:

“The precise nature of the operation that created a castrato was for long shrouded in secrecy, but the basic process was as simple as it was brutal. Boys with promising musical abilities were operated on before their voices changed, their testicles either removed surgically or bound so tightly that they withered away from lack of blood supply. The voice thus preserved would remain high (although sometimes dropping to an alto range), and moreover could be uncommonly sustained – notes could be held for a long time through a single breath. The hormonal effects of the operation caused significant physical changes. Castrati could become abnormally tall, with expanded rib cages (hence the long held notes), spider-like fingers and other strange characteristics. As one horrified Frenchman wrote in 1739:

Most of them grow big, and as fat as capons, their hips, rump, arms, throat and neck as round and chubby as a woman’s. When you meet them at a gathering, it is astonishing when they speak, to hear a little child’s voice emerging from such a colossus.” (Abbate/Parker, A History Of Opera, p. 70f.)“

Damit hätte er also ausgesehen wie Ivan Rebroff, aber gesungen wie der kleine Heintje. Tatsächlich hält er sich zunächst mit zwei LPs über Wasser, die er auf Afrikaans singt und mit der er sich eine treue südafrikanische Fangemeinde erarbeitet. Eine treue weiße südafrikanische Fangemeinde, muß man wohl ergänzen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das so finden soll. Wir schreiben die schlimmste Zeit der Apartheid, und Nelson Mandela ist seit 10 Jahren im Gefängnis. Wobei ich einmal schätze, dass Heintje selbst das wohl nicht ganz überblicken konnte (Jahrgang 1955). Wie auch immer: er machte zwei Langspielplatten, die erste hier:

Heintje in Suidafrika

Die zweite Platte heißt „Heintje sing van liefde en verlange“. Ich kann weder Holländisch noch Afrikaans, aber ich würde es einmal übersetzen mit „Heintje singt von Liebe und Verlangen“. Übrigens sind beide Platten problemlos über amazon und spotify buchbar. Er hat ja recht. Es kann nicht immer nur die Sonne scheinen.

Apropos Ivan Rebroff. Heintje war zu jener Zeit nicht der einzige mit südafrikanischen Ambitionen. Auch Ivan Rebroff sang gerne auf Afrikaans, auch gerade zu Anfang der Siebziger (Sing Vir Ons, Vir Jou Suid-Afrika). Ich kann das deshalb unbesorgt erzählen, weil Ivan Rebroff tatsächlich kein einziges Mal, auch nicht mit Kalinka, unsere Top20 streifen wird und ich damit nichts vorwegnehme. Ein Afrikaans singender Russe mag einem komisch vorkommen, aber es ist ja noch viel schlimmer. Ivan Rebroff ist genau so viel Russe ist wie Heintje. Eigentlich ist der Ivan Rebroff in Berlin-Spandau geboren und heißt Hans Rolf Rippert. Aber jetzt kommts: Sein Bruder Horst war Jagdflieger und hat Antoine de Saint-Exupery abgeschossen, ja tatsächlich. Ivan Rebroffs Bruder killt den kleinen Prinzen. Das muß man sich jetzt einmal ganz langsam und in einzelnen Schritten vergegenwärtigen: der Bruder des Piloten aus Berlin-Spandau, der den Autor des kleinen Prinzen in Nordafrika abgeschossen hat, singt als falscher Russe für südafrikanische Faschisten Platten mit holländischen Volksliedern ein. Das ist wirklich steil.

Falsches Kyrillisch, Falscher Russe, Falsches Land

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Three Dog Night. Ja, ich hätte spontan geschrieben One Hit Wonder, aber das stimmt natürlich allein wegen Joy To The World nicht. Ich habe mal nachgeschaut: Die Band hatte ganz erstaunliche 18 Top 20 Hits in den USA. Und Mama Told Me Not To Come ist von Randy Newman eigentlich für Eric Burdon geschrieben, aber die 3DN-Version ist viel, viel besser. Schaut euch mal dieses Video an, wie schön 1970 das ist, besser geht 1970 gar nicht. Und gebt zu, es ist ein echter Ohrwurm! 

