Donnerstag, 2. Juli 2020

Nr. 13 vom 1.7.1970 oder Beischlafnummern mit eindeutigen Gesten (und Kannibalen)


Und hier sind sie wieder: die Top 20 aus dem Sommerberlin 2020 für das Jahr 1970.

Oh, eine Doppelspitze! Ich bin einigermaßen sicher, das wird sehr selten vorkommen. Wie zu befürchten war, zieht der Condor auf Platz 1 und im Flügelschatten schleicht sich das ungleich schönere Cecilia auf Platz Nummer 2. Ich fürchte ja, es wird mit dem Condor noch einige Wochen dauern. Seltsam auch, dass es ein Sommerhit gewesen ist. Es ist ein ekliges Stück, aber irgendwo doch überhaupt nicht sommerlich. Ihr kennt doch sicher die Geschichte vom Flug 571 nur zwei Jahre später über eine Rugbymannschaft, die in den Anden abgestürzt ist. Ich habe mal das Buch eines Überlebenden dazu gelesen. Von den 45 Passagieren und Besatzung starben gleich 17 beim Absturz oder in der ersten Nacht. Für die anderen wurde es rasch ungemütlich, da man nur Schokolade und etwas Wein als Proviant dabeihatte und auf 3.800m in den Anden auch keine Spargelfelder sind. Ja, und so haben sie sich dann gegenseitig aufgefuttert bzw. nur die Gestorbenen, die ja alle glücklicherweise tiefgekühlt waren (ja, ihr habt jetzt alle Bilder von der Tönnies-Schlachterei im Kopf. Dafür kann ich nichts). Insgesamt mußten sie fast 2 ½ Monate ausharren, bis sie gerettet wurden. Angeblich wurden nur zwei Frauen unangegessen gelassen (es starben insgesamt 29 Personen). Ja, und wo war während dieser Zeit El Condor Pasa? Wahrscheinlich in der Fußgängerzone von Gelsenkirchen, auf der Panflöte.
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Schauen wir doch einmal wieder in den SPIEGEL: interessanterweise gibt es im Juni 1970 eine Sondernummer zu „Popmusik“. Ich muß sagen, ich war wirklich außerordentlich erstaunt nach Lektüre des achtseitigen Leitartikels. Die Autoren schreiben über aktuelle Rockmusik in ihrem typischen SPIEGEL-Stil wie sie später über Waldorf-Pädagogik, Hare Krishna, Atomkraft Nein Danke, Fridays for Future geschrieben haben: leicht überheblich, etwas ironisch, aber durchaus mit Verständnis: so sind die jungen Leute halt. Moment. Wir haben Juni 1970. Was ist denn an Rockmusik neu? Wir sind im Jahr 8 der Beatles, die sich soeben getrennt haben. Rock, der heiße neue Scheiß?

Dann habe ich langsam kapiert, was mit als SPIEGEL-Leser, der erst ein Dutzend Jahre später eingestiegen ist, völlig fremd war: der SPIEGEL war damals ein Blatt für alte Menschen oder junge Menschen, die sich wie alte Menschen anzogen. Sozusagen für alte weiße Männer. Für die Leser von Günter Grass. Dort die geringste Vorbildung für Popkultur zu vermuten, wäre zu recht waghalsig gewesen. Im Text wimmelt es davon, wie langhaarig, wild und drogensüchtig die Konsumenten dieser merkwürdigen „Rockmusik“ sind. Deshalb setzen sie drollig jeden Bandnamen in Anführungsstriche und versuchen den althumanistischen Lesern ein wenig von der Weirdness dieser Popmusik durch die Übersetzung von LP-Titeln zu vermitteln: „Ihrer satanischen Majestät“ und „Hof des karminroten Königs“. Ansonsten versuchen sie den anständig angezogenen Bildungslinken ein klein bißchen Schauer zu vermitteln:
„Sie lieben das Verrrückte, Bizarre, Groteske, und Bands wie die „Rolling Stones“ und die „Family“, „Jefferson Airplane“ und „Grateful Dead“ animieren sie dazu.“ (SPIEGEL 25/1970)

Gerade bei den Bands rollen einem Gegenwärtigen Tränen der Rührung über die Backen, wenn ein Absatz später z.B. noch „Ten Years After“, „Jethro Tull“ und „Fleetwood Mac“ als heißer Scheiß zitiert werden. Das sind alles Sachen, die auf der Schwelle zwischen Elternmusik und Großelternmusik stehen. Vielleicht ist mir erst wieder klar geworden, wie unglaublich lange dieses 1970 doch her ist, denn man unterliegt der Illusion, so weit könne es ja nicht zurückliegen, weil man es ja selbst (als Fünfjähriger) noch miterlebt hat.

Für Nackte ist natürlich auch fotografisch Platz, denn die Gammler haben nicht nur dreckige Sachen an, sondern ziehen sie sich auch noch aus.


Sehr wenig Dreß (Quelle: SPIEGEL 25/1970)


Es ist nämlich so: „Fast alle Bands haben in ihrem Repertoire Beischlaf-Nummern, die mit eindeutigen Gesten vorgetragen werden.“ Was für ein geiler Scheiß!

Und beim gesellschaftlichen Herumerklären verwickelt sich der SPIEGEL dann auch in seinen eigenen Widersprüchen (die man natürlich sieht), etwa wenn er über Liverpool schwadroniert, denn dort „…fühlten sich die jungen Proletarier so deklassiert wie die Neger. In ihrer Wut trommelten sie aggressive Negerrhythmen und paukten sich damit aus Kellern und Gossen nach oben.“ (SPIEGEL 25/1970)

Allerdings vergißt der SPIEGEL nicht zu erwähnen, dass die „Neger“ selbst die „Negerrhythmen“ gar nicht mögen, „denn Amerikas Neger wollen keine Synthese mit westlichem Tongut mehr: sie suchen in den afroamerikanischen Musizierweisen Gospel und Soul ihr Heil.“ Das ist insofern richtig gesehen, weil keine zehn Jahre das nächste big black thing startete: Hiphop, damals noch als Rap.

