Donnerstag, 18. Februar 2021

Nr. 26 vom 18. Februar 1971 oder Die Fischbrötchen tanzen wir quitt

 

So, das war jetzt aber eine arg lange Pause zu Weihnachten, aber erst war ja Silvester, und dann mußte ich meinen Weihnachtsbaum abbauen, dann hatte ich keine Zeit, und dann war es auch schon Februar.

Aber unverzagt in eine neue Ausgabe der Top 20. Hier die youtube-Playlist. Und auf Platz Nr. 1 (und das schon seit 7 Wochen) ist George Harrison mit My Sweet Lord. Ich kann mich sogar erinnern, als das ein Hit war (ich war fünf Jahre alt), weil es ein unglaublich transgalaktisch riesiger Hit war (was wir auch noch sehen werden - paß mal auf, El Condor Pasa). Ich weiß auch noch, was ich verstanden habe: es handelt sich um ein englisches Lied (da ich den Text nicht verstehen konnte), es sang jemand Hallelujah und es ging um einen Lord. Allerdings weiß ich nicht mehr, was ich mir daraus zusammengereimt habe: ein englischer Lord, der in eine Kirche geht? Auch die Verbindung zu den Beatles, die ich durch She Loves You und Hey Jude wenigstens unterbewußt kannte, habe ich nicht gezogen. Wahrscheinlich habe ich mir im Februar 1971 überhaupt nichts gedacht. Ich wußte, in einigen Monaten endlich in die Schule gehen zu können. Ich freute mich, denn dort würde ich endlich lesen lernen.

Viel später, Weihnachten 1979 bekam ich dann die zu My Sweet Lord zugehörige LP All Things Must Pass. Es war ein typisches Weihnachtsgeschenk, denn es war eine Dreifach-LP im Pappkarton, die mehr als 30 Mark kostete. Und man ahnte auch schon, dass sie nicht so ganz super-duper sein würde. George war auch schon bei den Beatles ein unsicherer Kantonist gewesen, ich sag nur Within You Without You oder die scheußlichen Old Brown Shoe oder Savoy Truffle. Als alternative Dreifach-LP (es ist ja nur einmal im Jahr Weihnachten) wäre noch Wings Over America in Betracht gekommen, aber drei LPs nur mit Paul McCartney sind ja auch kein Spaß. 

Und My Sweet Lord fand ich da auch nicht so überragend. Harrison hat es übrigens auch gestohlen, hier das Original He's So Fine von den Chiffons. Komponiert hat es ein gewisser Ronnie Mack als She's So Fine für eine Doo-Wop Band namens Jimmy River & The Tops; als es dann die Mädchen-Chiffons machen wollten, wurde es kurzerhand im Februar 1963  He's So Fine umgemodelt. Am Klavier sitzt übrigens die deutlich bekanntere Carole King. Praktisch zeitgleich übrigens nimmt eine gar nicht unbekannte Liverpooler Band den Titel "Chains" von Carole King für ihre erste LP auf.

Die Mädchen singen übrigens Do-lang-do-lang-do-lang im Hintergrund, was immer das bedeuten mag.Und auch Ronnie Mack hat zwar noch den Erfolg von He's So Fine mitbekommen, aber nicht mehr My Sweet Lord, weil er schon November 1963 durch Lymphdrüsenkrebs zu meinen süßen Herrn gerufen wurde.

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Roy Black, Für Dich allein (Du kannst nicht alles haben). Eines der schlimmsten Beispiele des kleinen Sub-Genre "Kinder & Star-Schlager", das gerade Roy Black mehrfach bespielte. Schaut euch mal das Video an! 

Eine kleine Indianer-Kinderbrigade kommt hinter den Bäumen hervorgesprungen, legt etwas Reisig ab, den sie innerhalb von Sekunden lichterloh entzünden, dann kommt der Mann mit dem dunklen Anzug hinter dem Baum hervor und singt, dass das Leben nicht nur Spasz ist, sondern die Rosen auch Dornen haben. Boah. Das ging heute auch alles nicht mehr. 

Mir fiel jetzt folgende Zeile aus der zweiten Strophe auf:

Zu jeder Stunde Würstchen und 'ne Tüte mit Pommes frites, lauter Kaugummi am Sofa und die Schule sind wir quitt.

