Mittwoch, 16. September 2020

Nr. 18 vom 15.9.1970 oder Viva Musikhaus Prunk in Delmenhorst




Zum drittenmal hintereinander ist Nr. 1 In The Summertime, und wieder lauert dahinter der Alpencondor. A Song Of Joy arbeitet sich langsam Richtung Elysium. Apropos: das hatte ich kürzlich gar nicht erzählt, als wir über Götterfunken geplaudert hatten. Ich war in der fünften und sechsten Klasse im Schulchor, allein deshalb, um noch eine Vier oder bestenfalls eine Drei zu kriegen. Das war nämlich unseren Musiklehrer Herrn M. sehr wichtig. Man konnte locker eine Note gutmachen, wenn man im Schulchor war, und zwei Noten, wenn man im Orchester war, auch wenn es nur die olle Flöte war. Da ich aber komplett unfähig war und bin, ein Instrument zu spielen, mußte ich also meine Stimme im Schulchor verkaufen. Natürlich könnte ich nicht im mindesten singen, aber das fällt nicht so auf, wenn zwanzig schlechte Stimmen gegen zehn schlechte Flöten ansingen. Wie auch immer: genau in eine dieser Stunden habe ich dann die Bekannschaft von Elysium gemacht, weil das im Schulchor gesungen wurde. Nochmal der Text:


Freude, schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!

Also, ich interpretierte das so: die Freude der Götterfunken ist die Tochter, die aus Elysium kommt. Ich hielt Elysium für ein Land oder eine Gegend wie Texas, Rheinland-Pfalz oder Transsilvanien. Es hätte mich nicht gewundert, wenn in der ADAC-Motorwelt in den Anzeigen eine Reise nach Elysium für 299 Mark angeboten worden wäre. Ich weiß gar nicht, wann ich mir den Elysiumirrtum korrigierte. Wahrscheinlich, kurz nachdem ich feststellte, dass die Zauber gar nicht binden, was die Mode streng geteilt.


Übrigens ist das sehr interessant, wie wenig dynamisch unsere Hitparade gerade ist. Ich habe das mal für unser Jahr 1970 aufbereitet. Es geht um die durchschnittliche Verweilzeit aller aktuellen Titel der Hitparade. Die ist in dieser Ausgabe auf 3,95 Wochen angestiegen. Anfang April war sie auf 3 Wochen gefallen. Ich bin einmal gespannt, wie sich das in der nächsten Zeit darstellt. Ich tippe darauf, dass es zum Herbst/Winter wieder abfällt und dann wieder steigt. Wir beobachten das weiter!





Wieder ein elender Neueinstieg der elenden Creedence Clearwater: Lookin‘ Out My Back Door. Wir sind gerade so auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, und unser einziger Trost ist, dass es von dort auch nur bergab geht. Es ist ihre LP Cosmo’s Factory, die drei große Hits abgeworfen hat. Ihr größter Hit für Deutschland steht uns allerdings noch bevor, so fürchte ich. Lookin‘ Out My Back Door ist das nervtötende Lied mit dem herausgequetschten „doo doo doo“. Ich weiß auch noch, dass ich das als Kind schon nicht mochte. Das Video zeigt auch wieder einmal die ganze Selbstzufriedenheit der Truppe. Grauenhaft.

 Aber bei den Neueinsteigern ist deutlich mehr Licht als Schatten: zu Black Night werde ich einmal nächste Woche etwas schreiben. Jetzt zu The Who, mit denen der Summertime Blues leider nur eine Woche lang unser Gast sein wird.
Ein großartiges Stück. Schon das Original von Eddie Cochran ist richtig dreckig, aber die Who bringen es noch kaputter, fertiger und abgefahrener hin. Ein Wunder, dass es als Single veröffentlicht wurde und sich dann – wenn auch kurz – sogar platzierte. Es ist eine Auskopplung der berühmten Live At Leeds LP, vielleicht eine der besten LIVE-LPs aller Zeiten. Die Herrschaften spielten vor knapp 2.000 Zuhörern im Refektorium der dortigen Universität, und auch heute verblüfft noch, wie direkt, auf den Punkt, laut und schmutzig diese Platte ist. Als richtig ernsthafte Veröffentlichung war sie gar nicht geplant, sondern quasi bootleg-artig. Und eigentlich war sie als „Live at Hull“ geplant, aber da war die Tonbandanlage kaputt, dumm gelaufen, Hull. Die Platte hat für einiges herhalten müssen, Erfindung des Heavy Metal, Erfindung des Punk und offenbar alles dazwischen. 

Single von 1970. Musikhaus Prunk. Quelle: discogs

Hier die Originalsingle von discogs herübergeladen. Besonders freut uns natürlich der Aufkleber „Musikhaus Prunk Delmenhorst“. Was für ein Supername für ein Musikhaus! Ich wette, die hatten keine CCR-Platten, so etwas hatte ein Musikhaus Prunk überhaupt nicht nötig. Im Netz gibt es Geschichten, wie man später auf Tüten das R aus Prunk ausgelöscht hat. Viva Musikhaus Punk!

Der Summertime Blues hat jetzt auch in dieses Spätsommerberlin des Jahres 2020 geschafft. Der Spätsommer des Sommers, den wir später einmal den Coronasommer nennen werden. Ain’t no cure for the Summertime Blues.


