Freitag, 30. Juli 2021

Nr. 37 vom 29.7.1971 oder Zwölf Knöpfe für ein Halleluja

 

 

Aufmerksame Leser der Goldenen 20 werden bemerkt haben, dass nicht nur Nr. 1 Butterfly oben festgenagelt ist, sondern auch seit 6 Wochen Nr. 2 Chirpy Chirpy Cheep Cheep und Nr. 3 Hot Love. Ein bemerkenswertes 3-Lieder-Kartell, und ich bin sicher, dass es das vorher und nachher nie gegeben hat, wie drei Lieder dort oben unverändert von der Spitze grüßen. Hier die You-Tube-Playlist.

In der Mitte der Hitparade gibt es einen lustigen Zungenbrecher. Luft holen und los: Die Lieder Monika von Ulli Martin, Meilenweit von Martin Mann und Fremder Mann von Marianne Rosenberg liegen auf den Plätzen 11, 12, 13. Welche Fügung der Zeitläufte! Heute werden wir uns erst einmal um Ulli Martin kümmern!

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Ulli Martin heißt eigentlich Hans Ulrich Wiese und gehört zu den Schlagersängern, die es so halb geschafft haben. Halb heißt: nicht in die Michael-Holm-Chris-Roberts-Howard-Carpendale-Klasse. Also die nicht erst in den Achtzigern zur Möbelhauseröffnung singen mußten, sondern schon in den Siebzigern, als der große Hundsstern des Schlager noch gleißend über uns stand.

Frisur wie ein Stückchen Schokoladenkuchen: Ulli Martin

Aber hört mal seinen größten Hit sorgfältig an. Das ziemlich scheußliche Lied hat eine Eigenart, die meiner bescheidenen Meinung nach sich erst später durchsetzte, und dort vor allem bei der sog. volkstümlichen Musik: der Hintergrundchor ist unisono auf den Refrain gesetzt, zusammen mit dem vollen Blech. Das erzeugt die Illusion gemeinschaftlichen Mitsingens, gerade wenn die vorgehende Strophe nur solo gesungen wird. Die Hymnenartigkeit von "Monika" liegt allerdings auch im Original begründet, das "Moja strana, moja bulgaria" und bei dem das Moja Bulgaria so wie Monika geschmettert wird. Dazu habe ich diesen obskuren Clip gefunden, mit der angeblichen Sängerin Krisia Todorova: Sagt mal: das ist doch Karaoke, oder? Die Stimmlage der Sängerin ist eher Mezzo in Richtung Alt, aber doch nicht von einer Zehnjährigen? Rätselhaft.

Zurück zu Ulli Martin. Seine Garderobe fällt auf. Im Monikaclip hat einen Anzug wie der zweite böse Zauberer aus einer Kinderoper. Apropos Anzug: Er hat in einem Interview erzählt, wie er sich für sein Schlagerstarleben einen besonderen weißen Anzug hat schneidern lassen: "Zwölf Knöpfe auf jeder Ärmelseite, zwölf hier links, zwölf da rechts, aber nur einer vorne am Sakko." Schick!  "Ich war der Erste!" fährt er fort, "ich hab' in der Hitparade als erster Sänger den Anzug eingeführt. Hängt übrigens noch heute bei mir im Zimmer. Falls eine Millionärin Interesse hat: Kann sie ersteigern." 12 Knöpfe auf jeder Ärmelseite! Und einen einzigen Knopf in der Mitte! Den Anzug kann man hier sehen, beim Ich-träume-mit-offenen-Augen-von-dir ebenfalls in der Hitparade.

Der Ärmel mit den 12 Knöpfen Quelle: ZDF Hitparade

Das Interview hat Ulli Martin dem Straßenmagazin "Hempels" gegeben. Er lebt in einem mittlerweile Pflegeheim in Bad Bramstedt, hat einen amtlich eingesetzten Betreuer und bekommt 111 € Taschengeld im Monat. Viel ist passiert, und zwischendrin nicht so viel Gutes. So sieht er heute aus, immer noch mit einem prägnanten Geschmack für Oberteile:

Ulli Martin, später. Quelle: Stadtmagazin Hempels 2018

Ich stelle mir vor, wie Ulli Martin, geboren Hans Ulrich Wiese, manchmal, am frühen Abend, in seinem Zimmer im Pflegeheim in Bad Bramstedt seinen weißen Anzug aus dem Schrank nimmt, das Sakko vom Bügel streift uns sich die Jacke überzieht. Und dann mit den Händen über die 12 Knöpfe streicht, 12 links, 12 rechts. Vielleicht denkt er darüber nach, wie so alles gekommen ist. Wie viel doch falsch gelaufen ist. Aber wie er auch mal ziemlich weit oben gewesen ist, und wenigstens das wird ihm keiner mehr nehmen können. Nie.

 Dauerbrenner der Woche: Abraham von Wolfgang, 16 Wochen

Rakete der Woche: Monika von Ulli Martin

Liebling der Woche: Natürlich auch Monika von Ulli mit den 12 Knöpfen


Freitag, 16. Juli 2021

Nr. 36 vom 15.7.1971 oder Jungen die Ähnlichkeit mit Michael Schanze haben


So, ziemlich wenig los in der Sommerausgabe 1971 der Goldenen 20. Gerade mal 3 Re-Entries und null Neuzugänge. Vorne ziehen Butterfly, Chirpy, Hotlove, Brownsugar und Abraham ihre Kreise, wie immer. Hier der You-tube-Link.

Das gibt uns Gelegenheit, einmal ein wenig im Musikexpress herumzublättern. Ich wurde ja erst zehn Jahre später Leser, das heißt, wenn ich mir die 3,50 DM (1981) für ein Heft leisten konnte, was keinesfalls immer der Fall war. 3,50 DM waren ungefähr ein Drittel der Kosten einer italienischen LP-Pressung (9,90 DM) und immerhin ein Fünftel der Investion einer guten deutschen Pressung (17,90 DM). Den Musikexpress allerdings brauchte ich hingegen, um zu erfahren, was ich mir eigentlich hätte kaufen sollen oder müssen und nicht ausschließlich auf das Urteil meiner Freunde zurückzugreifen, das genau so zweifelhaft war wie meines. Wenn ich also den Musikexpress kaufte, hatte ich kein Geld mehr für die dort besprochenen Platten, und wenn ich das Geld sparte, wußte ich nicht, was ich kaufen sollte. Das erinnert ein wenig an die bekannte Geschichte über das arme, aber liebevolle Paar, als er seine Taschenuhr versetzt, um ihr einen schönen Kamm zu kaufen, und sie ihr langes Haar verkauft, um ihm eine Uhrenkette zu schenken.