Der Artikel schließt allerdings versöhnlich: „Mit ihren langen Haaren und ihrem exzentrischen Dreß (sic!) plädieren die Rock-Musiker und ihre Geeflogschauft unablässig für Toleranz, friedliches Nebeneinander und Liberalität. Wahrlich, diese Generation taugt nicht mehr zum blinden Befehlsempfang, sie verweigert sich jeglichem Drill.“ (SPIEGEL 25/1970)

Tatsächlich. So ist es dann auch gekommen.

  

Rakete der Woche: Yellow River von Christie
Veteran der Woche: gleich 3: Let It Be, House of the rising Sun und Bridge over troubled Water
Liebling der Woche: Let It Be (ist ja auch bald weg).




Montag, 15. Juni 2020

Nr. 12 vom 15.6.1970 oder Geist, Vogel, Stern




Zuerst wie immer der Link zur aktuellen Hitparade bei youtube. .

In der heutigen Folge werden wir den Blick unentwegt nach oben wenden müssen! Es geht los mit Norman Greenbaum. Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut, die Nummer 1. Er ist wirklich ein echtes, reines, kristalllines One-Hit-Wonder. Er kam aus der Folkszene in Los Angeles, hatte mit einer längst vergessenen Band einen Viertel Hit, und dann kam schließlich Spirit In The Sky, erst erfolglos, dann ein Riesending überall auf der Welt, ohne dass er irgendwas folgen lassen konnte. Ende der 70er wurde er dann Koch und Metzger. Aber schon Ende der Achtziger entdeckten Regisseure, wie gut sich das Lied als Filmmusik eignet durch den pulsierenden, coolen Rhythmus zum Start, sehr schön hier bei Apollo 13.

Angeblich bekam Greenbaum für jedes Auftauchen der Himmelsgeister in einem Film mindestens 10.000 €. Das ist schon ok. Man muß ja nicht dauernd mittelgute Ideen haben, sondern nur einmal eine richtig gute Idee. Die Einnahmen von Last Christmas etwa schätzt man auf bis zu 8.000.000 $ pro Weihnachten. Das reicht schon für ein schönes, warmes Kaminfeuer.
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Genau das Gegenteil eines One-Hit-Wonders sind Simon & Garfunkel. Interessanterweise stammen ihre größten Hits in Deutschland allesamt von der Bridge Over Troubled Water, obwohl sie vier großartige Studioalben und diverse internationale Hits schon vorher hatten. El Condor Pasa ist allerdings das mit Abstand scheußlichste Lied, das sie jemals gemacht haben. Vielleicht ist der Online-Handel nur erfunden worden, damit die Leute sich nicht in Fußgängerzonen El Condor Pasa auf Panflöten anhören müssen. Interessant ist die Geschichte, wie das Lied zu Simon & Garfunkel kam: die Melodie stammt von einer Band namens Las Incas, die es ebenfalls im Jahr 1963 aufgenommen haben. Paul Simon hörte die Band im Jahr 1965 und fragte nach der Herkunft des Stücks. Die Band erzählte ihm falsch, es handle sich um eine alte peruanische Volksweise. Paul Simon ersetzte den kompletten Text – bis auf den Titel – und nahm das Lied auf (übrigens ohne jede Beteiligung von Art Garfunkel). So landete der Condor pasa auf der letzten LP von Simon & Garfunkel, und zwar ohne Urheber.
Lied Nr. 2 ohne richtigen Urheber: El Condor Pasa (Quelle:discogs)


Los Incas hatten aber Quatsch erzählt. Das Lied wurde 1913 von einem gewissen Daniel Alomia Robles komponiert. ABER: Senor Robles habe wiederum ein altes peruanisches Volkslied als Grundlage genommen, und zwar „Soy la paloma que el nido perdió“, das heißt: „Ich bin die Taube, die das Nest verloren hat“ Um den Diebstahl zu vertuschen, hat Senor Robles die paloma in einen condor verwandelt! Leider gibt es hierzu keine youtube-Version, so dass ich euch mit einer deutschen Kondorpasa-Version trösten muß, und zwar von einer gewissen Eva Folk. 

In Ermangelung von Anden hat Frau Folk im Hintergrund offenbar einen Acker in der Nähe von Bad Nauheim in den Hintergrund, dazwischen einige zusammengeschnittene Sequenzen von Bergen, von denen Frau Folk vermutet, dass sie dem inneren Andenbild ihrer Fans entsprechen. Was? Ihr kennt Frau Folk nicht? Das ist die Eva Folk, die im Jahr 2011 das Lied „Neue Wege“ unter den besten 18 Songs platziert hat, die auf der Jubiläums-CD der Oberhessischen Versorgungsbetriebe für 100 Jahre OVAG herausgegeben wurden, wie ich gerade ihrer Webseite entnommen habe. If you make it at oberhessische Versorgungsbetriebe, you make it everywhere.