Rakete der Woche: Komm in Boot von Adamo +9
Veteran der Woche: Du von Peter Maffay mit 11 Wochen
Liebling der Woche: natürlich Summertime Blues von The Who


Freitag, 4. September 2020

Nr. 17 vom 1. September 1970 oder Der neueste Hit in Meynypilgyno



















Das hatten wir auch noch nicht, dass die ersten vier Plätze komplett festgenagelt sind: zuerst unser Sommersinger Mungo Jerry, dann das unsägliche Condor Pasa, dann Yellow River (wir werden auch kein Freund davon) und dann Freude schöner Riosfunken. Erst dann schleicht sich die Free klammheimlich in die Top 5. Die Condor-Pasa-Pest ist insofern noch schlimmer geworden, als dass NOCH EINE VERSION eingestiegen ist, und zwar gleich auf Platz 9. Das Beängstigende ist auch, dass es sich hier um eine Flöten- (allerdings nicht: Panflöten-) Version handelt. Es gibt auch mehrere Coverversionen, die meistens von Michael Holm übersetzt wurden („Der Condor fliegt“). Hier eine Fernsehaufzeichnung von 2011, wo Herr Holm den Condor vor einigen Senioren gibt. Die Tititacasee-Mäßigkeit des Bodensees ist allerdings eher gering, und der Condor wird von einigen Möwen gecovert. Wir haben Michael Holm ja für Mendocino angebetet, aber muss das jetzt sein? Das wäre, als würden die Beatles zur Eröffnung von Autohaus Opel Mairhofer in Freilassing spielen. Bitter.
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Ich bin übrigens beeindruckt, wie hartnäckig Shocking Blue auch die deutsche Hitparade – na, nicht überfluten, aber sie sind regelmäßig Gast. Übrigens werden sie sogar bis 1972 in Deutschland Hits haben, sowieso natürlich in NL, wo der Railroad Man sogar Nr. 1 gewesen ist. Wohlgemerkt: gewesen ist, denn zu damaligen Zeiten gab es noch eine Zeitverzögerung zwischen den Länder-Charts. Als langjähriger Holland-Urlauber wußte: wenn ich aus den Ferien zurückkam, waren die Lieder, die in Holland sich schon wie alte Pantoffeln bogen, in Deutschland der neueste heiße Scheiß. Ich habe das einmal für einige Titel aus unserer aktuellen Top 20 nachvollzogen, und zwar in Bezug auf den Chart Entry in die Top 20:



UK
NL
D
Shocking Blue/ Railroad Man
-
06.06.1970
15.08.1970
Mungo Jerry/In The Summertime
06.06.1970
27.06.1970
15.07.1970
Christie/Yellow River
02.05.1970
06.06.1970
01.07.1970
Free/All Right Now
06.06.1970
04.07.1970
15.08.1970
CCR/Up Around The Bend
20.06.1970
16.05.1970
15.06.1970
Mr. Bloe/Groovin' With Mr. Bloe
09.05.1970
04.07.1970
01.08.1970
Cecilia/Simon & Garfunkel

09.05.1970
01.05.1970

Und siehe da: tatsächlich gibt es eine Verzögerung zwischen D und NL, und auch zwischen NL und UK. Idealtypisch sieht man das an Yellow River von Christie: Anfang Mai in die englischen Charts, Anfang Juni zu den Holländern und Anfang Juli dann zu uns nach Deutschland.

Es liegt aus Vermarktungsgründen eine gewisse Logik darin, die Hits mit einem Kometenschweif über den Himmel ziehen zu lassen: so war es dann eher möglich, Auftritte in Fernsehsendungen etc.

Interessant ist es, dass es von Westen nach Osten geht: zuerst in England, dann Holland, dann Deutschland. Das wäre natürlich super, wenn die West-Ost-Gezeitenwelle der Superhits dann in Ostsibirien so langsam ausläuft, dass man etwa in Meynypilgyno, das ist das ländliche Ostsibirien, NOCH NIE El Condor Pasa gehört hat.

Überhaupt kochten lokale Plattengesellschaften auch ihr eigenes Süppchen; als Beispiel hier einmal die drei Länderausgaben der Singles von Yellow River. Warum? Weil sie es konnten. Und immerhin ist hier sogar die B-Seite jeweils gleich, was keinesfalls immer der Fall war. Die Plattenfirmen haben sich ja sogar länderbezogen an den LPs vergriffen, wie der berühmteste Fall der Beatles bei Capitol/USA und EMI/Europa zeigt: bis 1967 (und das ist drei Jahre her!) hatten alle Beatles-LPs in USA und UK eine andere Tracklist oder sogar andere Namen. 











Wir haben uns extrem an die Gleichzeitigkeit gewöhnt und halten sie für eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse, obwohl es eigentlich eine Gleichzeitigkeit der Medien ist. Bis zur Verlegung des ersten Transatlantikkabels 1866 konnte ein Ereignis, das heute in Amerika stattfand, frühestens in einer Woche in England sein, es sei denn, der Krakatau fliegt in die Luft, was so laut, dass es ein Drittel der Weltbevölkerung hören konnte. Aber da es noch kein Radio gab, war man wiederum auf Zeitungen angewiesen. Man lese beispielsweise einmal die Berichte von der ersten Fußball-WM 1930, die Wochen später in Europa eintrudelten. Bis 1956 (also 14 Jahre vor dieser Hitparade!) wurden Telefongespräche über Langwellen-Funksender zwischen USA und Europa ausgetauscht, und zwar zuletzt 2.000 pro Jahr. Über Whatsapp werden aktuell 60 Milliarden Nachrichten verschickt, und zwar pro Tag.
Das Schöne war, dass man in gewisser Hinsicht Zeitreisen unternehmen konnte. Ich weiß  noch, wie ich aus dem Osterurlaub 1981 mit der neuen Fischer Z mit Red Skies Over Paradise gekommen bin. Das kannte bei uns niemand. Marliese, Berlin, Cruise Missiles, das war toll, das war ein bißchen Reggae, Punk und Politik. Ich war ein Musik-Orakel im Freundeskreis. Der Effekt hielt ungefähr zwei Wochen an, und da ich nichts neues Neues nachliefern konnte, war ich dann wieder der übliche Langweiler, der ich vorher auch gewesen war. Ja, so war das im theatre of memories („Berlin“). Aber vielleicht sollte ich mal nach Meynypilgyno. Da kennen sie Fischer Z garantiert noch nicht.
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Neu auch die Hotlegs mit dem doofen Titel „Neanderthal Man“. Aber bitte nicht unterschätzen. Bei den Hotlegs handelt es sich um die späteren 10cc, auf die wir uns in den nächsten Jahren noch freuen werden (z.B. auf das unglaubliche „I’m not in love“). Ich lese mit Erstaunen, dass diese Hotlegs tatsächlich eine LP herausbrachten, und die ist auch noch ziemlich gut, jedenfalls um Längen besser als dieses öde Neanderthal Man, hört mal hier.