Musik Express vom Juli 1971

Aber wir sind ja 10 Jahre früher, im Jahr 1971 (1,60 DM für ein Exemplar). Der damalige Musikexpress war noch etwas anders drauf. Eigentlich ist der Muziekexpress eine holländische Zeitschrift, was in den ersten Jahren dazu führte, dass viele Anzeigen auf holländisch für holländische Produkte warben (Mi-lock socks: modern und modieus).

Ansonsten glaubt man erst an eine Schülerzeitung: ausgeschnittene Girlanden-Reprovorlagen, Erlebnistexte, apologetisches Fantum und eine verblüffende große Zahl von Postern. Man hat fast den Eindruck, sich in eine BRAVO verlaufen zu haben. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass damals noch die Welt so jung war (wie wir kürzlich erst beschrieben haben): Nerds und Fans lagen noch einträchtig und ungeschieden beieinander, bevor sie durch ein Bravo-Musikexpress-Schisma in Voll-Checker-Attitüde und naives Dufte-Finden geteilt wurden. Musik ist natürlich im ME wichtig, aber es gibt gerade mal 9 LP-Rezensionen (unter anderem wird LA Woman ganz ok gefunden), dafür aber eine kitschige Kurzgeschichte. 

Und es gibt die Doppelseite mit Kleinanzeigen "ME-TOPPERS". Die Hälfte der privaten Inserate bezieht sich auf den An- und Verkauf von Tonträgern. Die andere Hälfte ist deutlich interessanter: hier möchte man Kontakte knüpfen. Wie es so der Lauf der Welt ist, suchen die Mädchen die Jungs und die Jungs die Mädchen. Was bemerkenswert ist: alle Mädchen suchen langhaarige Jungen. Alle. Die Jungs wiederum behaupten, langhaarig zu sein, wohl damit sie nicht in Kurzhaarverdacht bei potenziellen Brieffreundinnen geraten. Und ja, so funktionierte es 1971: man schrieb sich Briefe. Übrigens sind die überwiegende Anzahl dieser Anbandelungsanzeigen mit Name und kompletter Adresse versehen. Hier zwei typische Beispiele:

Dieser und alle anderen Ausschnitte: Musik Express, 7/71-10/71

Abgesehen von der Langhaarigkeit möchte Frau-32-cm auch einen Typen, der "vergammelt" ist. Wir geben zu: die große Zeit der Vergammelten ist heute vorbei. Übrigens auch der Langhaarigen.



Heutige junge Damen schlagen ob der Musikauswahl  wohl die Hände über dem Kopf zusammen, was für eine grauenhafte Boomer-Mucke. Aber nein, ich muß mich korrigieren: heutigen jungen Damen wird "Led Zeppelin" so viel sagen wie unsereins der Minnesänger "Burkhart von Hohenfels" (Mitte 13. Jhdt)). Und Uriah Heep halten sie glatt für eine Figur aus Charles Dickens.

Die vollständigen Namen und Adressen bei diesem Zeitlupen-Tinder verführen natürlich dazu, einmal nachzugoogeln, was aus diesen Menschen so geworden ist. Gerade bei selteneren Nachnamen führt das auch recht oft zu Ergebnissen. Annette ist Steuerberaterin geworden. Margit arbeitet in einer Firma, die sich offenbar mit Plastinationen von Leichen beschäftigt. Ich glaube, das geht den allermeisten so, die damals vorwiegend Ten Years After und Emerson Lake & Palmer gehört haben.


Auch solche Reisebegleitungsaufrufe gibt es häufig. Hier als Bedingung, um mit den Damen durch Europa zu trampen: Lange Haare, klar, und  "evtl." Bart. Und Student. Und Pink Floyd, Ten Years After und Kraftwerk hören. Ja, ihre Töchter werden alles das übrigens auf ihren No-Go-Listen haben, wenn sie dann zwanzig, dreißig Jahre später durch Europa ryanairten.

Jungs probieren es übrigens auch. Man sieht bei folgender Anzeige förmlich vor sich, wie Günther, Herbert und Dietmar (so hießen junge Leute in dieser Zeit) an jedem Wort ihrer lustig-fluffigen Anzeige feilen.


"Wir sind nicht besonders nett", haha, wie witzig, und "unmusikalisch".  Übrigens halte ich es für nicht den allerbesten taktischen Schachzug, "fast immer knapp bei Kasse" zu sein. Möchte denn der "nette weibliche Anhang" seine Asbach-Cola selber bezahlen? Ich glaube nicht! Dietmar hat übrigens eine respektable Karriere in der Textilbranche hingelegt. Ein echter Womanizer, und wohl jetzt auch nicht mehr knapp bei Kasse. Über Günter und Herbert ist mir nichts bekannt. Weiter:



Das sind schlaue Mädchen. Erst einmal schreiben, und dann mal weitersehen. Immerhin mögen sie kein Creedence Clearwater, sondern so ziemlich alles, was man 1971 für Heavy Metal gehalten hat (wofür es noch kein Wort gab damals außer "Hard Rock").  Übrigens scheint es mir so zu sein, dass das Gammeln von 1971 zum Chillen von 2021 geworden ist. Margrit ist übrigens (wahrscheinlich) Redakteurin bei den Öffentlich-Rechtlichen. Bei diesen Mädchen ist alles glatt gelaufen, das ist glasklar.


Das ist mein Liebling. Die Damen haben klare, deutliche Vorstellungen. "Christel bevorzugt Jungen die Ähnlichkeit mit Michael Schanze haben" ist ein Satz von alttestamentarischer Wucht, glamouröser Großartigkeit und unschuldiger Finesse. Wahrscheinlich erreichte die Damen bald darauf ein Brief mit dem Beginn: "Ich heiße Jürgen und alle sagen, ich hätte große Ähnlichkeit mit Michael Schanze." Oder ich stelle mir vor, wie Christel mit einem Jungen auf dem Karnevalsfest der 8c zusammen Klammerblues zu Nights In White Satin tanzen, er ihr die Liebe gesteht, aber sie einfach sagt: "Helmut, du bist nett, aber du einfach siehst nicht aus wie Michael Schanze."