Fassen wir nochmal zusammen: Das Lied wurde vom peruanischen Volk als Taube komponiert, von Daniel Robles in einen Condor verwandelt, den Los Incas für Paul Simon nachgespielt, der es umtextete und es ohne Art Garfunkel aufnahm, und zwar als Simon & Garfunkel. Übrigens ist es ein Lied, das ich immer schon, ewig schon, und immerwährend scheußlich gefunden habe. Es ist das Creedenceclearwaterrevival im Schaffen von Simon & Garfunkel. Ich fürchte allerdings, es wird uns noch einige Zeit begleiten, ohne dass ich jetzt oder jemals in die Zukunft spicken würde. 
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Und noch etwas - kaum war dieser Stern vor vier Wochen aufgegangen, ist er auch schon fast wieder unter den Horizont verschwunden: Wandrin‘ Star von Lee Marvin. Ich dachte bislang, man hätte den alten Western-Haudegen Lee Marvin einfach nur so zum Spaß mal dieses Lied einsingen, äh, einsprechen lassen. Weit gefehlt: Wandrin‘ Star kommt aus dem Musical-Film „Paint Your Wagon“ von 1969 (dt: Westwärts zieht der Wind). Neben Lee Marvin spielt Clint Eastwood eine Hauptrolle, und unglaublicherweise singt er sogar: „I Talk To The Trees“ (die Bäume können ja auch nicht weglaufen) https://www.youtube.com/watch?v=nn8YubD01sk

Die weibliche Hauptrolle übernahm Jean Seberg, und hier hatte man immerhin so viel Einsehen, sie nicht singen zu lassen, sondern das eine gewisse Rita Gordon erledigen zu lassen (die nicht mal Credits für den Soundtrack) bekam: Jean Seberg A Million Miles Away Behind The Door.

Die Besetzung ist natürlich super (Quelle: wikipedia)


Der Film ist berüchtigt für seine absurde Länge (fast drei Stunden), für die seltsame Idee, einen Musicalfilm mit drei ausgewiesenen Nicht-Sängern zu besetzen und für seine durcheinandere Handlung.


Rakete der Woche: natürlich unser Kondor von El Condor Pasa von Simon & Garfunkel
Veteran der Woche: Ma belle amie auf der 18 mit 8 Wochen.
Liebling der Woche: Kitsch von Barry Ryan

Freitag, 29. Mai 2020

Nr. 11 vom 1.6.1970 oder Jetzt ist es mein allgemeines Leben




Und hier wieder der Service mit allen Liedern unser Top 20 auf youtube!

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Ganz besonders wenig haben wir uns bisher um Frijid Pink gekümmert. Letzte Woche hatten sie sogar die Nummer 1! Frijid Pink ist ein One-Hit-Wonder, das sich seinen One-Hit nicht einmal selbst ausdachte, sondern ausgeliehen hat. Übrigens nicht von den Animals, denn The House Of The Rising Sun ist viel älter. Die älteste bekannte Aufnahme ist von 1933: von den Herren Tom Clarence Ashley & Gwen Foster. Die beiden sind gewissermaßen auch One-Hit-Wonder, wenn es damals überhaupt schon Hits und Wunder gab. Die beiden haben es aber auch nicht erfunden, sondern sich auch ausgeliehen. Man kann die ersten Spurenelemente des Lieds angeblich sogar bis ungefähr 1740 verfolgen zum Lied Unfortunate Rake, was irgendwie ein bißchen stimmt, andererseit auch nicht, hört es euch selbst an. 
Fazit: House Of The Rising Sun ist ein durch die Jahrhunderte durchgeklautes Lied.

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Einige Wochen hat es sich in der Hitparade nach oben geschlichen, jetzt ist es auf Platz 1: "Du" von Peter Maffay! Gegen Herrn Maffay hingegen kann man ja gar nichts sagen. Sein gesellschaftliches Engagement, nicht nur für die Kinderhilfe, sondern auch gegen Gewalt und Rassismus, ist wirklich vorbildlich. Er scheint wirklich nett zu sein. Das war aber 1970 noch nicht ganz klar. Er war im Vorjahr von Michael Kunze entdeckt worden, dem wir z.B. Die kleine Kneipe, Griechischer Wein, Ich war noch niemals in New York verdanken. „Du“ von Peter Maffay würde ich textqualitativ eher in seinem unteren Mittelfeld verorten. In der Strophe klingt er übrigens genau so wie Ganz-in-Weiß-Roy-Black. Wir stoßen hier auf das dramatische wie lächerliche Element der eingesprochenen Zwischenstrophe. Vier Jahre später wird sich Michael Holm in "Tränen lügen nicht" auch dieses Stilmittels bedienen („Was wirst du anfangen mit deiner Freiheit…“), um den Zuhörer emotional mindestens nach Mendocino zu schicken. Peter Maffay, der 1970 irgendwie auch etwas Jim-Morrison-haftes hat, aber vielleicht der jüngere, weiche, liebe Bruder von Jim Morrison, sprach folgendes in seiner Zwischenstrophe:

Du, ich will dir etwas sagen
Was ich noch zu keinem anderen Mädchen
Zu keinem anderen Mädchen gesagt habe
Ich hab' dich lieb
Ja, ich hab' dich lieb
Und ich will dich immer liebhaben
Immer, immer
Nur dich

Ich sage jetzt mal folgendes: das war gelogen. Peter Maffay hat jedem Mädchen gesagt: Ich hab dich lieb, und das habe ich noch zu keinem anderen Mädchen gesagt. Ich meine, der Mann heiratet jetzt gerade das fünftemal. Und JEDER hat er gesagt: Ich will dich immer liebhaben. Aber gut, was will er machen, wenn das nicht klappt? Ich habe ein großartiges Video zu diesem Lied gefunden!