Rakete der Woche: Lola und Flöten-Condor-Pasa (jeweils +11)
Veteran der Woche: Du von Peter Maffay mit 10 Wochen
Liebling der Woche: Never Marry A Railroad Man von unseren Holländern!



Freitag, 14. August 2020

Nr. 16 oder Die Zeit trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer





Nachdem wir beim letztenmal völlig undiszipliniert bis zum ollen Furtwängler abgeschweift worden sind, bewegen wir uns heute doch etwas dichter an unseren Goldenen 20, an Pop und Schlager, hier wie immer auf youtube.

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Überhaupt noch nicht gewürdigt wurde Barry Ryan mit „Kitsch“ auf der 19. Barry singt kitschig über Kitsch, was an sich schon seltsam ist. Wenn man sich den Text anschaut, wird es eher noch mysteriöser:

I saw a queen all dressed in green
but I could see she had no soul
I see the moon shining in June
what we all need is Rock and Roll

Das stimmt ja alles irgendwie, aber ist auch nun – seltsam. Barry hatte seine Karriere zusammen mit seinem Zwillingsbruder angefangen (die schmale Abteilung der Zwillinge in der Popmusik. James Boys, Bros, Kelley und Kim Deal, die Kaulitz-Brüder). Besonders interessant ist es bei den Ryan-Zwillingen, dass sie zwar eine wohl einigermaßen ähnliche DNA hatten, aber Paul war im Gemüt deutlich empfindlicher und konnte den Starrummel (ab ca. 1965) nicht mehr ertragen. So wurde beschlossen, dass Barry weiter die Rampensau geben sollte und Paul aus dem Hintergrund musikalisch agieren. Gedacht, beschlossen, gemacht. Das erste Lied, das Alleine-Paul für Solo-Barry komponierte, war dann ausgerechnet Eloise im Dezember 1968, ein transgalaktischer Megasuperhit. Auch heute noch wirklich hörens- und bemerkenswert. Mehr Oper war wirklich nie in der Popmusik.

Die beiden hatten noch einige respektable Hits, bevor Barry/Pauls Karriere dann verplätscherte. Auf Bestreben der BRAVO nahm Barry sogar einige deutschsprachige Lieder auf, unter anderem „Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt“. Das ist zwar erst 1972, aber man muß die Feste feiern, wie sie fallen, deshalb jetzt schon dieser großartige TV-Ausschnitt. Keine Ahnung, was das für eine Show gewesen ist. Die dort sitzenden Jugendlichen sind jetzt auch schon Rentner. Das Lied hat bemerkenswerten Zeilen:

Die Zeit trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer,
Die Zeit trennt auch jeden Sänger und sein Lied.

Ausgedacht hat sich diese Zeilen eine gewisse Miriam Frances, die Schlager-Checkern bekannt ist als Textdichterin vor allem für Daliah Lavi (Wer hat mein Lied so zerstört), und die eigenartigerweise der erste Gast in Rudi Carrells frischerShow Am Laufenden Band im Jahr 1974 war.

Aber zurück zu Barry Ryan. Er heiratete kurz eine andere Miriam (Miriam binti al-Marhum Sultan Sir Ibrahim), die Tochter von Sultan Sir Ibrahim Al-Masyhur Ibni Almarhum Sultan Abu Bakar Al-Khalil Ibrahim Shah aus Malaysia, aber die Ehe ging schief. Paul hingegen zog sich schon in de Achtzigern zurück, eröffnete einige Friseursalons und starb mit 44 an Lungenkrebs.
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Mr. Bloe: ich habe ja ein Herz für One-Hit-Wonder, und Mr. Bloe ist außerdem noch ein besonders eigenwilliges Stück. Ein Instrumental, und dazu noch von vollkommener Unauffälligkeit. Rhythmus, Klavier und darauf dann eine Mundharmonika. Man würde sich so denken: maximal B-Seite. Und genau so war es auch: es gibt hier  die Originalversion des Stückes der ominösen Gruppe „Wind“, und da ist es tatsächlich eine B-Seite. „Wind“ war das Projekt von Tony Orlando, der uns einige Jahre später mit Tie A Yellow Ribbon Round The Old Oak Tree den Cullinan-Diamanten der Schmachtfetzen schenkte: Er war allerdings an Mr. Bloe überhaupt nicht beteiligt, ebenfalls nicht als Komponist, und als Sänger auch nicht.
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Auf Platz 16 neu The Green Manalishi von Fleetwood Mac, ein fantastischen Stück der frühen Fleetwood Mac (die ganz anders sind als die Rumours-Tusk-Fleetwood Mac).

Ein wirklich cooles Stück, und musikalisch ein Zwillingsbruder des ebenso großartigen Oh Well, das wir schon gewürdigt hatten. Es war das letzte Lied, das der damalige Bandchef Peter Green mit Fleetwood Mac aufgenommen hat. Und Peter Green ist gerade erst, am 25.7.2020, gestorben. Die Geschichte ist ein wenig ähnlich wie bei Syd Barrett von Pink Floyd: der psychisch labile Bandchef hat ein Drogenproblem und verläßt die Gruppe. 