Neuer Versuch. Hm, "sehe nicht schlecht aus". Er hätte vielleicht schreiben können: "sehe gut aus". Seine Hobbies sind tanzen, diskutieren und Mode. Gammeln allerdings nicht, wie wir befremdet feststellen, aber immerhin hat er lange Haare. Eine gewisse Unentschlossenheit und ein vorsichtiges Abwägen merkt man seiner Zuschrift an. Was er geworden ist: Hochschulprofessor, Spezialgebiet Risikobewertung geworden. Merkt man irgendwie schon.

Man stößt übrigens beim Nachgoogeln dann auch auf Leichen, inklusive Nachruf. Der romantische Boy hat sein Girl gefunden, und auch Kinder gehabt, ist dann aber schwer und lange erkrankt, und 2017 gestorben.



 Und auch noch etwas Ekliges, zum Abschluß:

Der 22jährige "schräge Vogel" sucht ein "flügge gewordendes Girl ab 13", und zwar für Briefwechsel oder "mehr". Das war auch 1971 ein bißchen "schräg". Er legt dann auch noch sein Journalist-Sein mit umfangreicher Reisetätigkeit als Leimrute für die flüggen Girls aus.

Es wird ja nicht alles schlechter, sondern im Gegenteil sehr vieles sehr viel besser. Und unter anderem das Selbstbestimmungsrecht junger Mädchen und Frauen, welches man Anfang der Siebziger unter dem Label sexueller Freiheit großzügig ignorierte, auch und gerade in den damals sich verbreitenden Bildern. Bei Udo Jürgens waren es noch siebzehn Jahr, blondes Haar, so stand sie vor mir, aber dem Schrägvogel reichen 13 Jahr völlig. Aber lange Haare, weil er selbst welche hat, und Schnurrbart. 

Und was soll ich euch sagen: es gibt Schrägvogel noch immer. Das hat mich schier umgehauen. Er pflegt mehrere Webseiten, und er ist in den letzten Jahrzehnten nicht schlecht im Geschäft gewesen. Er ist heute noch genau so unangenehm und klebrig wie vor 50 Jahren. Ein unangenehmer Typ, wie man an jedem seiner Fotos sieht. Kackvogel. Schäm Dich!

Aber so möchte ich auch nicht aufhören. Einen noch. Eine Zuschrift aus Berlin:



Hm. Hartmut ist ohne Probleme auf Facebook zu finden. Und er hat mich jetzt wirklich gerührt. Hartmut ist klein (das schreibt er ja) und hat ein kugelrundes Gesicht. Auf einem Foto posiert er im blauen Sakko, gestreifter Krawatte und schwarzer Hose und einem Hut vor einem unordentlichen Büroregal. Sein Style ist so, was man früher einmal "unvorteilhaft" bezeichnete. Auf einem anderen Foto, im selben Keller, sitzt er in einem blaugestreiften Polo-Shirt  (das ist der Hartmut-Style) da und kneift die Augen zusammen, als würde ihn jemand mit Blitz fotografieren, obwohl man das nicht mehr macht. Er trägt eine silberne Schlüsselkette am Gürtel. Er hat mehrere kleine Hunde einer sehr seltenen Rasse, die aber alle wie ausgestopft aussehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er einen Kleingarten hat. Sonntags fährt er dann raus, angelt den Gartentorschlüssel an der silbernen Kette aus der Tasche, schließt auf, trägt den ausgestopften Hund in den Garten und zupft im Vorbeigehen etwas Unkraut ab. Das ist Hartmut, gegen alle Gewalttaten, und das Aussehen ist egal.


Dauerbrenner der Woche: Die Kackfrösche CCR sind endlich weg! Und jetzt Rose Garden!
Rakete der Woche: Ein verrückter Tag von Michael Holm
Liebling der Woche: I Did What I Did For Maria!


Donnerstag, 1. Juli 2021

Nr. 35 vom 1.7.1971 oder Man fliegt nur mit den Möwen gut

 

So. Butterfly auf der 1, und das wird auch noch einige Zeit so bleiben. Wir haben ohnehin eine ziemlich stabile Spitze, die schon seit 2 Monaten zusammenklebt. Und hier die aktuelle Hitparade auf Youtube.

Auf Platz Nr. 9 entdecken wir Neil Diamond, der uns schon vorher mal über den Weg gesungen ist. Komischer Typ, irgendwie. Natürlich war er nicht im Mindesten satisfaktionsfähig. Niemand hörte Neil Diamond. Wir wilden Jugendlichen sowieso nicht, aber auch nicht unsere Eltern. Genau, Neil Diamond war irgendwie zwischen uns und unseren Eltern, sozusagen die Musik der jüngeren Tante, die immer ein bißchen über die Stränge geschlagen hat und ein wenig zu viel mit Männern zu tun gehabt hatte, oder gar GESCHIEDEN war. Die hörte Neil Diamond. Natürlich hat der Mann eine Mörderstimme, einen extrem elastischen Bariton, erinnert ein wenig an den großartigen Scott Walker, der eigentlich auch zeitgleich unterwegs war, den wir aber leider nie in der Hitparade begrüßen werden.

Das große Problem bei Neil Diamond ist: das ist keine Rockmusik. Er hat immer ein Orchester, hört es euch mal bei I Am I Said an. Das wäre doch vielleicht gar nicht mal so schlimm, würde er diese Karamellstreicher und Zuckerholzbläser weglassen? Warum, Neil Diamond? Hier einmal ein Vergleich: He Ain't Heavy He's My Brother von Herrn Diamond, und dazu eine wirklich sehr schöne Version von den Hollies

Das ist schon sehr klebrig bei Neil Diamond, als würde er in diesem Lied eine  kleine Schwarzhaarige ansingen, dass er sie leider, leider jetzt verlassen müsse wegen der kleinen Blonden, aber nicht persönlich nehmen, er muß einfach so! 

Je länger man bei Neil Diamond reinhört, desto mehr fällt einem auf, was er alles nicht ist (Elvis, Sinatra, Scott Walker), und vielleicht ist das auch sein Problem. Einige Jahre später sang er den Soundtrack "Jonathan Livingston Seagull" ein, und diese Platte hat man öfter einmal in den Plattenschränken des gehobenen Bürgertums gesehen, Neil Diamond barfuß hockend im Sand vor Sonnenuntergang, wobei wiederum nicht klar war, ob die Platte der Tochter oder der Mutter gehörte (und wahrscheinlich ein Geschenk der jüngeren Tante war). Übrigens stand daneben auch Jesus Christ Superstar, später kamen die grüne Christopher Cross und Andreas Vollenweider dazu. 