Feter Mafay vor reichen Leuten (Quelle: 192 TV, youtube)


Völlig rätselhaft ist mir die Umgebung und das Publikum. Die haben Fliegen umgebunden und Abendkleider an, und sitzen entspannt unter freiem Himmel und vor Getränken. So eine Art Der Blaue Bock für Besserverdienende auf Ibiza. Neben dem Herrn im weißen Blazer links von Maffay sitzt übrigens eine junge Dame, die genau so aussieht wie die angebliche Oligarchen-Nichte im Strache-Video. Das ist sehr, sehr seltsam. Ich lese gern auch die Kommentare auf youtube, und stoße auf eine gewisse Miska Maulina, die schreibt:

”Feter mafay. Skrang sebagai umurn aku. Knangn bnget lgu ini buat aku”

Feter Mafay! Der Text ist übrigens indonesisch und bedeutet laut Google Übersetzer: „Feter Mafay. Jetzt ist es mein allgemeines Leben. Warum ist das wirklich gut für mich?“ Das wissen wir allerdings auch nicht. Es ist aber interessant, dass Miska ein allgemeines Leben hat, und vielleicht auch noch ein spezielles Leben. Was mag das sein? In einem weiteren Beitrag gesteht sie (natürlich auf Indonesisch:) „Ist das deutsch Lied der Erinnerungen an mich & Beby“. Aha! So läuft das also.So wird es dann auch speziell. Viel Glück, liebe Miska!


Rakete der Woche: Cecilia von Simon & Garfunkel
Veteran der Woche: Mademoiselle Ninette auf der 6 mit 9 Wochen.Liebling der Woche: dann muß es Peter Maffay sein. Skrang sebrakai! 





Freitag, 15. Mai 2020

Nr. 10 vom 15.5.1970 oder Willy Dobbe rockt den Grand Prix





Grand Prix-Zeit! Falls es diesen Blog länger gibt, werde ich vielleicht einmal pro Jahr eine Sonderausgabe für den Grand Prix Eurovision machen. Fangen wir doch heute einfach mal an! Der Wettbewerb hieß 1970 genau so wie heute: Eurovision Song Contest. Er fand schon am 21. März in Amsterdam statt, aber es braucht offenbar einige Wochen, bis die Lieder in die Charts hineininfiziert sind. Immerhin haben wir 3 Titel in den Charts aus dem Wettbewerb. Hier die Playlist der Top 20. Aber jetzt kümmern wir uns mal um den Grand Prix.

Es gab übrigens damals genau so viel Herumbasteln am Modus, Boykotte und den ganzen üblichen Quatsch. Die nördlichen Ländern sowie Portugal und Österreich schwänzten, so dass es gerade mal 12 Teilnehmer gab. Auch der Austragungsort Amsterdam war lange kritisch gewesen, da es 1969 4 Sieger gegeben hatte und man daraufhin den Modus änderte.

Im Netz gibt es eine komplette Aufzeichnung vom ESC Fanclub Thailand (!), inklusive Eurovisionsfanfare und einer bizarren Eingangsanimation mit seltsamer Musik, dann Amsterdam-Luftbilder, alles natürlich schwarzweiß. Dann öffnen sich endlich die Tore zum Congrescentrum – und es ist so rührend, ein richtiges Orchester dort zu sehen, mit anständig angezogenen Orchestermitgliedern. Tatsächlich wurden ja alle Lieder live vom Orchester aufgeführt. Oh, würden die Veranstalter einmal den Sieger von 2006 (Finnland) Lordi Rock’n’Roll Hallelujah sich anschauen. Sie würden glauben, Außerirdische hätten die Welt erobert. Aber ok, was dachten wir damals? Außerirdische haben die Welt erobert, und sie sind sehr häßlich. Ich weiß noch genau, wie der legendäre Peter Urban damals immer schweigsamer wurde, als sich die Punktevergabe zu den Außerirdischen neigte.

Zurück in unser schönes Jahr 1970. Die Eingangsmoderation wird von einer riesig frisierten und sensationell aussehenden Holländerin gehalten, die einen Namen hat, der eigentlich für eine riesig frisierte und toll aussehende Holländerin etwas ungewöhnlich ist: Willy Dobbe. Ich meine, das ist doch eher ein Name für einen Eisenwarenhändler oder so ähnlich: Willy Dobbe Stahlwaren KG. Allerdings dauert die Eingangsmoderation nur genau 24 Sekunden und dann geht es schon los. Die startenden Holländerinnen bestehen praktisch nur aus Haaren und haben ein ausgesucht scheußliches Lied, und zack, weiter, Schweiz (langweilig), zack, Einspiel, Italien (kann nicht singen). Dann aber: Slowenien, ein junges Mädchen namens Eva Srsen aus Laibach in einem pfirsichfarbenen Kleid, die total süß ist, und slowenisch so singt, als wäre es schwedisch. aber nur den vorletzten Platz machte. Schiebung! Zack, Einspiel, Belgien; Frankreich etc. 

Eva Srsen: toll, aber chancenlos (Quelle: Eurovision Fanclub Thailand/Eurovision Song Contest)

Dann der haushohe Favorit Mary Hopkin. Sie macht eigentlich alles richtig mit Knock Knock und ihrem Karamellsopran, aber Those Were The Days ist wirklich sehr viel toller. Als Kind hatte ich übrigens davon die Single. Das eigentlich Verblüffende ist die Plattenfirma: Mary Hopkin gehört zu den ganz wenigen Acts der Plattenfirma Apple, die nicht Beatles waren. Was immer wieder etwas verwirrend ist, wenn man sich das Label anschaut, zumal wir ja auch noch Let It Be in den Charts haben. 


Zweimal Apple, kein Smartphone

Praktisch alle männlichen Interpreten haben einen Anzug mit Fliege, alle Frauen ein buntes Endsechziger-Kleid. Die Holländer machten mit Drei-Frauen-mit-viel-Haaren eigentlich die Ausnahme. Dann kommt Spanien, mit dem jungen Julio Iglesias in einem freibadblauen Anzug mit freibadblauer Krawatte. Man merkt schon, dass er Talent und Stimme hat, aber ihm fehlt noch völlig das Coole-Sau-Mäßige des mittleren Julia Iglesias. Der Zwang, in einer Landessprache des Landes zu singen, führte übrigens bei 5 von 12 Interpreten zu Französisch, und nur 2mal zu Englisch.