Langhans, Obermaier. Quelle: br, DPA bildfunk
Angeblich soll es ein einziger LSD-Trip gewesen sein, der Peter Green damals aus der Bahn warf. Der Bandkollege Jeremy Spencer erinnert sich: „Als wir am Münchner Flughafen auftauchten, sind plötzlich diese Leute aufgetaucht: Ein sehr schöne Frau in einem schwarzen Samt-Mantel und ein Typ, der mit seiner Nickelbrille wie John Lennon ausgesehen hat.“ Die sehr schöne Frau war Uschi Obermaier, der Pseudo-Lennon war Rainer Langhans. Sie fuhren in eine Aussenstelle ihrer Kommune auf einem Schloss in der Nähe von Eching und musizierten die Nacht lang durch. Und genau da hat sich Peter Green den schlechten LSD-Trip geschmissen. In seiner Erinnerung später war es übrigens diese Nacht, in der er es zum ersten und zum letztenmale geschafft hatte, die Musik schlechthin, die „eigentliche Musik“ zu machen. Es wurde sogar eine Bandaufnahme gemacht, die man Peter Green in die Hand drückte, aber er war so durcheinander, dass er das Band später verloren hat. So reiht sich Peter Green in die Reihe der Suchenden der absoluten Musik (Richard Wagner, Brian Wilson), die es meistens aus verschiedensten Gründen nicht erreicht haben. Wäre diese Tonband nicht verloren gegangen, dann hätten wir jetzt gar keinen Streß mehr mit deutschen Hiphop, mit Helene Fischer undsoweiter, und die Zeit hätte auch nicht mehr Tanz und Tänzer getrennt. Wir würden Peter Greens Absolute Musik hören und alles würde sich von da an für uns fügen. 

Vielleicht liegt ja irgendwo noch ein Tonband herum, beschriftet mit „Schloss Kronwinkl März 1970“. Bitte nicht in die Restmülltonne werfen. Da ist nämlich die absolute Musik drauf!


Rakete der Woche: All Right Now von Free
Veteran der Woche: Du von Peter Maffay mit 9 Wochen
Liebling der Woche: The Green Manalishi von Fleetwood, ganz ganz nahe an der absoluten Musik!






Freitag, 31. Juli 2020

Nr. 15 vom 1.8.1970 oder Deine Zauber binden wieder





So, und hier sind wie immer die Goldenen 20 auf youtube!


Noch immer halten Simon & Garfunkel drei Plätze in unseren Top 20, darunter auch die Nummer 1 mit dem unsäglichen El Condor Pasa. Aber von hinten kommt ein klassischer Supersommerhit angeschossen: In The Summertime von Mungo Jerry. Wir sind gespannt, wie es nächste Woche aussehen wird!


Auf Platz 8 – er wird noch deutlich steigen, ist eine sehr skurrile Angelegenheiten: Song Of Joy von Miguel Rios. Eines der urdeutschesten aller Lieder kommt sozusagen über Bande wieder zu uns zurück. Interessanterweise war es auch in Österreich und in der Schweiz die Nr. 1, während es in USA und UK nur so ein mittlerer Hit war. Allerdings wurden sieben Millionen Stück verkauft. Ich habe es mir jetzt noch einmal angehört – und ach, eigentlich macht es der Miguel doch gar nicht so schlecht! Leider ist sein Auftritt mit diesem Lied im Film „Das haut den stärksten Zwilling um“ (Peter Weck, Ilja Richter, Peggy March und alle anderen) nicht vorhanden, aber es gibt eine hübsche spanische Version, da heißt es dann Himno a la alegria. Dazu hier ein schöner Clip.

So ein bißchen ist Miguel Rios zwischen Joe Cocker und Freddy Quinn (Cocker von der Inbrunst, Quinn vom Gesicht). Und – so etwas macht mich ja wahnsinnig, sein Mikrofonkabel bleibt bei 4:07 am Jackenknopf hängen, ganz am Ende, und dann steht Rios da, beethovenergriffen, schillersüchtig, mit einem Kabel, das da vor seiner Jacke hängt. Ich mache mal einen Knoten in mein Mikrofonkabel, denn darüber werden wir noch einmal ausführlich reden müssen, über das Mikrofonkabel und was es für die Musik bedeutete in den Siebzigern.

Aber blicken wir zunächst einmal auf den Miguel, und was Miguel so singt. Schillers Original lautet bekanntlich:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.


Miguel macht daraus:

Come sing a song of joy
for peace shall come, my brother
Sing, sing a song of joy for men
shall love each other.
That day will dawn just as sure
as hearts that are pure,
Are hearts set free.
No man must stand alone
With outstretched hand before him.

Ok, das ist schon ziemlich freimütig übersetzt. Erstmal dachten sie natürlich, what-the-fuck is elysium? und machten daraus „peace“, denn Frieden geht ja immer. Desweiteren verläßt der Text das Original weitläuft. Wo sind denn eigentlich die Zauber? Und die Mode, die alles streng getheilt hat (immer schon meine Lieblingszeile!)? Nein, das ist schon ein bißchen Laberrhabarber.
Verantwortlich für den englischen Text ist übrigens ein gewisser Ross Parker, der einige große Hits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte: er schuf mit "We'll Meet Again" "There'll Always Be an England", "I'm In Love For The Last Time" einige berühmte Trost- und Durchhaltelieder.


Song of joy (Quelle: discogs/Polydor)

Es geht auch schlimm weiter: “Reach out and take them in yours with love that endures forevermore,  then sing a song of joy for love and understanding” Jaja, ist ja schon gut, wogegen Schiller ganz klar fomuliert hat: „Ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund, und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!“ Ich übersetze das mal ins heutige Deutsch: „Keine Follower, keine Likes, also hau ab!“ und das ist schon etwas ganz anderes als Arme ausstrecken und Liebe forevermore, mein lieber Herr Ross Parker!
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Aber jetzt hier mal ein kleiner Schnitt. Wenn jetzt jemand einmal auf das Original neugierig geworden ist: welche Einspielung ist zu empfehlen? Ich fürchte, es gibt keine Symphonie, die so oft und so oft schlecht aufgenommen wurde wie Beethovens Neunte. Und – wie oft in der Klassik – hört man oft das Aufnahmejahrzehnt sehr stark durch. So sind fast alle Aufnahmen aus den Siebzigern und Achtzigern (gerade bei Karajan!) viel zu staatstragend und stereoanlagenschrank.