Ok, Würstchen, ok, Pommes, aber warum denn Kaugummi "am" Sofa? Und "die Schule sind wir quitt" ist ja grammatikalisch doch heikel. Man ist ja mit jemanden quitt, und nicht so einfach so quitt. Obwohl das durchaus neue Möglichkeiten bietet, um auszudrücken, dass man durch ist mit einer Sache, Ende-Gelände, keinen Bock mehr. Corona bin ich quitt.  Ihr ahnt es: das Video ist auch einem Film, und zwar "Wer zuletzt lacht, lacht am besten". Und natürlich von Harald Reinl (der Winnetou-Reinl, der übrigens, wie ich gerade interessiert lese, Regie bei Leni Riefenstahl in "Tiefland" gelernt hat. Theo Lingen, Peter Weck, Uschi Glas spielen auch mit, und - Licht aus, Spot an- Ilja Richter aus Berlin. Mit Herrn Richter werden wir jetzt gelegentlich zu tun bekommen, da man sehr viele Folgen von DISCO bei youtube eingestellt hat, was uns noch sehr viel Freude bereiten wird. Es handelt sich um die allererste Sendung vom 13. Februar 1971, und zwar hier.


Disco 71 (Quelle: ZDF)


Man merkt es der Sendung an, dass sie noch ein wenig am Üben sind. Generell ist das Konzept so, dass es drei Bühnen gibt: die eine Bühne mit angeblichen Steuerungsknöpfen, Dashboards und Monitoren für Ilja Richter und dann zwei Bühnen, auf denen abwechselnd die Bands und Künstler auftreten. Damit das nicht zu fade wird, hat man (James-Last-mäßig, nur eben jünger) nicht mehr als zwei Dutzend junge Menschen eingeladen, die Fans spielen oder sind, und zu den Musiknummern dann tanzen. Ich habe DISCO regelmäßig, aber wenig interessiert geguckt (wie das Erwachsenen-Pendant) HITPARADE, und so bin ich mit dem DISCO-Tanzstil großgeworden. Als ich dann 1975 auf einer Klassenfete erstmals in das Tanz-Business hineingeschmissen wurde (anders kann man es nicht sagen), habe ich dann die Tanzbewegungen nachgeahmt, die ich in einigen Jahren DISCO gesehen habe. Also im Prinzip die Arme anwinkeln und dabei die Ellenbogen an den Bauch pressen, den gesamten Oberkörper nach links und rechts drehen und die Knie dazu sacht abwinkeln und sich dabei in mehreren Stopps um sich selbst drehen, langsamer als der Mond um die Erde. Das sieht so aus, als würde man auf der Fehmarn-Fähre zwei Teller mit Fischbrötchen bei Windstärke 8 durch die Schiffskantine tragen. Die Einspieler aus Top Of The Pops zeigen übrigens, dass man in UK etwas weiter war, z.B. mit "Hände in die Luft schmeißen" und "Oberkörper vor und zurück biegen" und es gibt auch einmal eine kühne Drehung. Das hatten wir echt nicht drauf, weil wir ja alle das nur aus DISCO wußten und wiederum einige wenige auserwählte Fischbrötchentänzer dann live in die Sendung eingeladen wurden, womit sich der DISCO-Tanzstil ad infinitum weiter vererbte und wahrscheinlich auch in der Hüpf-DNA bei Rave im Berghain nachzuweisen wäre. 

Bemerkenswert übrigens der Auftritt von Lulu (16:27). Boah, Lulu rockt aber den Laden so
etwas von! Da können sich die Herrschaften von DISCO aber eine Scheibe von
abschneiden. Man würde ihr glatt zutrauen, sich die Klamotten vom Leib zu
reißen und die Perücke ins Publikum zu schmeißen. Wie schade, dass sie nicht in
der Hitparade ist! 

DISCO und Hitparade sind sozusagen lose gekoppelt, da es offensichtlich so war, dass DISCO-Airplay die Platzierung pusht. Das werden wir einmal im Auge behalten. Der diesmalige DISCO-Faktor liegt bei 3: Kinks, Dave Edmunds und Christie. Während die Kinks aus Top Of The Pops zugespielt werden, sind Dave Edmunds und Christie live zugegen. Sehr cooler Auftritt von Herrn Edmunds, finde ich (22:22). Übrigens sind links im Hintergrund zwei Mädchen zu sehen, die praktisch bei jedem Clip im Bild sind. Wir werden uns das merken, Mädchen im gelben Pulli, für die nächsten Sendungen! - Oh, ich sehe gerade, dass man Herrn Edmunds gerade jetzt wegen Urheberrecht rausgeschnitten hat, das ist sehr schade, weil er wirklich eine coole Sau ist. 