(Quelle: Ullstein)

Jonathan Livingston Seagull ist der Soundtrack zu der Verfilmung der Möwe Jonathan von Richard Bach, und das ist jetzt etwas peinlich für mich. Ungefähr ein Dutzend Jahre später, zu Beginn der Achtziger, habe ich dieses Buch nicht nur gelesen, sondern war begeistert (ich habe es sogar zu einer Hochzeit verschenkt!). Es geht um folgendes: Die Möwe Jonathan ist anders als ihre Artgenossen, die nur fliegen um zu leben. Jonathan lebt um zu fliegen (argh). Er wird ausgestoßen, lebt als Möweneremit, stirbt, wird in einem Flugmöwennirvana wiedergeboren, um schlußendlich als Möwenprophet wieder auf die Erde zurückzukehren. Alles das hängt irgendwo zwischen Hermann Hesse und Saint-Exupery,als klebriger Existentialismus: du kannst alles werden, du kannst alles sein, wenn du es nur willst. Das ist für einen spätpubertierenden Jungen vom Rande des Ruhrgebiets natürlich hochgradig attraktiv. Man konnte sich sozusagen als begabter Möwenvogel vom Strand der Ruhr in den Sonnenuntergang abstoßen, in die hohen Lüfte aufsteigen und über Bochum, Herne und gar Schalke dahinschweben, natürlich bewundert von den Mädchen, die einem sonst mit dem Arsch nicht angeguckt hatten.

Immerhin habe ich dazu nicht Neil Diamond gehört. Übrigens kam es bei Neil Diamond noch in den Siebzigern zu einem seltsamen Ausflug in die Coolness, als er zum Abschiedskonzert von The Band, dem berühmten The Last Waltz, eingeladen wurde, da er ein guter Freund des Bandleaders war. Er singt da zwischen Joni Mitchell und Bob Dylan, was doch eine eigenwillige Zusammenstellung. Als würde Florian Silbereisen der Kapitän vom Traumschiff werden!

Später hatte ich mich dann auch zum schwarzen Existentialismus von Sartre, Camus und Kierkegaard vorgelesen: du kannst zwar alles werden oder sein, aber am Ende wirst du tot sein und deine Knochen bleichen im Sonnenuntergang. Das ist schon mal besser, und dazu Seventeen Seconds von The Cure. 

Dauerbrenner der Woche: Hey Tonight, von den Schrecklichen

Rakete der Woche: Ginny komm näher als Re-Entry

Liebling der Woche: Funny Funny von The Sweet (unexistentialistisch!)






Freitag, 18. Juni 2021

Nr. 34 vom 17.6.1971 oder Hinter der Drehscheibe die Gedächtniskirche

 

So, und hier ist die aktuelle Top 20 auf Youtube! 

1971 und 1972 sind die beiden T.Rex-Jahre. Die Geburtsstunde des Glam Rock. Bandgründer Marc Bolan hatte zunächst die verpeilte Vorgänger-Combo Tyrannosaurus Rex gegründet und schließlich im Lauf des Jahres 1970 auf T. Rex gestrafft. Dort machten sie den merkwürdigen, rifforientierten, aber flachen Transistorradiosound der Gruppe nicht nur berühmt, sondern überberühmt - das Jahr der Bolanmania. 

Man sieht auch recht schnell, woran das eigentlich liegt: Bolan sah besser aus als die anderen zotteligen Hippies jener Zeit und konnte sich ausgezeichnet bewegen und posen. Den Perkussionisten Mickey Finn hatte er hauptsächlich eingestellt, weil der auch gut aussah und eine schicke Triumph 650 fuhr. Überzeugende Gründe. Faszinierend an den Bolan-Aufnahmen ist ja nicht nur, dass er gut aussah, sondern dass er auch gut aussehen wollte. Schaltet mal in eine Beat-Club- oder DISCO-Sendung hinein, es ist wirklich verblüffend, was für eine Rampensau dieser Marc Bolan gewesen ist. Das Revival von T.Rex (das ich schlampig einmal auf die Jahrtausendwende einschätze) dürfte einfach aus diesen Gut-Ausseh-Gründen stattgefunden haben. 

T. Rex beherrschten 1971 und 1972 die Welt, mit rund 10 Top10-Singles. Und dann ist es Anfang 1973 einfach vorbei, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. Nicht, dass Glam vorbei war: die Konsorten von Slade und Sweet schafften es noch mehr als ein Jahr länger.

Marc Bolan mußte allerdings noch 3 Jahre seines Niedergangs mitansehen, bevor er dann bei einem Autoanfall starb (nicht mal mit 27, sondern mit 29). Übrigens lebt kein einziges der Bandmitglieder mehr. Einer starb, als er sich an einer Cocktailkirsche verschluckte. Das ist ja fast ein T-Rex-Fluch. Die Beatles haben immerhin noch 50% lebend durchgebracht! 

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Kommen wir zu einem anderen lässigen Star jener Tage, allerdings auf eher regional-übersichtlichem Niveau: Ricky Shayne mit Ginny Komm Näher auf der 15. Hier gibt es einen der tollen Drehscheiben- Filmchen, den die Drehscheiben-Redaktion offenbar aus Langeweile zu einzelnen Musikstücken gedreht hat, es sei denn, das Musikstück war von Reinhard Mey, weil der immer im Studio war.

Das Filmchen ist vor dem Europa-Center in Berlin gedreht worden. Ricky Shayne gibt sich nicht einmal groß Mühe, Singen vorzutäuschen, sondern er unterschreibt lieber Autogrammkarten und hat sein Hemd ziemlich weit offen. George Albert Tabett (so heißt er merkwürdigersweise) war immerhin schon einige Jahre lang kleinbekannt, um mit Ginny komm näher mittelbekannt zu werden. Damit war die Reise allerdings noch nicht zuende, denn später im Jahr wurde er in Deutschland sogar großbekannt. Mamy Blue wird uns später in diesem Jahr noch ereilen. Es ist eines meiner wichtigsten Kindheitsohrwürmer. Man kann ja als Kind nicht viel dafür, was man als Ohrwurm angeboten bekommt, und für mich war es eben Oh Mamy, oh Mamy Mamy Blue. 