Da macht es auch nicht, dass ich die Band mit sieben Leuten leicht überbesetzt finde. Sie haben übrigens kaum ein einziges Lied selbst geschrieben, aber einen wirklich guten Geschmack, das hat sich wirklich erstaunlich gut gehalten. Die Geschichte über den merkwürdigen Namen geht so: eine Bekannte der Band hatte einen Artikel über Aborigines gelesen. Wenn es ihnen kalt wird, schlafen diese Aborigines zusammen mit einem Dingo in einer kleinen Erdhöhle. Wenn es so richtig kalt wird, dann schlafen sie mit zwei Hunden, und wenn es gar nachts an den Nullpunkt geht, dann ist es eine Three Dog Night. Tolle Geschichte!

In ihrem drittgrößten Hit Black And White (hier) haben sie dann auch mal klargestellt, wie sie so die Sache mit der Apartheid und Rassentrennung sehen, Herr Heintje und Herr Rebroff.

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Rakete der Woche: Du bist anders von Maffay und Arizona Man von Roos +10

Veteran der Woche: Ein Mädchen nach Maß und der elende Condor

Liebling der Woche: Mama sagte mir, nicht vorbeizukommen, ganz klar!




Montag, 5. Oktober 2020

Nr. 19 vom 1.10.1970 oder Eine schwarze gestohlene Nacht

 


Und hier wieder die Youtube-Playlist für die Hitparade vom 1.10.1970. 

Fünf neue Lieder! Kein Wunder, dass das Hitparadenalter (Ihr erinnert Euch, vor zwei Wochen) jetzt wieder auf 3,75 Wochen gefallen ist. Zumal jetzt auch endlich „DU“ von Peter Maffay raus ist.

Bei den Neuvorschlägen müssen wir aber noch einmal Black Night nachtragen, mittlerweile auf der : 8. Und das war wirklich ein Epochenwandel. Deep Purple war in den Jahren zuvor eher durch stilistische Unentschlossenheit aufgefallen. Sie coverten Beatles-Lieder, machten Soul und gar das vom Keyboarder lancierte „Concerto for Group And Orchestra“. Alles irgendwie ok, aber auch zweite bis dritte Liga. Dann aber, gegen Ende 69, heuerte der Gitarrist Ritchie Blackmore den neuen Sänger Ian Gillan an und sie machten richtig, richtig lauten Rock.

 Sie spielten die berühmte Deep Purple In Rock ein. Die Platte ist auch mit heutigen Ohren bemerkenswert. Mit welcher Unverfrorenheit sie dann Gillans Geschrei, Blackmores Gitarrenriffs und Jon Lords klassische Orgel-Interludien zusammenlöten, als gäbe es keine Bosheit auf dieser Welt. Im Frühjahr spielten sie es dann den Plattenbossen vor. Die fanden es auch gut, aber fragten: „Und wo ist die Single?“ „Welche Single?“ „Die Single, die wir brauchen. Keine Single, keine LP.“ Die Gruppe mietete daraufhin ein Studio, spielte einen Nachmittag durch, mit null Ergebnis. Abends sind dann Roger Glover und Ritchie Blackmore in eine Kneipe, um sich frustriert zu betrinken. Schließlich klimperte Blackmore auf der Gitarre ein Riff. Glover meinte: „Hey, das ist wirklich gut. Blackmore entgegnete: „Das ist Summertime von Ricky Nelson.“ „Dann können wir es ja nicht nehmen.“ „Wieso nicht? Hast du es vorher gekannt.“ „Nein.“ „Na also.“ Es ist wirklich lustig, es sich anzuhören. GEKLAUT!

Schwarze Nacht (Quelle: discogs). Eigentlich ist Harvest ja ein reines LP-Label, aber hier mal eine Single


Wer aber jetzt glaubt, Deep Purple seien die ersten Diebe, möge sich das hier anhören.

AUCH NUR GEKLAUT!

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 Christian Anders wurde geboren als Antonio Augusto Schinzel-Tenicolo, und alles, was später geschah, hätte man sich vielleicht denken, hätte man das gewußt. Antonio! Augusto! Schinzel! Tenicolo! So heißen eigentlich nur österreichische Honorarkonsuln in karibischen Inselstaaten. Christian Anders hat einen youtube-Kanal, auf dem er verblüffend lange Videos einsteuert. Sein Channel bei Youtube belegt, dass Christian Anders möglicherweise etwas verwirrt ist.