Ilja Richter hat wirklich eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Er wurde schon als Kind für Hörfunk und Theater eingesetzt und hatte schon 1967 eine Serienauftritt in Till, der Junge von nebenan. Dort war er allerdings nicht Till, sondern "Lackaffe Albert". Es ist merkwürdig mit dem Ilja-Richter-Jungsein in diesen 68er-Jahren: Ilja Richter ist zwar jung, aber er ist ein alter Junger (oder junger Alter). Das eigentliche Jungsein war damals ja noch sehr jung: vorher haben die Teenager ausgesehen wie junge
Erwachsene, und nichts war den Jungs lieber, als schnellstmöglich mit Hut und Anzug herumzurennen, um in den Augen von Männern als satisfaktionsfähig zu gelten. Das änderte sich erst in den Endsechzigern und all diesen Gammlern oder noch schlimmeren. Ilja Richter hingegen war ein bißchen frech, aber eindeutig auf der Seite der Erwachsenen (später in DISCO mit Anzug und Fliege). Ilja Richter spielt den Erwachsenen vor, wie Jugendliche angeblich so sind, also er ist weniger ein Jugendlicher als vielmehr ein Jugendlichendarsteller. 

Zehn Jahre später hat Thomas Gottschalk diese Rolle bekommen, der übrigens genau so alt wie Ilja Richter ist. Ebenso wie Susanne Albrecht und Christian Klar. Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, womöglich Jugendliche im Sinne einer damaligen Gegenwart, sind hingegen 7-10 Jahre älter. 

Dauerbrenner: A Song Of Joy mit 29 Wochen
Rakete: Immigrant Song + 10
Liebling: Für dich allein!








Donnerstag, 31. Dezember 2020

Nr. 25 Die große Jahresauswertung 1970 oder Das Evangelium nach Hansi

 

So! Das war unser erstes Jahr mit der Goldenen 20. Ich hoffe, es hat Euch Spaß gemacht, uns jedenfalls auch, so dass wir es ein klein wenig verlängern werden. Aber zuerst werfen wir einen kleinen Blick auf die Top 20 des gesamten Jahres.

"Spirit In The Sky" habe ich ja praktisch schon wieder vergessen, so lange ist das her. Bridge Over Troubled Water ist eines der drei Simon & Garfunkel-Lieder der Top 20. Das haben sonst nur Creedence Clearwater Revival geschafft. Und das war es dann auch an Mehrfacheinträgen! Alle anderen schafften es jeweils nur ein einziges Mal in die Top 20. 

Ebenfalls interessant: 18 der 20 Einträge sind englischsprachig, nur Du von Peter Maffay und Dein Schönstes Geschenk von Roy Black schmiegen sich auf Platz 5 und 6 aneinander. 
Sage und schreibe 15 der 20 Einträge sind von Bands, nur 5 von Einzelinterpreten, allein 4 davon allerdings in den Top 6. Das ist alles kein Zufall. Es war die Zeit der englischsprachigen Bands, und die wird auch noch einige Zeit anhalten. Obwohl sich ihr herausragendster Vertreter verabschieden wird - was natürlich sehr traurig ist: es ist das letzte Jahr mit einem Beatles-Lied in den Top 20. Würdevoll schreitet Let It Be auf Platz 10 in die Geschichte. Auch Simon & Garfunkel werden sich 1970 verabschieden. Müßte ich jetzt daraus meine drei Lieblinge heraussuchen, ist das nicht einmal so schwer, und hier einmal begründet:

Whole Lotta Love Vielleicht eine der besten Gesangsleistungen aller Zeiten. Ein unglaublich dichtes, ansteckendes Gitarrenriff. Und dazwischen ein plötzliches Loslassen ins Dunkle, Wirre, es sind eineinhalb Minuten Chaos, bis Robert Plant das Leben, den Sex und die ganze Liebe wieder herbeischreit.

Bridge Over Troubled Water In gewisser Hinsicht ein Antagonist zum napalmgeilen Whole Lotta Love. Paul Simon hat später oft über dieses Lied gesprochen, weil er es für das Beste hielt, was er jemals gemacht hat und weil es etwas unheimlich war, wie es zu ihm gekommen war. Und ich muß auch zugeben: es ist bis heute gänsehäutig, wie in der dritten Strophe die Streicher kommen, und sich alles auflöst, irgendwo im Himmel.

Let It Be Obwohl eigentlich Abbey Road der Schwanengesang der Beatles war, so ist Let It Be die letzte Single zu Lebzeiten. Nicht nur wegen des Textes (Mother Mary) hat es etwas Katholisches. Ein würdevoller Abgang.

Ganz ehrlich: so richtig beschweren können wir uns über ein Jahr mit Whole Lotta Love, Bridge Over Troubled Water und Let It Be. Dazu wollen wir einmal auch einen Blick auf die LP-Charts des Jahres werfen.