Wobei ich nicht sicher bin, ob es die englische Coverversion von Pop Tops gewesen ist, oder das deutsche Cover von Ricky Shayne. Wir werden diese Frage auf d en Oktober verschieben! Zurück zu Herrn Tabett. Er durfte in einem Film mit Rudi Carrell und Ilja Richter mitspielen, unter dem Rollennamen Ricci Sporetti (!). Nach Mamy Blue begann sein Weg sich wieder nach unten fortzusetzen, zuerst mit mittelgroßen Hits, dann mit Kleinhits. Hier ein bemerkenswerter Clip aus der Hitparade, von 1975, mit Umhang und Pali-Tuch, und er sieht schon ein bißchen fertig aus, so wie Elvis auf den letzten Metern. Und das Lied "Abschied" (sic!) interpretiert er, als müsse er gerade Drillinge gebären. Bemerkenswert!

Erst 2019 hat ein gewisser Stephan Geene eine sechsteilige Serie für die Berlinale über Ricky Shayne gemacht. Leider ist nur eine Folge im Netz verfügbar; und ja, das ist Ricky Shayne heute, eine wahrhaftige Verwandlung, mein lieber Scholli. 



drehscheibe. Quelle: ZDF, wikipedia

Nochmal zur Drehscheibe. Die Drehscheibe lief immer. Zweites Programm, von zwanzig vor sechs bis zwanzig nach sechs. Man guckte Drehscheibe nur, wenn auf dem Ersten es noch langweiliger war (was gut möglich war). In der Drehscheibe gab es nicht nur Unterhaltung, sondern auch Berichte. Über dies oder das. Eine neuer Kanal. Einweihung einer Düngemittelfabrik. Ein Autotest. Ich glaube fast, alles Öde und Langweilige, das die fleißigen ZDF-Reporter produzierten, wurde in der Drehscheibe abgeladen. Und natürlich Fernsehkoch Max Inzinger, der ebenso langweilige Sachen kochte (Rhabarber-Zwiebel-Kompott). 


Bis zum nächsten Mal!


Donnerstag, 3. Juni 2021

Nr. 33 vom 3.6.1971 oder Damals war die Welt so jung



So, jetzt hat sich der Butterfly an die Spitze geflattert. Ich bin mal gespannt, wie lange er sich hält. Im Moment sagen wir ja alle: Ach wie schön kleiner Schmetterling an der Spitze! Aber ich sage euch: in vier, fünf Wochen  fängt er an zu nerven. Spätestens. Hier der Youtube-Link  der gesamten Top 20.

An Freddy Quinns St. Helena kann ich mich gut erinnern. Wir hatten sogar die Single. Ich fand den Anfang mit den Trommeln total unheimlich. Ich hatte schon kapiert, dass es lustige Spaßmusik gab, und ernsthafte Musik. St. Helena war natürlich total ernsthaft. Ich vestand natürlich überhaupt nicht, worum es geht, und bastelte mir aus St. Helena mühsam eine Geschichte zusammen. Die im Lied vorhandenen Ortsangaben (und Frankreich gibt die Krone dir, das Feld vor Moskau kalt und weiß, in Waterloo da blieb dein Heer) ignorierte ich als knapp Sechsjähriger dabei großzügig. So weit ich mich erinnere, dachte ich an einen wütenden und nächtlich aufgeschreckten Kaiser auf der Burg St. Helena. Ich dachte IMMER an Burgen in jenem Alter, oder an Westernforts. Ich denke, ich hatte keinen Ödipus Komplex, sondern einen Zitadellen-Komplex in jener Zeit. 

"Damals war die Welt so jung" hat Udo Jürgens (deutlich später) einmal gesungen. Es ist so, wenn man einmal als abgekochter 2021er auf dieses 1971 herabblickt, fällt einem auf, wie naiv, possierlich, jung, diese Zeit gewesen ist. Schmetterlinge, Hasen, Rosengärten und Schneeglückchen, der Weltfrieden, Trödler und Mozart, geradezu niedlich! Vielleicht gilt das aber immer für Zeiten, die ziemlich, aber nicht endlos lange her sind. Denn liegt zum einen am biographischen Kindsein: dieZeiten, in denen man Kind gewesen ist, hält man auch ganz allgemein für Kinderzeiten (so wie Bäcker überall nur Gebackenes sehen).

Zum anderen dürfen wir auch nie vergessen, dass die Popmusik 1971 tatsächlich noch jung war: nämlich 16 Jahre alt (wir nehmen 1955 als Startdatum). Es gab noch keine alten Popstars. Elvis war 36 Jahre alt, die ältesten Beatles waren gerade 30 geworden. Und eine so junge Kunst kann es für sich in Anspruch nehmen - oder muß es sogar - unmittelbar, unverstellt und sogar naiv zu sein, und nicht postmodern oder postirgendetwas. 1971 war noch eine Zeit, in der nur junge Menschen Popmusik hörten. Noch zu Ende dieses Jahrzehnts (das kann ich persönlich beurteilen mit *1965) gab es praktisch keine Eltern, die Popmusik hörten. Allenfalls hatten sie ein paar Rock'n'Roll-Platten im Partykeller, aber solche Musik war für uns so prähistorisch wie heute ein C64, ein Nokia, ein Blackberry. Wenn man einmal bei 1971 bleibt: ein Fünfzehnjähriger (ca. *1955) hatte Eltern, die wahrscheinlich um 1930 geboren waren. Diese Flakhelfer-Generation, so meine These, hat vielleicht die sonderbarste Musiksozialisation aller Generationen durchlaufen, denn als sie klein waren, gab es das Horst-Wessel-Lied, als sie etwas älter waren, überhaupt nichts, und dann war man irgendwo im musikalischen Bermuda-Dreieck der späten Vierziger aufgehoben. Einerseits. Andererseits war es ein blanker Tisch. Mein Vater zählt auch zu der Flakhelfende-Generation, und wir hatten James Last Non Stop Dancing zuhause, und Best Of Robert Stolz. 