Song of noch mehr joy (Quelle: discogs, Deutsche Grammophon)


Deutlich älter, viel schlanker und die wohl beste verfügbare Aufnahme sind die Berliner Philharmoniker mit Ferenc FricsayDie Aufnahme stammt von kurz vor Weihnachten 1957 und das schöne an ihr ist nicht nur ihre Dynamik, sondern das Geschehen ist schier hysterisch, atemlos, geprügelt und getrieben. Was für eine Achterbahn! Eine feine Ironie, dass das gerade ein Ferenc Fricsay, der sich als jüdischer Musiker während des Krieges in Budapest verstecken mußte, so unglaublich gut hinbekommt, ausgerechnet mit den Berliner Philharmonikern in der Hedwigs-Kathedrale am ehemaligen Opernplatz. Über Miguel Rios brauchen wir hier nicht zu reden. „Wir betreten feuertrunken“ heißt es im Originaltext und nicht „shall love each other“. Sehr großes Kungfu!



Song of überhaupt kein joy: Furtwängler in der Philharmonie, mit einigen prominenten Zuschauern (Quelle: NZZ, imago)


Aber. Es gibt noch eine andere Aufnahme. Berlin, 19.4.1942, Philharmonie Berlin, Vorabend des Führergeburtstages. Goebbels hält eine Rede. Hitler ist anwesend. Dann gibt es Beethovens Neunte mit den Berliner Philharmonikern und Furtwängler. Die Aufnahme hat eine grauenhaft schlechte Tonqualität, es hat damals ein privater Amateur auf sieben Decelith-Platten aus dem Rundfunk aufgenommen. 

Die ersten drei Sätze sind toll, und jetzt kommt die Ode an die Freude. Bei ungefähr 1:00:44 fangen sie dann auszurasten, unglaublich. Wahnsinnig schnell, laut und herausgebrüllt, aber an der Rosenspur-Stelle beginnen sie plötzlich zu tanzen. Joachim Kaiser sagte einmal – es sei gewiß geschmacklos, aber besser seien Furtwängler und die Berliner nun einmal nie gewesen als in diesen Jahren, als es auf Leben oder Tod ging. Es gibt eine Aufnahme von Bruckners 9. (sic!) von 1944, und zwar der langsame letzte Satz ist so unglaublich traurig, in der Gewißheit, alles verloren zu haben, alles ist zuende, und man hat das alles selbst gemacht und verursacht. Davon ist man hier – 8 Monate vor Stalingrad - noch weit entfernt. Wie sehr lassen sie es rocken zu 1:05:15, als sie die Freudestrophe wiederaufnehmen! Dann aber: Überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen ist so bescheiden, so demütig, aber dann 1:10:49 DER GANZEN WELT DER GANZEN WELT. Und im Gegensatz zu Fricsay, der die letzten Minuten versöhnlich ausrollen läßt – schließlich werden ja alle Menschen Brüder – hält Furtwängler die Spannung und den Wahnsinn bis zum Ende hin aufrecht. Die Aufnahme läßt einem ratlos zurück. Aber weiter war man vom „Song of Joy“ nie entfernt, niemals.


Ausschnitt aus meiner Jugend, damn life (eigenes Foto)


Das heißt, eine völlig kaputte Version hat dann 1982 John Cale gemacht, zu einem leiernden Klavier stottert der Ex-Velvet Underground einen völlig anderen Text herunter it's a pity, damn life. Tatsächlich habe ich als später Teenager (ich war 17) die Platte sofort nach Erscheinen gekauft und fand diese Version großartig. Damn Life, klar. Als (später) Teenager fährt man ja am besten damit, erst mal alles schrecklich zu finden. You're just not worth it, you're just not worth the pain singt Cale, und das selbst heute noch sehr eindrücklich. Damals hielt ich es für eine uneinholbare Wahrheit. In gewisser Weise ist Cale damit der Antipode zu Miguel Rios. 1970 war alles Song of Joy, 1982 war alles Damn life.

Wer recht behalten hat, war – Beethoven.




Rakete der Woche: A Song Of Joy von Miguel Rios
Veteran der Woche: Bridge Over Troubled Water mit 9 Wochen - werden sie die 10 schaffen?
Liebling der Woche: Kitsch vom tollen Barry Ryan



Freitag, 17. Juli 2020

Nr. 14 vom 15.7.1970 oder Die Beatles gingen zum Regenbogen




Und hier die aktuelle Hitparade auf Youtube!

Ich hatte es ja schon befürchtet: jetzt haben wir El Condor Pasa so richtig an der Backe. Ich wage auch gar nicht auf den Anfang August zu gucken, weil ich das nie mache, weil das wäre ja sozusagen Retroprophetie. Ich meine, es kann ja nicht ewig dauern.

Etwas anderes ist viel trauriger: auf Platz 19 schleichen sich die Beatles aus den Top 20. Ich halte es nicht ausgeschlossen, dass ein Titel zu irgendeinem Revival oder anderen traurigen Anlaß noch einmal in die Top 20 kam, aber eigentlich war es das. Von Nr. 1 grüßt der neue Kondor, und Mother Mary verläßt die Party. Man hat den Beatles auch schon damals sehr hintergejammert, aber das war genau so, als würden sich heute – ja, wer eigentlich? das Zeitalter der Bands ist ja mindestens 10 Jahre vorüber – beispielsweise Coldplay trennen, oder die Pet Shop Boys. Schade, ja, aber weiter im Text. Man ahnte damals natürlich nicht im geringsten, dass kaum noch etwas so Großes nachfolgen würde. Vielleicht noch Abba, aber die hatten nicht die richtige street credibility. Michael Jackson? Sagt nichts!