Ja, und dann kommt Katja Ebstein, die tatsächlich dreimal teilgenommen hat und mit zwei dritten und einem zweiten Platz mehr als respektabel abgeschnitten hat, aber eben nie gewonnen hat. Übrigens war sie (da hieß sie noch Karin Witkiewicz) eine Freundin von Benno Ohnesorg, der kaum drei Jahre vorher erschossen worden ist. Katja Ebstein ist so ähnlich angezogen wie Julio Iglesias. Und Wunder gibt es immer wieder ist ein echter Killer-Track, leidet aber an der souligen, etwas leierigen Strophe. So etwas ist einfach zu kompliziert für einen ESC. Und anschließend kommt mit Dana ein Niedlichkeitstornado aus Dublin mit All Kinds Of Everything, mit einer Vanessa Paradis-Zahnlücke. Bis auf Katja Ebstein waren fast alle Frauen vor allem niedlich, seltsam eigentlich, so kurz nach 1968. So, jetzt haben alle gesungen, und es sind nicht einmal 50 Minuten vergangen. Die merkwürdige Studiodeko aus Bögen und Kugeln wird verändert, Tanzschulenauftritt.

Eigentlich kein Superfavorit, ich fand am besten Jugoslawien, England, Irland und vielleicht noch Monaco. Mal sehen, was passiert.

Mal ehrlich: hättet ihr gedacht, dass diese Dame „Willy Dobbe“ heißt? (Quelle: Eurovision Fanclub Thailand/Eurovision Song Contest)
Dann kommt endlich wieder Willy Dobbe mit ihrer schönen Frisur. Jetzt weiß ich auch, woran sie mich erinnert: Dusty Springfield in der Dusty-in-Memphis-Zeit. Die ziemlich lausige youtube-Kopie des ESC-Fanclub Thailand (!) wird jetzt farbig und Willy macht das mit Royal-Unie doze points wirklich ganz fabelhaft. Außerdem hat sie ein Kleid mit silbernen Kugeln, was beim Umarmen gewiß Druckstellen verursacht hat. Große silberne Kugeln hingegen waren der zentrale Bestandteil der Studiodekoration. Zur Punktevergabe: Jedes Land darf 10 Punkte verteilen, und zwar irgendwie, weil in jedem Land 10 Leute in der Jury sitzen (also halb Luxemburg). Am Anfang merkt man schnell, dass es gegen Mary Hopkin und für Dana läuft. Dann aber wählt Jugoslawien, das Irland verschmäht, aber vier Punkte an GB gibt: 11:11. Dann Belgien, die Monaco eine Stimme geben, aber neun für Irland. Leichte Aufruhr im Publikum. Übrigens tragen fast alle Männer im Publikum einen Anzug mit Krawatte, die Frauen in Abendkleidern. Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns einen Gefallen getan haben, praktisch das ganze Leben zu entformalisieren. Ein sehr hoher Anteil von Menschen sieht praktisch immer und überall gleich aus. Und wenn man ehrlich ist: Männer in einem Anzug und Frauen in einem Abendkleid sehen fast immer mindestens akzeptabel aus, - deshalb hat man die Sachen doch erfunden! Während viele in der internationalen Uniform der Formlosigkeit, nämlich Jeans und T-Shirt, ganz einfach scheiße aussehen. Es nützt ja nichts, wenn die Schönen darin schön sind, denn die sind in allem schön.


So sehen Sieger aus (Dana mit vier Kugeln)


Bemerkenswert dann die Engländer: sie geben der tollen Slowenin zum erstenmal Punkte, und das gleich vier Stück, aber auch Irland 4. GB schafft es einfach nicht, den Vorsprung zu verringern. Nach Monaco wählt Deutschland als elftes Land: es steht jetzt Irland 32 zu GB 23. Wenn jetzt Irland 2 Punkte nicht nach GB vergibt, hat Dana es geschafft. Komischerweise kapieren sie es im Publikum gar nicht, als sie 3 Punkte nach Frankreich geben. Irland gewinnt 32 zu 26.

Dana Zahnlücke hat gewonnen! Sie darf das Lied gleich nochmal, jetzt etwas lockerer und gelassener, dann Abspann, und vorbei nach gerade mal 1h 14 Minuten. Toll!
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In unserer Hitparade sind aus Amsterdam eingetroffen: natürlich Katja Ebstein, natürlich Dana, und dann noch die unglückliche Mary Hopkin.

Rakete der Woche: All Kinds Of Everything von Dana
Veteran der Woche: noch immer  Mademoiselle Ninette auf der 2 mit 8 Wochen.
Liebling der Woche: achja, dann ist es eben Dana. 



Donnerstag, 30. April 2020

Nr. 9 vom 1. Mai 1970 oder Hurra für Lizzie Bravo




Ich habe gerade die Rote aufgelegt. Nicht als Vinyl, sondern über einen Spotify Stream. Allerdings genau wie damals in Mono, allerdings nicht mehr über einen kleinen Plattenspielerverstärker, sondern über eine kleine Alexa.

Und hier der youtube-Link zu der Hitparade.

Beatles. Damit hat alles angefangen. Eigentlich bin ich ja mit Jahrgang 1965 deutlich zu jung für die Beatles, wenn man seine wichtige Musik irgendwann zwischen 12 und 15 hört. Das waren dann die Jahre 1977-1980, und Ihr denkt jetzt sicher: oh super, die Zeit der Sex Pistols, Ramones, Joy Division. Nein, denn wir waren umgeben von Smokie, Boney M, Village People und Bee Gees. Die Beatles waren damals nicht einmal so kanonisch wie heute. Es war ein bißchen alter Scheiß, für den sich gerade niemand mehr so interessierte. Die berühmten Sampler 1962-1966 („die Rote“) und 1967-1970 („die Blaue“) waren fünf Jahre vorher erschienen und damit waren die Beatles für die Welt erst einmal erledigt.