Zurück zur Musik und Gegenwart. Heutige 15jährige haben es viel schwerer: Ihre Eltern sind meistens von 1970 bis 1980 geboren. Von James Last ist da keine Rede -  nicht einmal mehr eine Sozialisation mit Slade, Pink Floyd oder Police, sondern eher mit Nirvana, Oasis, R.E.M. Es ist bitter, erwachsen zu werden, wenn aus dem Schlafzimmer der eigenen Mutter "Losing My Religion" dudelt. Wenn schon die eigenen Eltern mit in sich gebrochener, referenzierter und mehrdeutiger Popmusik groß werden mußten, zu was für einer Verfeinerung, zu was einem Rokoko, müßte sich heute Popmusik aufschwingen, um mindestens zwei, drei Handbreit von den Eltern wegzukommen? Da mußte ich mir mit den James-Last-Platten meiner Eltern keine Sorgen machen. Obwohl.

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Apropos Udo Jürgens. Da wir ja nur immer alle 14 Tage auswerten, droht mal das eine oder andere Lied unterzugehen, das die Charts nur zart streift und dann wie eine Feder langsam in den Top100 herabsinkt. In diesen Wochen ist das Lieb Vaterland von Udo Jürgens, das Ende Mai/Anfang Juni 2x in den unteren Regionen der Top 20 plaziert war. Dabei hat es kleine Geschichte geschrieben: wahrscheinlich war es das erste gesellschaftskritische deutschsprachige Lied, das überhaupt in die Charts gekommen ist.

Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?
Für Versicherungspaläste oder Banken?
Und für Kasernen, für die teure Wehr?
Wo Schulen fehlen, Lehrer und noch mehr

Er hat übrigens das Lied 1998 umgedichtet und die Kasernen durch Atomkraftwerke ersetzt, weil Kasernen nicht mehr so wichtig waren. Atomkraftwerke hingegen...oh, ja, was würde er eigentlich 2021 dichten? "Für Versicherungspaläste oder Banken, für Impfzentren für Immunabwehr"? Für 1971 und Schlager waren das aber schon starke Zeilen. Natürlich hat man eimerweise Unrat über Udo Jürgens ausgeschüttet. Zum Beispiel, dass er ja als Österreicher kaum über das DEUTSCHE VATERLAND etwas hätte sagen dürfen. Stimmt, so wie ich als Deutscher niemals ein böses Wort über die amerikanische CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL sagen dürfte. Pfui. 

Lieb Vaterland Single Rückseite, Quelle: ariola, discogs


Für mich gibt es kaum einen Sänger, der mehr für die alte Bundesrepublik steht als Udo Jürgens. Er hat sich immer geschickt am Rande des Schlagers entlangbewegt, allein schon weil er seine Musik vorwiegend selbst komponierte und immer mal wieder sachte "Gesellschaftskritik" (wie man das damals nannte) einstreute: Gastarbeiter und Griechischer Wein, Heuchlerei und Ein Ehrenwertes Haus, Umweltverschmutzung und Ihr von morgen. Das ist alles kein radical chic, sondern füllt den geraden Rahmen gemütlicher Bürgerlichkeit. Udo Jürgens läuft nicht von der Cassette in der WG, sondern auf dem DUAL-Plattenspieler im Phonoschrank im Wohnzimmer. Und dann ist einfach seine Musik einfach viel besser als Schlager. Ja, ab einer gewissen Qualität wird jede Operette eine Oper. 

Man hat für Lieb Vaterland damals sogar eine ARD-Sondersendung gesendet und Jürgens und Textdichter Eckhart Hachfeld befragt. Das ist natürlich stark (leider habe ich den Ausschnitt nicht auffinden können). Sogar in den DDR-Schwarzen Kanal suppte die Kapitalismuskritik herüber.


Ekel Karl-Eduard

Schaut mal, wie widerlich, selbstgefällig der Karl-Eduard von Schnitzler ist, gleich auf 0:35, als er das Tonband abhörte. Was für ein häßlicher Kerl, der bestimmt auch schlecht gerochen hat Der Rest des Beitrags besteht übrigens aus bemerkenswert schlechter Laune und passiv-aggressivem Gemaule. 

Für Udo Jürgens war seine Karriere durchaus wechselhaft: seine erste Konjunktur war ungefähr 1965-1969, von 17 Jahr Blondes Haar bis ca. Anouschka. Dann kam eine längere Delle, in dem die Hits nicht mehr so blond waren und die Sonne zwar noch immer wieder aufging, aber nicht mehr ganz so strahlend. In diese Zeit  fällt auch Vaterland. Erst Anfang 1975, mit Griechischer Wein, katapultierte sich Jürgens wieder an die Spitze, mit seinen berühmtesten Liedern (Ehrenwertes Haus, Aber bitte mit Sahne, Tante Emma, Mit 66 Jahren) ging das drei Jahre lang bis zum riesenerfolgreichen, superscheußlichen Buenos Dias Argentina 1978. Dann hatte er es eigentlich endgültig geschafft, sozusagen seine Sinatrasierung war vollbracht, und der Rest war vor allem Unangreifbarkeit. Man mag ihn noch später belächelt haben - Bademantel-Zugaben im fortgeschrittenen Mannesalter, ein Piano aus Plexiglas, und die ersten Mütter, die schon ihre Töchter zu Auftritten mitnahmen, aber einem Udo Jürgens konnte niemand mehr was. Zumal er es auch unbestritten gut in die Event-Kultur ab den Neunzigern geschafft hat: der Mann hat sieben Live-Alben ("Doppel-CDs" waren das) von dieser Zeit an veröffentlicht. Er hat tapfer 66 Jahre alt über seinen Hit Mit 66 Jahren hinweggesungen, und fast 14 Jahre später noch Konzerte gegeben. Auf seinen Konzerten in den letzten Jahren hat er zwei Hit-Medleys dargebracht, denn er hatte einfach zu viele Hits, um sie medleylos abzusingen: den ersten Medley, um jeden Widerstand zu brechen, mit Liedern waren eher aus der 66-Jahr-Phase, also aus den Siebzigern. Dann eine Reihe Einzellieder, und schließlich - das Publikum ist längst weichgespielt - gab es als Zugabe im Bademantel dann noch einen Medley, den aber aus der früheren 17-Jahr-Phase, also den Sechzigern.

Es gibt einen Clip vom Bademantel-Finale des allerletzten Konzerts. Irritierend ist aber, dass er sichtbar ein Hemd unter dem Bademantel trägt. Eigentlich sollte der Bademantel ja bedeuten, dass UJ noch ein allerletztes Mal, eigentlich schon komplett finished, doch noch einmal von den treuen Fans sich auf die Bühne bitten läßt, geduscht und badebemantelt. Den Bademantel einfach über das Hemd ziehen, das ist irgendwie Verrat am Signifikat.