Seine Weisheit schöpft Christian Anders aus dem „Buch des Lichts“, das er in Los Angeles von einer spirituellen Gestalt namens MAHA-CHOHAN diktiert bekommen hat. In der englischen Urschrift sind es sogar 4.000 Seiten in einer gigantischen Ausgabe, die der Meister öfter einmal vor sich aufgeschlagen läßt. Mit diesem Buch könnte Anders nicht nur ein Gänseblümchen pressen, sondern die Blüten der gesamten ukrainischen Kartoffelernte. . Eigentlich müßte es Bücher des Lichts heißen, denn es gibt mittlerweile 10 Bände für jeweils 29 €. „Gut so das man es aufgesplittet hat sonst wäre es wirklich teuer geworden“, schreibt ein amazon-User, ja, sonst hätte man sogar 290 € zahlen müssen, für das Buch des Lichts. 

In einem aktuellen Clip zieht er sich gerade Kronen und Brücken selbst (Schmerzüberwindung), das verlinke ich aber nicht, weil es echt eklig ist. „Meine Lieben, ich möchte den Uterus von Michelle Obama sehen“ beginnt er einen seiner Videos (mittlerweile gelöscht), weil ja ganz offensichtlich ist, dass sie ein Mann ist. Und so weiter und so weiter. Das Unangenehme am Doofsein von Christian Anders ist dabei, daß es nicht nur einfaches Vor-sich-hin-Doofsein ist, sondern aufgeladen mit Ressentiment und Abneigung gegenüber anderen vermeintlich Bösartigen und Minderwertigem. Dann wird Doofsein wirklich unangenehm, und genau da ist Christian Anders. Er ist ein typischer Fall derjenigen Leute, denen von Kindesbeinen an viel zu lang viel zu sehr zugehört wurde.

„Die erste Stufe des Freikackens ist der Tod des physischen Körpers“ möge Euch als repräsantiver Einblick in die andere Welt des Christian Anders dienen.

Aber wir schreiben ja das Jahr 1970. Christian Anders ist noch 50 Jahre vom – äh, Freikacken entfernt. Dieses Video ist ein Ausschnitt aus dem Film „Das haut den stärksten Zwilling um“ 

Falls euch das eventuell bekannt vorkommt: ja, wir hatten das schon einmal, und zwar in Folge 15, weil auch Miguel Rios mit Song Of Joy in diesem Film auftritt. Wie auch Christian Anders himself, Ilja Richter, Peggy March, Beppo Brem und Peter Weck. Auf Wikipedia gibt es eine mitleidige Besprechung dieses Durcheinanderfilms

Auf dailymotion kann man sich ihn angucken, aber das habe ich echt nicht geschafft. Mir übrigens nach wie vor rätselhaft, wie Ilja Richter als Jugendlicher durchging. Ilja Richter ist ein Erwachsener, der einen Erwachsenen spielt, der einen Jugendlichen spielt. Christian Anders hingegen lebt von seinem Chorknabengesicht , und irgendetwas sehr, sehr Unangenehmen, das sich jetzt – im Alter und im „Buch des Lichts“ – endgültig durchsetzt.

In 25:36 im Daily-Motion-Video tritt dann Miguel Rios in einer “Disko” auf. Unmotivierte Teenager versuchen zu Song Of Joy zu tanzen, was ein verzweifelter Kameramann surrealistisch einfängt. 

Fast hätte ich vergessen, dass es auch einigermaßen frisches Musikalisches von Christian Anders gibt, aus dem Jahre 2015, und zwar hier. Verblüffend ist, dass er musikalisch aber millimetergenau im Jahr 1970 verblieben ist. Lyrisch hingegen dürfte der Refrain „Du bist wie eine Symphonie von Rachmaninov, du bist wie ein Gedicht von Ovid“ wohl einzig in der Schlagergeschichte dastehen. Es gibt übrigens eine aktuelle Unplugged-Version davon. 

Laßt das alles mal auf Euch wirken. Buch des Lichts, Michelle Obama, Freikacken, Kronen ziehen, Zwilling, Song Of Joy, Rachmaninov.