Unabhängig von unserem Beatles-Abschied können wir doch einmal ein wenig in die Literatur schlendern. Hier die SPIEGEL-Bestseller vom 15.7.1970:

Quelle: DER SPIEGEL 29/1970



Simmel auf Platz 1! Das ist allerdings ein bißchen mehr STERN als SPIEGEL. Die Simmel-Bücher, mit ihrem bunten Pinsel-Lettering des Titels, sind mir auch schon als Kind geläufig gewesen. Jimmy und der Regenbogen ist übrigens schon im folgenden Jahr verfilmt worden, und es gibt einen wunderbaren Trailer auf youtube dazu. 

Jimmy war übrigens lange Zeit Nummer 1, mit einer kleinen Unterbrechung von März bis September. Es gibt wirklich nur sehr wenig, das so bundesrepublik ist wie Johannes Mario Simmel. Es muß nicht immer Kaviar sein, Lieb Vaterland magst ruhig sein, Mit den Clowns kamen die Tränen, Der Stoff aus dem die Träume sind usw. usw.

Quelle: amazon/Droemer Knaur



Aber ernst genommen wurde Simmel nie. Genau so wenig wie Udo Jürgens. Simmel war zwar nicht so ganz trashig wie Konsalik, aber natürlich nicht so intellektuell wie Peter Handke, den wir auf Platz 4 finden. Das habe ich übrigens auch einmal gelesen und fand es scheußlich langweilig. Peter Handke und ich sind sowieso noch nie richtig zusammengekommen, obwohl ich ihm öfter einmal eine Chance gegeben habe. Aber ich finde, Peter Handke schreibt eigentlich immer nur für Peter Handke. So ähnlich wie Martin Walser immer nur über Martin Walser schreibt.


Simmel fängt an mit: „Sie wollten unbedingt einen Kopfschuß. Deshalb hatten sie Clairon kommen lassen. Er war Spezialist für Kopfschüsse.“ Handke fängt an: „Dem Monteur Ernst Bloch, der früher ein bekannter Torwart gewesen war, wurde, als er sich am Vormittag zur Arbeit meldete, mitgeteilt, daß er entlassen sei.“ Ok. Simmel will dich als Leser, Handke will sich vorstellen, wie er in einer Lesung sogar gleich zwei kunstvolle Schaltpausen in seinem Satz macht, wurde, mitgeteilt. Es wäre doch auch einfacher gegangen: „Sie wollten unbedingt einen Torschuß“.Ich glaube, Handke müßte Bassist bei Creedence Clearwater Revival werden, sollen.

Papillon habe ich übrigens auch gelesen, sogar zweimal. Das sind ja so die Bücher, die man früher auf Flohmärkten gefunden hat, in der Kiste der letzten Hoffnung, für das Stück 2 Mark. Papillon, Simmel, der Pate. Alles da.

Interessant auch die Sachbücher. Auf Platz 4 das Werk zu „Eltern entdecken die neue Mathematik“ (übrigens auch wieder Droemer Knaur). Der Punkt war nämlich, dass man die Mengenlehre auf die Lehrpläne der Kinder gesetzt hatte und die Eltern uns das nicht erklären konnten, weil sie das nie gelernt hatten. 

Quelle: amazon/Droemer Knaur



Ich weiß auch noch, wie ich als Kind diese Mengenlehre irgendwie blöd fand. Man konnte nichts richtig ausrechnen, und man hatte die ganze Zeit den Eindruck, es sollte einem hier etwas erklärt werden, was ohnehin schon völlig klar war. Mengenlehre war etwas für Handkeleser. Ich war da eher für Simmel. Sie wollten unbedingt einen Kopfrechner.

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Ich habe übrigens festgestellt, jahrzehntelang Howard Carpendales Mädchen von Seite 1 mißverstanden zu haben. Es geht keinesfalls um das Mädchen von der BILD-Zeitung oder von der TV Hören und Sehen, sondern es geht um ein Versandhandelskatalogtitelmädchen, was auch diese Zeilen erklärt: „Oh, schickt mir nicht Gardinen, und keine Nähmaschinen, und keine Filzpantinen.“ Klar, denn er will nur das Mädchen von Seite 1. Das war übrigens sein zweiter Hit in Deutschland. Sein erster Hit war Obladi-Oblada, womit sich wieder alle Kreise schließen.


Rakete der Woche: In The Summertime von Mungo Jerry
Veteran der Woche: genau wie letzte Woche: Let It Be, House of the rising Sun und Bridge over troubled Water
Liebling der Woche: Das schöne Mädchen von Seite 1!




Donnerstag, 2. Juli 2020

Nr. 13 vom 1.7.1970 oder Beischlafnummern mit eindeutigen Gesten (und Kannibalen)


Und hier sind sie wieder: die Top 20 aus dem Sommerberlin 2020 für das Jahr 1970.