Aber wir waren ja ganz anderswo gestartet, bei der Welt, die noch so jung und naiv war.. Lieb Vaterland ist geradeaus, unmittelbar und fast drollig. Udo Jürgens konnte aber auch anders und schrecklicher, hier in 5 Minuten vor 12 zwei Jahrzehnte später

Und ich sah eine Frau, die erfror fast vor Einsamkeit,
Und ich sah auch ein Kind, für das hatten sie niemals Zeit,
Und ich sah einen Mann, der für Hoffnung und Frieden warb,
Und ich sah, wie er dann dafür durch eine Kugel starb.

Das ist in seiner Klebrigkeit, in seiner falschen akklamatorischen Zeugenschaft absolut ekelhaft. Textdichter hier ist Michael Kunze, der deutlich mehr Liedtexte geschrieben hat als ihr warme Mahlzeiten letztes Jahr hattet. Und hier können wir auch etwas lernen über die junge und die ältere Welt: 5 Minuten vor 12 ist durch die Hölle des Kitsches der 80er gegangen, Lieb Vaterland liegt jenseits dieser Grenze. 1992 zählt nur etwas, dass durch die eigene Empfindung gegangen ist. Jenseits im Jahr 1971 ist die Welt schrecklich und scheußlich, aber 1992 kann sie das nur sein, wenn sie so empfunden wird. 

Vielleicht ist gerade der Mauerfall die Achsenzeit von Udo Jürgens: bis dahin waren seine Texte einigermaßen "aktuell", auf jeden Fall aus der Gegenwart, aber danach beginnen seine Lieder beim Erscheinen schon zu verstauben. Auch sein vielleicht prominentester Erfolg nach dem Mauerfall - Ich war noch niemals in New York - ist eigentlich eine übersehene Single-B-Seite von 1982. In der letzten Strophe fängt "Dalli-Dalli" gerade an. Ja - Wer wissen will, wie die das liebe Vaterland Bundesrepublik Deutschland so gewesen ist, der möge Udo Jürgens hören.   

Dauerbrenner der Woche: 16 Wochen Elend von Creedence Clearwater

Rakete der Woche: Ringos langsame Rakete +6 Plätze

Liebling der Woche: Eigentlich Udo Jürgens, aber der ist nicht dabei, also Severine die Siegerin!














Freitag, 14. Mai 2021

Nr. 32 vom 13.5.1971 oder Glück und Nichtglücken

 

Noch, gerade noch hält die Rosenhecke von Lynn Anderson gegen die anstürmenden Schmetterlingsmassen, um mit einem völlig danebengeratenen Bild anzufangen. Noch hält sie! Noch! 

Hier einmal die aktuellen Top 20 auf youtube!

Auf Platz Nummer 20 finden wir Katja Ebstein, und pünktlich wieder mit einem Eurovisionslied. Es ist meines Wissens der einzige Fall abgesehen von lovely Lena, dass eine deutsche Teilnehmerin zweimal hintereinander angetreten ist. Der Grand Prix (wie ich ihn einmal nenne) fand ja immer Ende März/Anfang April statt und pünktlich 5 Wochen später suppen die Lieder in die Hitparaden. Letztes Jahr (erinnert ihr euch? Die wunderbare Willy Dobbe) hatte Katja mit "Wunder gibt es immer wieder" einen starken Aufschlag. Wenn ich das gerade schreibe, steht gerade der 2021-ESC bevor, da die Veranstaltung immer später in den Mai gerutscht ist. Aber zurück zu 1971, und zu unserem Zweiten großen Grand Prix Eurovision Special! Die komplette Show gibt es hier zu sehen. 

Da Dana 1970 gewonnen hat, überträgt es diesmal Dublin, mit diesem todschicken Logo.

Dublin, schwer lesbar. Quelle: wikipedia

 

In einem verblüffend kleinen Theater in Dublin sitzt die Moderatorin mit dem dramatischen Namen Bernadette Ni Ghallchoir, die über die Grenzen Irlands auch nur für diesen Auftritt berühmt wurde. 

Das ist Frau Ni Ghallcoir Quelle: youtube, ORF


Ganz zu Anfang ist sie arg nervös in ihrem irlandgrünen Kleid (womit wir die heilige Pflicht der Erwähnung des Moderatorinnenkleides bei ESC-Berichten genüge getan haben) und begrüßt die hunderte Millionen Fernsehzuschauer auf Gälisch, was natürlich kein Mensch außerhalb Irlands versteht. 

Los gehts. Die schwierige Nummer 1 wird von Marianne Mendt betreut, die unzweifelhaft gut singen kann, aber unter einem arg schlimmen Lied leidet. Schwierig allein deshalb, weil bei Lied mit der Startnummer 1 noch keiner richtig auf dem Sofa sitzt und die Chipstüten knisternd aufgemacht werden. Und irgendwie ist es auch, sorry, ein bißchen Pommesbude.

9:38 beginnt ein maltesischer Schlagersänger namens Joe Grech mit so einem schrecklich schlechten Lied, dass man Mitleid bekommen müßte mit einem so kleinen Land. Ich meine, Malta hat weniger Einwohner als Dortmund und da sind dann auch irgendwann alle Sänger wegverbraucht. Stellt euch einmal vor, Dortmund müßte jedes Jahr einen Teilnehmer zum ESC schicken. Eigentlich könnten ja die kleinen Länder sich zusammentun, zu so einer Art Sing-UNO, und dann gemeinsam jemanden schicken.

Oder sie machen es wie Monaco (40.000 Einwohner!) und schanghaien jemand aus dem Nachbarland, die Sängerin Severine. Was für ein Auftritt! 

ICH WILL GEWINNEN! ICH! Quelle: youtube, ORF

Sie guckt ein bißchen so wie damals Schweinsteiger im WM-Finale, und das merkt man auch so richtig: hier will jemand gewinnen, aber wirklich. Und sie muß sich anstrengen, um gegen den tierisch lauten Background-Chor anzukommen. 