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Wir schließen mit harmlosen Dingen. „Are You Ready“ von Pacific Gas & Electric ist eines dieser Lieder, das jeder kennt, aber niemand weiß von wem.

Hier eine prima Live-Aufnahme, und frappierend, wie gut sich das gehalten hat.

Prima Band. Sie nannten sich nach einem Energieversorger (man möge mal probieren, seine Band heute „Vattenfall“ zu nennen), aber tatsächlich wurde der juristische Druck später so groß, dass sie sich schließlich in PG&E umbenannten. Lustigerweise benannte sich Pacific Gas & Electric Versorger aber späger auch in PG&E um, aber da war die PG&E-Band schon längst vergessen. Mag sein, dass es eine Rolle gespielt hat, dass sich Pacific Gas & Electric sich mit einer gewissen Erin Brockovich anlegte. Allerdings wird PG&E Versorger bald auch verschwinden, denn er ist waldbrandbedingt Pleite gegangen und wird sich voraussichtlich „Golden State Power Light & Gas Co.“ nennen.


Rakete der Woche: Mama Told Me Not To Come von Three Dog Night +12

Veteran der Woche: El Condor Pasa und Ein Mädchen nach Maß

Liebling der Woche: Are You Ready von Vattenfall

Mittwoch, 16. September 2020

Nr. 18 vom 15.9.1970 oder Viva Musikhaus Prunk in Delmenhorst




Zum drittenmal hintereinander ist Nr. 1 In The Summertime, und wieder lauert dahinter der Alpencondor. A Song Of Joy arbeitet sich langsam Richtung Elysium. Apropos: das hatte ich kürzlich gar nicht erzählt, als wir über Götterfunken geplaudert hatten. Ich war in der fünften und sechsten Klasse im Schulchor, allein deshalb, um noch eine Vier oder bestenfalls eine Drei zu kriegen. Das war nämlich unseren Musiklehrer Herrn M. sehr wichtig. Man konnte locker eine Note gutmachen, wenn man im Schulchor war, und zwei Noten, wenn man im Orchester war, auch wenn es nur die olle Flöte war. Da ich aber komplett unfähig war und bin, ein Instrument zu spielen, mußte ich also meine Stimme im Schulchor verkaufen. Natürlich könnte ich nicht im mindesten singen, aber das fällt nicht so auf, wenn zwanzig schlechte Stimmen gegen zehn schlechte Flöten ansingen. Wie auch immer: genau in eine dieser Stunden habe ich dann die Bekannschaft von Elysium gemacht, weil das im Schulchor gesungen wurde. Nochmal der Text:


Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!

Also, ich interpretierte das so: die Freude der Götterfunken ist die Tochter, die aus Elysium kommt. Ich hielt Elysium für ein Land oder eine Gegend wie Texas, Rheinland-Pfalz oder Transsilvanien. Es hätte mich nicht gewundert, wenn in der ADAC-Motorwelt in den Anzeigen eine Reise nach Elysium für 299 Mark angeboten worden wäre. Ich weiß gar nicht, wann ich mir den Elysiumirrtum korrigierte. Wahrscheinlich, kurz nachdem ich feststellte, dass die Zauber gar nicht binden, was die Mode streng geteilt.


Übrigens ist das sehr interessant, wie wenig dynamisch unsere Hitparade gerade ist. Ich habe das mal für unser Jahr 1970 aufbereitet. Es geht um die durchschnittliche Verweilzeit aller aktuellen Titel der Hitparade. Die ist in dieser Ausgabe auf 3,95 Wochen angestiegen. Anfang April war sie auf 3 Wochen gefallen. Ich bin einmal gespannt, wie sich das in der nächsten Zeit darstellt. Ich tippe darauf, dass es zum Herbst/Winter wieder abfällt und dann wieder steigt. Wir beobachten das weiter!





Wieder ein elender Neueinstieg der elenden Creedence Clearwater: Lookin‘ Out My Back Door. Wir sind gerade so auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, und unser einziger Trost ist, dass es von dort auch nur bergab geht. Es ist ihre LP Cosmo’s Factory, die drei große Hits abgeworfen hat. Ihr größter Hit für Deutschland steht uns allerdings noch bevor, so fürchte ich. Lookin‘ Out My Back Door ist das nervtötende Lied mit dem herausgequetschten „doo doo doo“. Ich weiß auch noch, dass ich das als Kind schon nicht mochte. Das Video zeigt auch wieder einmal die ganze Selbstzufriedenheit der Truppe. Grauenhaft.