Nicht für uns - wir hörten diesen alten Scheiß. Es begann mit drei Singles, die von Odeon neu aufgelegt waren, Please Please Me, Can’t Buy Me Love und Help. Dann kam sehr schnell die Rote, und damit hatten wir schon 29 Lieder. Wir waren am Anfang sogar zu viert, aber schließlich der harte Kern aus Michael, Christoph und ich. Michaels Eltern hatten den Soundtrack von Help: weitere 10 Lieder für uns, eigentlich aber nur neun, da die Platte am Rand abgebrochen war, so dass Act Naturally auf Seite B zu Dreiviertel fehlte (warum das auf der Seite A nichts machte, weiß ein Beatles-Auskenner natürlich). Die Blaue kam zu uns. Wir kauften einem Klassenkameraden die Weiße ab, also zu dritt ein Doppelalbum, was bis heute zu komplizierten Diskussionen führt, wem welche Seite gehört (und welches Drittel der vierten Seite). Wir kauften das orangene Beatles-Buch von Rombeck/Neumann („Ihre Karriere, ihre Musik, ihre Erfolge“). Wir begannen uns, daraus abzufragen: Wie hießen die beiden Mädchen, die John spontan als Hintergrundsängerinnen für Across The Universe ins einlud, als sie vor dem Studio nach Autogrammen herumlungerten? Es waren Gayleen Pease und Lizzie Bravo! Sehr viel später habe ich herausgefunden, dass es sogar ein Foto dieser denkwürdigen Begegnung gibt!

Links Lennon, in der Mitte irgendwer, rechts Lizzie Bravo (Quelle: beatlessource.com)

Und irgendwann 1979 waren wir dann komplett, bzw. so komplett man 1979 sein kann (was ungefähr 217 Lieder sind, übrigens eine erstaunlich komplizierte Frage, wie viele Beatles-Lieder kanonisch sind). Wir machten Hitparaden mit Bewertungen von 1 bis 10, mit einer zweiten Liga und Auf- und Absteiger. Get Back war ein Hitparadenfavorit, weil das alle drei nicht nur gut, sondern alle drei super fanden. Das war keinesfalls immer so. Christoph bevorzugte die Sachen von Lennon (I’m Only Sleeping) und ich hatte einen Hang zu Paul-Sachen (Martha My Dear). Zusammen mit Michael hatten wir dann aber einen ausreichend breiten Konsens. 



Neben den bekannten RIESIGEN BEATLES SONGS (zu denen wir Let It Be übrigens nicht so zählten) hatten wir auch den Sinn für das großartige Nebenwerk, etwa Rain (die B-Seite von Lady Madonna) oder Hey Bulldog (auf Yellow Submarine). Während die anderen in der Klasse lieber zu YMCA und Night Fever herumtanzten und mit Kuli SMOKIE auf ihre Jeansjacken schrieben, dachten wir darüber nach, ob Revolver besser ist (Christoph) oder Sgt. Pepper (ich) oder beides (Michael). Die Beatles waren uncoole Musik, weil sie ja schon so alt waren. Das wäre übrigens zeitlich gerechnet ungefähr so, als würde man heute Arcade Fire, Adele oder Kanye West als uralten Quatsch abtun. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: wir fühlten uns nicht schlauer, besser, abcheckerischer, musikalischer als die anderen. Wir wollten halt nicht nach Belfast (Boney M.), Hiroshima (Wishful Thinking), Laredo (Baccara) oder Babylon (nochmal Boney M.), ganz einfach.

An den Beatles konnte man auch lernen, wie Lieder, die man zuerst höchstens mittelmäßig fand, im mehrmaligen Hören aufblühten. So wie Strawberry Fields Forever, ein Lennon-Lied, das sich zunächst etwas leierig anhört, zumal es auch noch ziemlich vertrackt komponiert und arrangiert ist. Und dann hat man es auf einmal kapiert. Noch heute, mehr als 40 Jahre später, halte ich es für eines der größten Popsongs aller Zeiten. Es ist eines der Lieder, die einem niemals verlassen wird. Strawberry Fields Forever, eben.

Merkwürdig war allerdings: an dem Tag, an dem wir komplett waren, da ging es eigentlich abwärts, ohne dass wir das in diesem Moment ahnten. Wir hatten aber festgestllt, dass es neben dem alten Scheiß von den Beatles auch noch anderen anderen alten guten Scheiß gab: Deep Purple, Pink Floyd, Mike Oldfield, Genesis undsoweiter, den ganzen Kanon nach hinten, und den ganzen Kanon nach vorne. 

Noch kurz zu Let It Be: das Lied war eigentlich schon Bestandteil des verunglückten Get-Back-Projekts im Jahr zuvor. Damals wollten die Beatles wieder zurück zu ihrer jungen Unbeschwertheit sieben Jahre zuvor und hatten sogar ein Retro-LP-Cover entworfen, das leider nie zum Zuge gekommen ist. Die halbfertigen Reste wurden dann für die LP Let It Be aufgearbeitet und dann kurz vor der Trennung veröffentlicht.

Eine gute Idee, die nicht umgsetzt wurde

Christoph, Michael und ich haben übrigens immer noch Kontakt. Letztes Jahr haben wir übrigens wieder mal eine Hitparade gemacht. Get Back hat gewonnen.