Die LPs des Jahres 1970. Quelle: Hit Bilanz, Taurus Press


Das ist einmal wegen der Unterschiede, aber auch wegen der Gemeinsamkeiten bemerkenswert. Udo Jürgens, der in den Single-Charts nicht einmal so eine riesige Rolle gespielt hat, ist tatsächlich mit Udo '70 auf Platz 1. Eine übrigens hervorragende Platte. Bei Udo Jürgens gab es die Marotte, die 69er-LP "Udo '70" zu nennen, wohingegen die 70er-LP - genau - "Udo '71" hieß. Es gab dann später noch "Udo '75", welche 1975 erschien, dann "Meine Lieder 77" von 1977 und schließlich "Udo '80", die 1979 herauskam - wie man sieht, betritt man mit den Jahreszahlen-LPs von Udo Jürgens das Reich kalendarischer Logik. 

Dass sich Mireille Mathieu als Newcomerin auf Platz 2 festranzt, hat mich ehrlich gesagt überrascht. Weniger erstaunlich ist, dass sich James Last gleich zweimal mit seinem Non Stop Dancing in der Hitparade befindet. Mit der Reihe Non Stop Dancing hat "Hansi" James Last insgesamt neun Nr. 1 -Platzierungen in den Hitparaden gelandet. Das Konzept ist wirklich faszinierend: James Last arrangierte eine kleine Bigband (vier Trompeten, drei Posaunen, zwei Saxophonen oder Flöten, Piano oder Orgel, zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Percussion, Streicher) zusammen, die jeweils drei aktuelle Hits zu einem Medley zusammenbrachten. Die Schnipsel dauerten zwischen 1 Minuten und maximal 1:45 min (aus GEMA-Gründen). Dazu gab es dann einen Chor, der aber immer nur Lalala sang (oder Lalalala). Der Mann hat 162 Langspielplatten in die Charts gebracht mit Lalala. Eine weitere Besonderheit war, dass Partygeräusche mit eingespielt wurden. Diese Partygeräusche wurden tatsächlich in Echtzeit produziert: man schenkte also reichlich Getränke aus, dazu Schnittchen, spielte das zuvor aufgenommene Tonband ab und nahm die gesamte Atmo (wie wir heute so schön sagen) wiederum auf Band auf, um Originaltonband und Atmotonband nachher wieder zusammenzumischen. Es gibt da immer Gläserklirren, Klatschen im Takt, Zwischenjubel in den Medley-Fugen und auch mal Eröffnungsjubel bei besonders populären Gassenhauern.

In jedem deutschen Haushalt der Siebziger gab es Non Stop Dancing-Platten. Ich glaube, ich gehe nicht fehl zu behaupten, dass es deutlich mehr Non Stop Dancing als Bibeln in den Regalen standen. Zeitweise war 30% des Polydor-Umsatzes ein Non Stop Dancing-Umsatz.

Als wir uns als junge Leute für Musik interessierten (einige Jahre später), waren James-Last-Platten wirklich das Allerhinterletzte. James-Last-Platten waren Partykeller, Käseigel, Urlaub mit dem Opel Rekord in Südfrankreich, Helmut Schmidt, Zinn 40, Dalli-Dalli. 

Man beachte: selbst "The Ballad of John and Yoko" wird in Happy Sound verwandelt.
Quelle: discogs

Single-Hits hatte James Last eigentlich nur zwei: zum einen den Einsamen Hirten von 1977, mit dem Georghe Zamfir mit der Panflöte berühmt und berüchtigt (El Condor Pasa!) wurde und  1981 mit "Biscaya", ein Titel ausgesuchter Scheußlichkeit, in dem der James-Last-Sound nach demselben Strickmuster mit einem Akkordeon vermählt wird. Der Käseigel-Charme des Happy Sound ist völlig verflogen, sehr schade. In jener Zeit fangen die Chöre auch an, außer Lalala wenigstena halbe Strophen mitzusingen. Das konnte ja nicht gut enden. So ähnlich wie bei Beethoven und Fidelio. 

James Last hat natürlich unglaublich viel Geld verdient, konnte aber damit überhaupt nicht umgehen. Regelmäßig wurde er von Managern und Anlageberatern übers Ohr gehauen. So kaufte er Anfang der 80er diverse Weingüter (Wein geht immer). 1985 wollte er dann einmal seine Weingüter besichtigen (man stellt sich vor, wie sich wiederum Hansi Last vorgestellt hat, zwischen Reben durch einen sonnenbeschienen Hang zu steigen). Es stellte sich allerdings heraus, dass sein Wein-Reich komplett erstunken und erlogen war. Und deshalb mußte James Last sogar noch bis zum Jahr 2000 auf der Non-Stop-Dancing-Galeere rudern, bis er endlich schuldenfrei war. 