 Aber bei den Neueinsteigern ist deutlich mehr Licht als Schatten: zu Black Night werde ich einmal nächste Woche etwas schreiben. Jetzt zu The Who, mit denen der Summertime Blues leider nur eine Woche lang unser Gast sein wird.
Ein großartiges Stück. Schon das Original von Eddie Cochran ist richtig dreckig, aber die Who bringen es noch kaputter, fertiger und abgefahrener hin. Ein Wunder, dass es als Single veröffentlicht wurde und sich dann – wenn auch kurz – sogar platzierte. Es ist eine Auskopplung der berühmten Live At Leeds LP, vielleicht eine der besten LIVE-LPs aller Zeiten. Die Herrschaften spielten vor knapp 2.000 Zuhörern im Refektorium der dortigen Universität, und auch heute verblüfft noch, wie direkt, auf den Punkt, laut und schmutzig diese Platte ist. Als richtig ernsthafte Veröffentlichung war sie gar nicht geplant, sondern quasi bootleg-artig. Und eigentlich war sie als „Live at Hull“ geplant, aber da war die Tonbandanlage kaputt, dumm gelaufen, Hull. Die Platte hat für einiges herhalten müssen, Erfindung des Heavy Metal, Erfindung des Punk und offenbar alles dazwischen. 

Single von 1970. Musikhaus Prunk. Quelle: discogs

Hier die Originalsingle von discogs herübergeladen. Besonders freut uns natürlich der Aufkleber „Musikhaus Prunk Delmenhorst“. Was für ein Supername für ein Musikhaus! Ich wette, die hatten keine CCR-Platten, so etwas hatte ein Musikhaus Prunk überhaupt nicht nötig. Im Netz gibt es Geschichten, wie man später auf Tüten das R aus Prunk ausgelöscht hat. Viva Musikhaus Punk!

Der Summertime Blues hat jetzt auch in dieses Spätsommerberlin des Jahres 2020 geschafft. Der Spätsommer des Sommers, den wir später einmal den Coronasommer nennen werden. Ain’t no cure for the Summertime Blues.


Rakete der Woche: Komm in Boot von Adamo +9
Veteran der Woche: Du von Peter Maffay mit 11 Wochen
Liebling der Woche: natürlich Summertime Blues von The Who


Freitag, 4. September 2020

Nr. 17 vom 1. September 1970 oder Der neueste Hit in Meynypilgyno



















Das hatten wir auch noch nicht, dass die ersten vier Plätze komplett festgenagelt sind: zuerst unser Sommersinger Mungo Jerry, dann das unsägliche Condor Pasa, dann Yellow River (wir werden auch kein Freund davon) und dann Freude schöner Riosfunken. Erst dann schleicht sich die Free klammheimlich in die Top 5. Die Condor-Pasa-Pest ist insofern noch schlimmer geworden, als dass NOCH EINE VERSION eingestiegen ist, und zwar gleich auf Platz 9. Das Beängstigende ist auch, dass es sich hier um eine Flöten- (allerdings nicht: Panflöten-) Version handelt. Es gibt auch mehrere Coverversionen, die meistens von Michael Holm übersetzt wurden („Der Condor fliegt“). Hier eine Fernsehaufzeichnung von 2011, wo Herr Holm den Condor vor einigen Senioren gibt. Die Tititacasee-Mäßigkeit des Bodensees ist allerdings eher gering, und der Condor wird von einigen Möwen gecovert. Wir haben Michael Holm ja für Mendocino angebetet, aber muss das jetzt sein? Das wäre, als würden die Beatles zur Eröffnung von Autohaus Opel Mairhofer in Freilassing spielen. Bitter.
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Ich bin übrigens beeindruckt, wie hartnäckig Shocking Blue auch die deutsche Hitparade – na, nicht überfluten, aber sie sind regelmäßig Gast. Übrigens werden sie sogar bis 1972 in Deutschland Hits haben, sowieso natürlich in NL, wo der Railroad Man sogar Nr. 1 gewesen ist. Wohlgemerkt: gewesen ist, denn zu damaligen Zeiten gab es noch eine Zeitverzögerung zwischen den Länder-Charts. Als langjähriger Holland-Urlauber wußte: wenn ich aus den Ferien zurückkam, waren die Lieder, die in Holland sich schon wie alte Pantoffeln bogen, in Deutschland der neueste heiße Scheiß. Ich habe das einmal für einige Titel aus unserer aktuellen Top 20 nachvollzogen, und zwar in Bezug auf den Chart Entry in die Top 20:



UK
NL
D
Shocking Blue/ Railroad Man
-
06.06.1970
15.08.1970
Mungo Jerry/In The Summertime
06.06.1970
27.06.1970
15.07.1970
Christie/Yellow River
02.05.1970
06.06.1970
01.07.1970
Free/All Right Now
06.06.1970
04.07.1970
15.08.1970
CCR/Up Around The Bend
20.06.1970
16.05.1970
15.06.1970
Mr. Bloe/Groovin' With Mr. Bloe
09.05.1970
04.07.1970
01.08.1970
Cecilia/Simon & Garfunkel

09.05.1970
01.05.1970

Und siehe da: tatsächlich gibt es eine Verzögerung zwischen D und NL, und auch zwischen NL und UK. Idealtypisch sieht man das an Yellow River von Christie: Anfang Mai in die englischen Charts, Anfang Juni zu den Holländern und Anfang Juli dann zu uns nach Deutschland.

Es liegt aus Vermarktungsgründen eine gewisse Logik darin, die Hits mit einem Kometenschweif über den Himmel ziehen zu lassen: so war es dann eher möglich, Auftritte in Fernsehsendungen etc.

Interessant ist es, dass es von Westen nach Osten geht: zuerst in England, dann Holland, dann Deutschland. Das wäre natürlich super, wenn die West-Ost-Gezeitenwelle der Superhits dann in Ostsibirien so langsam ausläuft, dass man etwa in Meynypilgyno, das ist das ländliche Ostsibirien, NOCH NIE El Condor Pasa gehört hat.

Überhaupt kochten lokale Plattengesellschaften auch ihr eigenes Süppchen; als Beispiel hier einmal die drei Länderausgaben der Singles von Yellow River. Warum? Weil sie es konnten. Und immerhin ist hier sogar die B-Seite jeweils gleich, was keinesfalls immer der Fall war. Die Plattenfirmen haben sich ja sogar länderbezogen an den LPs vergriffen, wie der berühmteste Fall der Beatles bei Capitol/USA und EMI/Europa zeigt: bis 1967 (und das ist drei Jahre her!) hatten alle Beatles-LPs in USA und UK eine andere Tracklist oder sogar andere Namen. 











Wir haben uns extrem an die Gleichzeitigkeit gewöhnt und halten sie für eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse, obwohl es eigentlich eine Gleichzeitigkeit der Medien ist. Bis zur Verlegung des ersten Transatlantikkabels 1866 konnte ein Ereignis, das heute in Amerika stattfand, frühestens in einer Woche in England sein, es sei denn, der Krakatau fliegt in die Luft, was so laut, dass es ein Drittel der Weltbevölkerung hören konnte. Aber da es noch kein Radio gab, war man wiederum auf Zeitungen angewiesen. Man lese beispielsweise einmal die Berichte von der ersten Fußball-WM 1930, die Wochen später in Europa eintrudelten. Bis 1956 (also 14 Jahre vor dieser Hitparade!) wurden Telefongespräche über Langwellen-Funksender zwischen USA und Europa ausgetauscht, und zwar zuletzt 2.000 pro Jahr. Über Whatsapp werden aktuell 60 Milliarden Nachrichten verschickt, und zwar pro Tag.
Das Schöne war, dass man in gewisser Hinsicht Zeitreisen unternehmen konnte. Ich weiß  noch, wie ich aus dem Osterurlaub 1981 mit der neuen Fischer Z mit Red Skies Over Paradise gekommen bin. Das kannte bei uns niemand. Marliese, Berlin, Cruise Missiles, das war toll, das war ein bißchen Reggae, Punk und Politik. Ich war ein Musik-Orakel im Freundeskreis. Der Effekt hielt ungefähr zwei Wochen an, und da ich nichts neues Neues nachliefern konnte, war ich dann wieder der übliche Langweiler, der ich vorher auch gewesen war. Ja, so war das im theatre of memories („Berlin“). Aber vielleicht sollte ich mal nach Meynypilgyno. Da kennen sie Fischer Z garantiert noch nicht.
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Neu auch die Hotlegs mit dem doofen Titel „Neanderthal Man“. Aber bitte nicht unterschätzen. Bei den Hotlegs handelt es sich um die späteren 10cc, auf die wir uns in den nächsten Jahren noch freuen werden (z.B. auf das unglaubliche „I’m not in love“). Ich lese mit Erstaunen, dass diese Hotlegs tatsächlich eine LP herausbrachten, und die ist auch noch ziemlich gut, jedenfalls um Längen besser als dieses öde Neanderthal Man, hört mal hier.