Wahrscheinlich ist es auch ganz gut, zwischen zwei schwachen Liedern zu starten. Der Schweizer Beitrag von "Peter, Sue und Marc" ist jedenfalls ganz grauenhaft, so dass Severine zwischen dem skurrilen Malta und der lagerfeuernden Schweiz steht. Und dann kommt schon unsere Katja. Sie ist ähnlich entschlossen wie Severine, aber das Lied ist jetzt auch wirklich schwächer als letztes Jahr.

Extrem irritierend, dass die Lieder auch in diesem Jahr einfach so hintereinander weggepeitscht werden, nur unterbrochen von doofen Tourismus-Videos, die alle nach Cordiallmente dall-Italia-Yugoslavija-dobar dan-Aqui Espana.

Bei der spanischen Teilnehmerin Karina merkt man auch: sie haben alle Severine gesehen und wissen: mit der coolen Diven-Nummer wird es nicht laufen heute, sondern es braucht akklamatorische Entschlossenheit. Schmackes! 

Dann kommt Serge Lama, ja der Serge Lama von Je Suis Malade , das ideale Exempel eines franko-dramatisch-versoffenenen Liebeskummersprechgesangs, was allerdings erst 1974 ein Hit wurde, schade, dass es ihm nicht vorher eingefallen ist, damit hätte er Severine gefährlich werden können (obwohl: Malade ist zu lang). Ich weiß noch, wie ich mir den Sinn jenes Liedes (ich sprach und spreche kein französisch) zusammenreimte: ich bin malade. Weiter bin ich interpretatorsich bis heute nicht gekommen. Sein Eurovisions-Beitrag war hingegen Un jardin sur la terre. Er steht da ein bißchen wie Napoleon, aber in einer Wackeldackel-Version (achtet drauf ab 29:50), und verdammt, was macht er da mit seiner linken Hand? Das Irländer Publikum klatscht ängstlich.

Nach diesen geradezu wagnerischen Auftritten werden wir vom Kleinland Luxemburg eingebremst, in Pomme Pomme Pomme geht es lustig um einen Apfel Apfel Apfel. Und lustig geht es auch weiter: Jack in the Box von Clodagh Rogers ist sogar ziemlich bekannt, aber ein unverschämtes Plagiat ihres 1970-Beitrags von Mary Hopkin gemischt mit Congratulations von Cliff Richard. 

Wir entspannen beim belgischen und italienischen Beitrag und blicken etwas verblüfft auf den schwedischen Beitrag (44:56): eine Gruppe (die waren 1971 erstmals erlaubt) von vier Schweden, es sind zwei Herren, zwei Damen, eine blond, eine braunhaarig. So mancherlei Ideen müssen erst einmal geübt werden, bevor sie groß werden (immerhin ein 6. Platz). 

Dann kommt endlich das Gastgeberland und wieder die Abteilung DRAMA! Angela Farrell hat etwas kindergärtnerinnenhaftes, aber dreht im Refrain richtig hoch und erbricht schier ihre One Day Love. Scheußlich,aber so schön camp wie der ESC nunmal so ist. Meine geliebten Niederlanden kommen mit dem absoluten Tiefpunkt (52:00) namens Saskia & Serge, mit Blockflöten (!), ein geklampftes Fußgängerzonenlied von solch ausgemachter Scheußlichkeit, als kämen sie aus einem Land, in dem man süße Erdnusssoße über frittierte Zwiebel-Hackfleisch-Bälle schüttet. Grausig!

Portugal folgt mit einem Beitrag, mit dem sie die ewigen Fado-Vorurteile zerstreuen wollten, aber man hat irgendwie den Eindruck, das Orchester spiele ein anderes Lied. Was trauen wir einem Sänger namens Krunoslav Slabinac zu? Genau. Er kommt aus Kroatien, das damals noch Jugoslawien hieß. Immerhin hat er auch wieder Drama und hält die Augen während seines gesamten Vortrags geschlossen. Ich glaube auch, alles gestohlen von Tony Christie. Platz 16.

Der Jürgen-Marcus-artige finnische Beitrag ist recht uninteressant, aber dann kommt als letztes Lied (1:05:40) die Norwegerin Hanne Krogh, die tatsächlich mit in einem weißen Kleid mit weißem Schirm auftritt und dazu "Lykken er" vorträgt,was wohl "Glück ist" bedeutet (lykken ist Glück, das ist ja einsichtig). Hanne Krogh ist so unfaßbar zuckersüß und lieb, dass man sie sofort von der Bühne weg adoptieren wollte. Toll! 

Leider Nichtglücken: Hanne. Quelle: youtube, ORF

 

Der eigentliche Skandal ist, dass Fräulein Honig mit diesem glücklichen Lied nur Vorletzter wurde. Hinter der Pommesbudensirene Marianne Mendt. Es fehlt dem Glücken-Lied zugebenermaßen ein wenig, äh, alles vom Severine-Drama. Ich lese mit Interesse, dass Hanne 1985 noch einmal in einem Duo antrat und tatsächlich gewonnen hat, es gibt also doch Gerechtigkeit auf der Welt. Allerdings ist das Siegerlied von 1985 ganz schrecklich, Hanne ist (glaube ich) die mit dem Kleid und der Frisur. Grauenhaft. Wer hat dein Lied so zerstört, Hanne?

Es gab ein vertracktes Punktsystem mit der seltsamen Eigenheit, dass ein Land nicht alle Punkte verballern mußte, sondern je zwei Juroren zwischen 0 und 5 Punkte vergaben pro Lied (oder auch nicht). Interessant, dass es erst einmal Bombe für Katja Ebstein lief. Die beiden deutschen Juroren schicken Hanne übrigens mit 2 von 10 möglichen Punkten nachhause, pfui! Ich habe mir das in der ORF-Aufzeichnung angeschaut, und es hochgradig rührend, wie die Österreicher ihren drittletzten Platz verteidigen und abfeiern. Felix Austria!.

(Für hochgradige Kompetenz verweisen wir in diesen Fragen gerne auf http://www.aufrechtgehn.de Sie haben in ESC-Dingen ungefähr dieselbe Autorität wie die Steintafeln vom Berg Sinai für das internationale Strafrecht). 

Dauerbrenner der Woche: Roy Black seit 20 Wochen
Rakete der Woche:Brown Sugar von den Rolling Stones
Liebling der Woche: Katja Ebstein, muß ja

Postskriptum: Heute heiratet meine liebe Nichte Leonie ihren Torben. Das fällt eindeutig in die Abteilung Glück & Glücken!