Rakete der Woche: I-O-I-O von den Bee Gees von Null auf Zehn
Veteran der Woche: Mademoiselle Ninette auf der 1 mit 7 Wochen.
Liebling der Woche: Let It Be auf 2


Freitag, 17. April 2020

Nr. 8 vom 15.4.1970 oder Fünfmal fünfzehn Minuten für die Ewigkeit



Während draußen vor der Tür die Pest wütet (bzw. noch ein bißchen herumwütet), sitzen wir gemütlich vor den Geräten und hören uns die alten Charts an. Recht so! Abstand halten! Am besten gleich 50 Jahre! Und HIER der youtube-Link.

Ich wurde aus dem Publikum auf das famose Love Grows Where Rosemary Goes aufmerksam gemacht. In diesem Video (ich fürchte, sogar aus verschiedenen Bands zusammengeschnitten) schütteln die Mädchen sehr artig ihr Haar.

Tony rockt uns mehrfach! (Quelle: discogs)

Eigentlich ist das Stück arg Sechziger und man würde denken, es ist ca. 5 Jahre älter, bei der damaligen Geschwindigkeit der Popmusik also Welten entfernt. Edison Lighthouse ist nicht nur die Personifizierung eines One Hit Wonders, sondern auch eine komplett artifizielle Angelegenheit: eigentlich hat es Edison Lighthouse nie gegeben, sondern nur den Sänger Tony Burrows, um den die Gruppe sozusagen herumarrangiert wurde. Dieser Tony Burrows ist eine interessante Person. Er gehört zu den Sängern, die auf den frühen James-Last-Platten im Hintergrund immer Sha-La-La oder Hey-Hey-Ho gesungen haben. Rosemarie hingegen war ein echter Kracher. Viel weiter als den heutigen Platz 8 wird es nicht reichen, so viel sei verraten, aber Rosemarie war in UK Platz 1 und selbst in den USA in den Top 5. Es ist faszinierend mit den One-Hit-Wonder. Meistens stehen sie ja eher am Anfang der Karriere, und dann kommt der Superhit, und dann kommt –nichts. Aber das weiß man erst im nachhinein. Alle gucken auf die zweite Single, die auch noch so in die Top 20 kommt. Aber dann die dritte Single! Leider eine Enttäuschung. Und dann die vierte fünfte sechste, und dann gibt es auch keine Singles mehr. Und so verglüht man dann einfach als Sternschnuppe und singt seinen einen Hit auf Eröffnungen von Autohäusern. Faszinierend an Tony Burrows: er ist ein multiples One-Hit-Wonder, was ja eigentlich ein Widerspruch in sich ist, aber hier völlig berechtigt: Tony legte also nicht alle Eier in einen Korb, sondern hatte neben Rosemarie nahezu zeitgleich noch drei andere Hits in UK: Gimme Dat Ding (The Pipkins), My Baby Loves Lovin'" (White Plains) und United We Stand (Brotherhood of Man).

Und zwar wächst sie genau da, wo Rosemarie entlanggeht (Quelle: discogs)

Die Pipkins waren genau so wie Edison ein simples Studioprojekt, die White Plains eine drehtürartige Studioband und nur Brotherhood of Man sollten später noch berühmt werden, da war aber Tony schon längst wieder weg. Aber das ist schon merkwürdig – drei seiner Bands sind One Hit Wonder, und das nahezu zeitgleich. Aber er war zu dieser Zeit nicht einmal ein unbeschriebenes Blatte, denn schon 1967 hatte er seine Viertelstunde Ruhm. Natürlich wiederum ein One Hit Wonder:  Let’s Go To San Francisco von den Flowerpot Men. Nach 1970 hatte Tony dann sein einhitwunderbares Pulver verschossen. Hier eine nette BBC-Doku zum Mann mit den Five-One-Hit-Wonder.
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Das schöne Instant Karma von John Lennon gilt als einer der schnellsten Hits aller Zeiten: Lennon schrieb es morgens, nahm es mittags auf und sendete es abends an die Radiostationen. Überhaupt ist John Lennon eher das Gegenteil eines One Hit Wonders: mit den Beatles war er 28mal in den Top10 in  UK und dann noch einmal 7mal alleine, macht also 35 Hits, das ist fett, Thirty-Five-Hit-Wonder.

Erschienen ist Instant Karma auf Tonträger dann 10 Tage später. In den meisten Ländern – wie Deutschland – allerdings erst 14 Tage später, und damit kam es Let It Be in die Quere. Zu jener Zeit schüttelten Lennon und McCartney sich die Großtaten eben einmal so aus dem Ärmel, als gäbe es nichts Böses auf der Welt. Es muß verblüffend für sie gewesen sein, als sie einige Jahre später feststellen mußten, dass sie etwas verlernt hatten, , was ihnen zehn Jahre lang überhaupt kein Problem bereitete: großartige Hits zu schreiben. Gewiß hatten sie später auch noch Erfolge, aber nach ungefähr 1973 war es Arbeit, wo es vorher einfach nur Geschenke gewesen waren. Die Beatles haben sich ja gerade vor 50 Jahren getrennt, und noch heute wundert man sich etwas über die Nachlässigkeit und Rotzigkeit, mit der das geschah. Als würden Lennon und McCartney damit rechnen, noch drei oder vier Beatles vor sich zu haben. Das hatten sie aber nicht. Man macht nur einmal Beatles im Leben.