Rakete der Woche: Lola und Flöten-Condor-Pasa (jeweils +11)
Veteran der Woche: Du von Peter Maffay mit 10 Wochen
Liebling der Woche: Never Marry A Railroad Man von unseren Holländern!



Freitag, 14. August 2020

Nr. 16 oder Die Zeit trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer





Nachdem wir beim letztenmal völlig undiszipliniert bis zum ollen Furtwängler abgeschweift worden sind, bewegen wir uns heute doch etwas dichter an unseren Goldenen 20, an Pop und Schlager, hier wie immer auf youtube.

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Überhaupt noch nicht gewürdigt wurde Barry Ryan mit „Kitsch“ auf der 19. Barry singt kitschig über Kitsch, was an sich schon seltsam ist. Wenn man sich den Text anschaut, wird es eher noch mysteriöser:

I saw a queen all dressed in green
but I could see she had no soul
I see the moon shining in June
what we all need is Rock and Roll

Das stimmt ja alles irgendwie, aber ist auch nun – seltsam. Barry hatte seine Karriere zusammen mit seinem Zwillingsbruder angefangen (die schmale Abteilung der Zwillinge in der Popmusik. James Boys, Bros, Kelley und Kim Deal, die Kaulitz-Brüder). Besonders interessant ist es bei den Ryan-Zwillingen, dass sie zwar eine wohl einigermaßen ähnliche DNA hatten, aber Paul war im Gemüt deutlich empfindlicher und konnte den Starrummel (ab ca. 1965) nicht mehr ertragen. So wurde beschlossen, dass Barry weiter die Rampensau geben sollte und Paul aus dem Hintergrund musikalisch agieren. Gedacht, beschlossen, gemacht. Das erste Lied, das Alleine-Paul für Solo-Barry komponierte, war dann ausgerechnet Eloise im Dezember 1968, ein transgalaktischer Megasuperhit. Auch heute noch wirklich hörens- und bemerkenswert. Mehr Oper war wirklich nie in der Popmusik.

Die beiden hatten noch einige respektable Hits, bevor Barry/Pauls Karriere dann verplätscherte. Auf Bestreben der BRAVO nahm Barry sogar einige deutschsprachige Lieder auf, unter anderem „Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt“. Das ist zwar erst 1972, aber man muß die Feste feiern, wie sie fallen, deshalb jetzt schon dieser großartige TV-Ausschnitt. Keine Ahnung, was das für eine Show gewesen ist. Die dort sitzenden Jugendlichen sind jetzt auch schon Rentner. Das Lied hat bemerkenswerten Zeilen:

Die Zeit trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer,
Die Zeit trennt auch jeden Sänger und sein Lied.

Ausgedacht hat sich diese Zeilen eine gewisse Miriam Frances, die Schlager-Checkern bekannt ist als Textdichterin vor allem für Daliah Lavi (Wer hat mein Lied so zerstört), und die eigenartigerweise der erste Gast in Rudi Carrells frischerShow Am Laufenden Band im Jahr 1974 war.