Oh, eine Doppelspitze! Ich bin einigermaßen sicher, das wird sehr selten vorkommen. Wie zu befürchten war, zieht der Condor auf Platz 1 und im Flügelschatten schleicht sich das ungleich schönere Cecilia auf Platz Nummer 2. Ich fürchte ja, es wird mit dem Condor noch einige Wochen dauern. Seltsam auch, dass es ein Sommerhit gewesen ist. Es ist ein ekliges Stück, aber irgendwo doch überhaupt nicht sommerlich. Ihr kennt doch sicher die Geschichte vom Flug 571 nur zwei Jahre später über eine Rugbymannschaft, die in den Anden abgestürzt ist. Ich habe mal das Buch eines Überlebenden dazu gelesen. Von den 45 Passagieren und Besatzung starben gleich 17 beim Absturz oder in der ersten Nacht. Für die anderen wurde es rasch ungemütlich, da man nur Schokolade und etwas Wein als Proviant dabeihatte und auf 3.800m in den Anden auch keine Spargelfelder sind. Ja, und so haben sie sich dann gegenseitig aufgefuttert bzw. nur die Gestorbenen, die ja alle glücklicherweise tiefgekühlt waren (ja, ihr habt jetzt alle Bilder von der Tönnies-Schlachterei im Kopf. Dafür kann ich nichts). Insgesamt mußten sie fast 2 ½ Monate ausharren, bis sie gerettet wurden. Angeblich wurden nur zwei Frauen unangegessen gelassen (es starben insgesamt 29 Personen). Ja, und wo war während dieser Zeit El Condor Pasa? Wahrscheinlich in der Fußgängerzone von Gelsenkirchen, auf der Panflöte.
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Schauen wir doch einmal wieder in den SPIEGEL: interessanterweise gibt es im Juni 1970 eine Sondernummer zu „Popmusik“. Ich muß sagen, ich war wirklich außerordentlich erstaunt nach Lektüre des achtseitigen Leitartikels. Die Autoren schreiben über aktuelle Rockmusik in ihrem typischen SPIEGEL-Stil wie sie später über Waldorf-Pädagogik, Hare Krishna, Atomkraft Nein Danke, Fridays for Future geschrieben haben: leicht überheblich, etwas ironisch, aber durchaus mit Verständnis: so sind die jungen Leute halt. Moment. Wir haben Juni 1970. Was ist denn an Rockmusik neu? Wir sind im Jahr 8 der Beatles, die sich soeben getrennt haben. Rock, der heiße neue Scheiß?

Dann habe ich langsam kapiert, was mit als SPIEGEL-Leser, der erst ein Dutzend Jahre später eingestiegen ist, völlig fremd war: der SPIEGEL war damals ein Blatt für alte Menschen oder junge Menschen, die sich wie alte Menschen anzogen. Sozusagen für alte weiße Männer. Für die Leser von Günter Grass. Dort die geringste Vorbildung für Popkultur zu vermuten, wäre zu recht waghalsig gewesen. Im Text wimmelt es davon, wie langhaarig, wild und drogensüchtig die Konsumenten dieser merkwürdigen „Rockmusik“ sind. Deshalb setzen sie drollig jeden Bandnamen in Anführungsstriche und versuchen den althumanistischen Lesern ein wenig von der Weirdness dieser Popmusik durch die Übersetzung von LP-Titeln zu vermitteln: „Ihrer satanischen Majestät“ und „Hof des karminroten Königs“. Ansonsten versuchen sie den anständig angezogenen Bildungslinken ein klein bißchen Schauer zu vermitteln:
„Sie lieben das Verrrückte, Bizarre, Groteske, und Bands wie die „Rolling Stones“ und die „Family“, „Jefferson Airplane“ und „Grateful Dead“ animieren sie dazu.“ (SPIEGEL 25/1970)

Gerade bei den Bands rollen einem Gegenwärtigen Tränen der Rührung über die Backen, wenn ein Absatz später z.B. noch „Ten Years After“, „Jethro Tull“ und „Fleetwood Mac“ als heißer Scheiß zitiert werden. Das sind alles Sachen, die auf der Schwelle zwischen Elternmusik und Großelternmusik stehen. Vielleicht ist mir erst wieder klar geworden, wie unglaublich lange dieses 1970 doch her ist, denn man unterliegt der Illusion, so weit könne es ja nicht zurückliegen, weil man es ja selbst (als Fünfjähriger) noch miterlebt hat.

Für Nackte ist natürlich auch fotografisch Platz, denn die Gammler haben nicht nur dreckige Sachen an, sondern ziehen sie sich auch noch aus.


Sehr wenig Dreß (Quelle: SPIEGEL 25/1970)


Es ist nämlich so: „Fast alle Bands haben in ihrem Repertoire Beischlaf-Nummern, die mit eindeutigen Gesten vorgetragen werden.“ Was für ein geiler Scheiß!

Und beim gesellschaftlichen Herumerklären verwickelt sich der SPIEGEL dann auch in seinen eigenen Widersprüchen (die man natürlich sieht), etwa wenn er über Liverpool schwadroniert, denn dort „…fühlten sich die jungen Proletarier so deklassiert wie die Neger. In ihrer Wut trommelten sie aggressive Negerrhythmen und paukten sich damit aus Kellern und Gossen nach oben.“ (SPIEGEL 25/1970)

Allerdings vergißt der SPIEGEL nicht zu erwähnen, dass die „Neger“ selbst die „Negerrhythmen“ gar nicht mögen, „denn Amerikas Neger wollen keine Synthese mit westlichem Tongut mehr: sie suchen in den afroamerikanischen Musizierweisen Gospel und Soul ihr Heil.“ Das ist insofern richtig gesehen, weil keine zehn Jahre das nächste big black thing startete: Hiphop, damals noch als Rap.

Der Artikel schließt allerdings versöhnlich: „Mit ihren langen Haaren und ihrem exzentrischen Dreß (sic!) plädieren die Rock-Musiker und ihre Geeflogschauft unablässig für Toleranz, friedliches Nebeneinander und Liberalität. Wahrlich, diese Generation taugt nicht mehr zum blinden Befehlsempfang, sie verweigert sich jeglichem Drill.“ (SPIEGEL 25/1970)

Tatsächlich. So ist es dann auch gekommen.

  

Rakete der Woche: Yellow River von Christie
Veteran der Woche: gleich 3: Let It Be, House of the rising Sun und Bridge over troubled Water
Liebling der Woche: Let It Be (ist ja auch bald weg).




Montag, 15. Juni 2020

Nr. 12 vom 15.6.1970 oder Geist, Vogel, Stern




Zuerst wie immer der Link zur aktuellen Hitparade bei youtube. .