Schaut euch aber mal diesen wunderbaren TV-Ausschnitt aus Top Of The Pops an, mit einer Yoko Ono, die mit verbundenen Augen und beschriebenen Tafeln dazuperformt, und einem Klaus Voormann (am Bass), der John Lennon geradezu abgöttisch anschaut. Sie haben keinen Gitarristen, aber der Chef glaubt einfach, alles zu können, und das kann er auch. Super. Offenbar ist die Performance live, ohne Gitarre, nur Bass, Schlagzeug, Klavier und Yoko und jungen Menschen, die schön herumtanzen. Andererseits hat Lennon in dem Video auch etwas leicht Unangenehmes: die Überlegenheit, die Unduldsamkeit, die Hybris und den Hochmut derjenigen, die etwas viel besser als alle anderen können, und genau diese Sache gerade machen. 

We all shine on...

Dazu noch Spaßfakten: Das prägnante We all shine on ist tatsächlich Vorbild für den Buchtitel The Shining von Stephen King. Der laute Trommler aus dem Video (und auf der Platte) heißt Alan White und spielte später lange Zeit bei Yes. Unter anderem trommelte er auch bei Owner Of Lonely Heart, den einzigen Single-Hit von Yes. Der Bassist Klaus Voormann ging 1979 nach Deutschland zurück und produzierte dort eine unbekannte Band namens Trio mit ihrem einzigen Hit Da Da Da - womit sich die Kreise für heute schön schließen.

Rakete der Woche:Du von Peter Maffay, neu auf 10
Veteran der Woche: noch immer Dein schönstes Geschenk von Roy Black mit 11 Wochen
Liebling der Woche: natürlich Rosemary Goes auf der 8

Freitag, 27. März 2020

Nr. 7 vom 1.4.1970 oder Besiegt die Hongkong-Grippe!


Natürlich ist die Goldene 20 nicht in Quarantäne! Ganz im Gegenteil! Ihr habt ja alle jetzt Zeit, alles Mögliche zu lesen und anzuhören, auch die Goldene 20! Hier ist der Youtube-Link für die Top 20 vom 1.4.1970.



Gleich sechs Neuzugänge in der Goldenen 20. Das liegt wohl am Frühling vor 50 Jahren, dass zunehmend altes Zeug herausgekehrt wurde.

Interessant: auch vor 50 Jahren gab es eine außergewöhnliche Grippewelle, die Hongkong-Grippe. Im SPIEGEL-Artikel wird berichtet, dass man in Augsburg Müllmänner zum Gräberausheben verpflichtete, da es einerseits erhöhten Gräberbedarf gab, andererseits die Totengräber so krank waren, dass man befürchten mußte, sie würden alsbald ihre eigenen Kunden. Und Udo Jürgens hat in Quarantäne 4 Pfund abgenommen (in der Goldenen 20 ist er jetzt auch schon 1 Monat weg vom Fenster). Bemerkenswert, wie lahmarschig das Virus damals war: im Sommer 1968 wurde es in Hongkong isoliert, dann zog es im März nach Südafrika, dann im Mai nach Argentinien, um dann im November endlich bei uns zu laden. Da hat unser Corona aber einen ganz anderen Speed!

Total lahme Hongkong-Grippe 1970. Quelle: SPIEGEL 1/1970

Auf keinen Fall möchte ich hier aber Wolfgang-Wodarg-mäßig herüberkommen, es habe das alles schon immer gegeben. Gegen Hongkong konnte man sich damals problemlos impfen lassen. Was aber nicht so viele gemacht haben, weshalb dann ca. 40.000 gestorben sind, was man aber auch erst im nachhinein ausgerechnet hat und auch keinen so richtig doll interessierte, weil es weder Facebook noch Insta gab. Ah, jetzt weiß ich auch, woran dieser Wolfgang Wodarg mich erinnert: an Catweazle! Auch kompetenzmäßig! Salmei, Dalmei, Adomei!


Aber zurück vom virologischen Feld zu unseren kleinen Dingen. Die Beatles hebe ich mir noch ein wenig auf. Neben Creedence Clearwater Revival (habe ich schon ihre Nichtswürdigkeit erwähnt? Ja?) gibt es auf Platz 13 auch einen interessanten Neuzugang: Bridge Over Troubled Water von Simon & Garfunkel.


Brücke über verärgertes Wasser. Quelle: discogs
Ich kann mich erinnern: irgendwann in den Neunzigern, ich fahre auf der Autobahn, Sonntagmittag, und auf einer geruhsamen Interviewsendung im Deutschlandfunk wird jemand befragt (keine Ahnung, wer das eigentlich war), und die Gäste dürfen immer ihre Musik mitbringen, und er hat Bridge Over Troubled Water. Warum denn dieses Lied, fragt der Moderator, und der Gast antwortet: Weil es das perfekte Lied ist. Da ist etwas Wahres dran. Hört es Euch noch einmal in Ruhe an, wie langsam und fast behutsam es beginnt, aber schon in diesen ersten Zeilen klar ist, dass in dem Lied bald Großes geschehen wird. Es ist ein wahnsinnig schöne Melodie, und niemand auf der Welt kann sie so singen wie Art Garfunkel in diesen knapp 5 Minuten. Wobei das Orchester erst richtig nach dreieinhalb Minuten einsetzt, zusammen mit dem Duogesang mit Paul Simon, aber dann ist eigentlich auch schon alles passiert. Ich war damals richtiggehend ergriffen. Es gibt nicht so viele perfekte Lieder. Merkwürdigerweise ist es Let It Be von den Beatles fast ein wenig ähnlich – vielleicht auch ein nahezu perfektes Lied, das sehr sparsam mit Klavier und Gesang beginnt. Dass beide ausgerechnet in derselben Woche ihre Hitparadenkarriere beginnen, ist fast schon eine großmütige Verschwendung üppiger Schönheit. 




Rakete der Woche: Let It be von den Beatles von 0 auf 2
Veteran der Woche: Dein schönstes Geschenk von Roy Black mit 10 Wochen
Liebling der Woche: Bridge Over Troubled Water auf der 13