Aber zurück zu Barry Ryan. Er heiratete kurz eine andere Miriam (Miriam binti al-Marhum Sultan Sir Ibrahim), die Tochter von Sultan Sir Ibrahim Al-Masyhur Ibni Almarhum Sultan Abu Bakar Al-Khalil Ibrahim Shah aus Malaysia, aber die Ehe ging schief. Paul hingegen zog sich schon in de Achtzigern zurück, eröffnete einige Friseursalons und starb mit 44 an Lungenkrebs.
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Mr. Bloe: ich habe ja ein Herz für One-Hit-Wonder, und Mr. Bloe ist außerdem noch ein besonders eigenwilliges Stück. Ein Instrumental, und dazu noch von vollkommener Unauffälligkeit. Rhythmus, Klavier und darauf dann eine Mundharmonika. Man würde sich so denken: maximal B-Seite. Und genau so war es auch: es gibt hier  die Originalversion des Stückes der ominösen Gruppe „Wind“, und da ist es tatsächlich eine B-Seite. „Wind“ war das Projekt von Tony Orlando, der uns einige Jahre später mit Tie A Yellow Ribbon Round The Old Oak Tree den Cullinan-Diamanten der Schmachtfetzen schenkte: Er war allerdings an Mr. Bloe überhaupt nicht beteiligt, ebenfalls nicht als Komponist, und als Sänger auch nicht.
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Auf Platz 16 neu The Green Manalishi von Fleetwood Mac, ein fantastischen Stück der frühen Fleetwood Mac (die ganz anders sind als die Rumours-Tusk-Fleetwood Mac).

Ein wirklich cooles Stück, und musikalisch ein Zwillingsbruder des ebenso großartigen Oh Well, das wir schon gewürdigt hatten. Es war das letzte Lied, das der damalige Bandchef Peter Green mit Fleetwood Mac aufgenommen hat. Und Peter Green ist gerade erst, am 25.7.2020, gestorben. Die Geschichte ist ein wenig ähnlich wie bei Syd Barrett von Pink Floyd: der psychisch labile Bandchef hat ein Drogenproblem und verläßt die Gruppe. 

Langhans, Obermaier. Quelle: br, DPA bildfunk
Angeblich soll es ein einziger LSD-Trip gewesen sein, der Peter Green damals aus der Bahn warf. Der Bandkollege Jeremy Spencer erinnert sich: „Als wir am Münchner Flughafen auftauchten, sind plötzlich diese Leute aufgetaucht: Ein sehr schöne Frau in einem schwarzen Samt-Mantel und ein Typ, der mit seiner Nickelbrille wie John Lennon ausgesehen hat.“ Die sehr schöne Frau war Uschi Obermaier, der Pseudo-Lennon war Rainer Langhans. Sie fuhren in eine Aussenstelle ihrer Kommune auf einem Schloss in der Nähe von Eching und musizierten die Nacht lang durch. Und genau da hat sich Peter Green den schlechten LSD-Trip geschmissen. In seiner Erinnerung später war es übrigens diese Nacht, in der er es zum ersten und zum letztenmale geschafft hatte, die Musik schlechthin, die „eigentliche Musik“ zu machen. Es wurde sogar eine Bandaufnahme gemacht, die man Peter Green in die Hand drückte, aber er war so durcheinander, dass er das Band später verloren hat. So reiht sich Peter Green in die Reihe der Suchenden der absoluten Musik (Richard Wagner, Brian Wilson), die es meistens aus verschiedensten Gründen nicht erreicht haben. Wäre diese Tonband nicht verloren gegangen, dann hätten wir jetzt gar keinen Streß mehr mit deutschen Hiphop, mit Helene Fischer undsoweiter, und die Zeit hätte auch nicht mehr Tanz und Tänzer getrennt. Wir würden Peter Greens Absolute Musik hören und alles würde sich von da an für uns fügen. 

Vielleicht liegt ja irgendwo noch ein Tonband herum, beschriftet mit „Schloss Kronwinkl März 1970“. Bitte nicht in die Restmülltonne werfen. Da ist nämlich die absolute Musik drauf!


Rakete der Woche: All Right Now von Free
Veteran der Woche: Du von Peter Maffay mit 9 Wochen
Liebling der Woche: The Green Manalishi von Fleetwood, ganz ganz nahe an der absoluten Musik!