In der heutigen Folge werden wir den Blick unentwegt nach oben wenden müssen! Es geht los mit Norman Greenbaum. Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut, die Nummer 1. Er ist wirklich ein echtes, reines, kristalllines One-Hit-Wonder. Er kam aus der Folkszene in Los Angeles, hatte mit einer längst vergessenen Band einen Viertel Hit, und dann kam schließlich Spirit In The Sky, erst erfolglos, dann ein Riesending überall auf der Welt, ohne dass er irgendwas folgen lassen konnte. Ende der 70er wurde er dann Koch und Metzger. Aber schon Ende der Achtziger entdeckten Regisseure, wie gut sich das Lied als Filmmusik eignet durch den pulsierenden, coolen Rhythmus zum Start, sehr schön hier bei Apollo 13.

Angeblich bekam Greenbaum für jedes Auftauchen der Himmelsgeister in einem Film mindestens 10.000 €. Das ist schon ok. Man muß ja nicht dauernd mittelgute Ideen haben, sondern nur einmal eine richtig gute Idee. Die Einnahmen von Last Christmas etwa schätzt man auf bis zu 8.000.000 $ pro Weihnachten. Das reicht schon für ein schönes, warmes Kaminfeuer.
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Genau das Gegenteil eines One-Hit-Wonders sind Simon & Garfunkel. Interessanterweise stammen ihre größten Hits in Deutschland allesamt von der Bridge Over Troubled Water, obwohl sie vier großartige Studioalben und diverse internationale Hits schon vorher hatten. El Condor Pasa ist allerdings das mit Abstand scheußlichste Lied, das sie jemals gemacht haben. Vielleicht ist der Online-Handel nur erfunden worden, damit die Leute sich nicht in Fußgängerzonen El Condor Pasa auf Panflöten anhören müssen. Interessant ist die Geschichte, wie das Lied zu Simon & Garfunkel kam: die Melodie stammt von einer Band namens Las Incas, die es ebenfalls im Jahr 1963 aufgenommen haben. Paul Simon hörte die Band im Jahr 1965 und fragte nach der Herkunft des Stücks. Die Band erzählte ihm falsch, es handle sich um eine alte peruanische Volksweise. Paul Simon ersetzte den kompletten Text – bis auf den Titel – und nahm das Lied auf (übrigens ohne jede Beteiligung von Art Garfunkel). So landete der Condor pasa auf der letzten LP von Simon & Garfunkel, und zwar ohne Urheber.
Lied Nr. 2 ohne richtigen Urheber: El Condor Pasa (Quelle:discogs)


Los Incas hatten aber Quatsch erzählt. Das Lied wurde 1913 von einem gewissen Daniel Alomia Robles komponiert. ABER: Senor Robles habe wiederum ein altes peruanisches Volkslied als Grundlage genommen, und zwar „Soy la paloma que el nido perdió“, das heißt: „Ich bin die Taube, die das Nest verloren hat“ Um den Diebstahl zu vertuschen, hat Senor Robles die paloma in einen condor verwandelt! Leider gibt es hierzu keine youtube-Version, so dass ich euch mit einer deutschen Kondorpasa-Version trösten muß, und zwar von einer gewissen Eva Folk. 

In Ermangelung von Anden hat Frau Folk im Hintergrund offenbar einen Acker in der Nähe von Bad Nauheim in den Hintergrund, dazwischen einige zusammengeschnittene Sequenzen von Bergen, von denen Frau Folk vermutet, dass sie dem inneren Andenbild ihrer Fans entsprechen. Was? Ihr kennt Frau Folk nicht? Das ist die Eva Folk, die im Jahr 2011 das Lied „Neue Wege“ unter den besten 18 Songs platziert hat, die auf der Jubiläums-CD der Oberhessischen Versorgungsbetriebe für 100 Jahre OVAG herausgegeben wurden, wie ich gerade ihrer Webseite entnommen habe. If you make it at oberhessische Versorgungsbetriebe, you make it everywhere.

Fassen wir nochmal zusammen: Das Lied wurde vom peruanischen Volk als Taube komponiert, von Daniel Robles in einen Condor verwandelt, den Los Incas für Paul Simon nachgespielt, der es umtextete und es ohne Art Garfunkel aufnahm, und zwar als Simon & Garfunkel. Übrigens ist es ein Lied, das ich immer schon, ewig schon, und immerwährend scheußlich gefunden habe. Es ist das Creedenceclearwaterrevival im Schaffen von Simon & Garfunkel. Ich fürchte allerdings, es wird uns noch einige Zeit begleiten, ohne dass ich jetzt oder jemals in die Zukunft spicken würde. 
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Und noch etwas - kaum war dieser Stern vor vier Wochen aufgegangen, ist er auch schon fast wieder unter den Horizont verschwunden: Wandrin‘ Star von Lee Marvin. Ich dachte bislang, man hätte den alten Western-Haudegen Lee Marvin einfach nur so zum Spaß mal dieses Lied einsingen, äh, einsprechen lassen. Weit gefehlt: Wandrin‘ Star kommt aus dem Musical-Film „Paint Your Wagon“ von 1969 (dt: Westwärts zieht der Wind). Neben Lee Marvin spielt Clint Eastwood eine Hauptrolle, und unglaublicherweise singt er sogar: „I Talk To The Trees“ (die Bäume können ja auch nicht weglaufen) https://www.youtube.com/watch?v=nn8YubD01sk

Die weibliche Hauptrolle übernahm Jean Seberg, und hier hatte man immerhin so viel Einsehen, sie nicht singen zu lassen, sondern das eine gewisse Rita Gordon erledigen zu lassen (die nicht mal Credits für den Soundtrack) bekam: Jean Seberg A Million Miles Away Behind The Door.

Die Besetzung ist natürlich super (Quelle: wikipedia)


Der Film ist berüchtigt für seine absurde Länge (fast drei Stunden), für die seltsame Idee, einen Musicalfilm mit drei ausgewiesenen Nicht-Sängern zu besetzen und für seine durcheinandere Handlung.


Rakete der Woche: natürlich unser Kondor von El Condor Pasa von Simon & Garfunkel
Veteran der Woche: Ma belle amie auf der 18 mit 8 Wochen.
Liebling der Woche: Kitsch von Barry Ryan