Pop Poll 1970. Quelle: Musikexpress



Dabei haben die Leser abgestimmt, wen sie jetzt am meisten dufte (oder auch mal nicht dufte) gefunden haben, fein säuberlich nach "inland" und "ausland". Es gibt sogar die Rubrik "Bestgekleideter Popstar", die Udo Jürgens neben der Rubrik "Sänger des Jahres" und "Musiker" gewinnt. International ist Mick Jagger am besten angezogen, und auch der beste Sänger. Wir können uns merken, dass 1970 Udo Jürgens der deutsche Mick Jagger war. Immerhin. 

Inland

Sängerin des Jahres: Katja Ebstein

Sänger des Jahres: Udo Jürgens

Popgruppe: Rattles

Undergroundgruppe: Amon Düül II

Bluesgruppe: Ihre Kinder

Nachwuchskünstler: Peter Maffay

Schlechteste Gruppe: Lords

Musiker: Udo Jürgens

Single: The Witch (Rattles)

LP: Yeti (Amon Düül)
Radio: Südwestfunk

Programm: Pop Shop (SWF)

Schauspielerin: Uschi Glas

Schauspieler: Heinz Rühmann

Bestgekleideter Popstar: Udo Jürgens

Sensationellste Show: Rolling Stones

International

Sängerin des Jahres:Melanie

Sänger des Jahres: Mick Jagger

Popgruppe: Rolling Stones

Undergroundgruppe: Black Sabbath

Bluesgruppe: John Mayall

Nachwuchskünstler: Black Sabbath

Schlechteste Gruppe: Bee Gees

Musiker: Jimi Hendrix

Single: Paranoid

LP: Deep Purple In Rock
Radio: Radio Luxemburg

Programm: Saturday Night Show (BFBS)

Schauspielerin: Raquel Welch

Schauspieler: Peter Fonda

Bestgekleideter Popstar: Mick Jagger

Sensationellste Show: Isle of Wight


So, meine Lieben. Die Zeit drängt. Ich muß noch Berliner kaufen, die hier Pfannkuchen heißen, weil ganz ohne Berliner (die hier Pfannkuchen heißen) kann man das Jahr auch nicht verabschieden. Wir sehen uns 1971!


Dienstag, 15. Dezember 2020

Nr. 24 vom 15.12.1970 oder Härter wird es nicht

 



So, endlich geschafft. Beethoven ist besiegt. Lustigerweise haben es gerade beide Hardrock-Zwillinge Paranoid und Black Night, den ewigen Miguel endlich, endlich von der Sonnenseite der Charts zu vertreiben. Und es ist auch nicht ganz unsympathisch, dass es Black Sabbath ist. Hier die Playlist.

Mit diesen Bands beginnt ein Genre, das wir heute zusammenfassend Heavy Metal nennen. Das hat es aber 1970 noch gar nicht gegeben, sondern das war alles umstandslos Hard Rock. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: entweder ist Heavy Metal etwas anderes als Hard Rock, oder es heißt einfach anders. 

Black Sabbath hat heutzutage eine deutlich bessere Presse als Deep Purple. Das liegt nicht nur an den „Osbournes“, sondern einfach daran, dass sich die Musik besser gehalten hat. Hört euch mal das Stück an, das so heißt wie das Album wie die Gruppe, von der ersten LP, hier. 

Das ist gut, nicht? Düster, aber auch wieder irgendwie witzig, Spaßgrusel wie Tanz der Vampire, oder heutzutage: Haunting Of Hill House, lustig aber doch auch ein bißchen unheimlich. Das Selbstironische haben Black Sabbath immer sehr gut hinbekommen (Deep Purple eher nicht). Die erste LP (die mit Paranoid ist die zweite) ist ganz hervorragend. Als 14jähriger hockte ich auf dem Sofa meines Freundes Christoph, wir hörten uns das an und fanden es super. Oder nicht „super“, ich weiß gar nicht mehr, was wir damals gesagt haben, aber „knorke“ „geil“ „fabelhaft“ sagten wir nicht. Zu dieser Zeit waren die Sachen von Sabbath, wie wir Checkersie nannten, ungefähr 10 Jahre alt. Ende der Siebziger der waren Sachen Ende der Sechziger „die alten Sachen“. Ist das heute auch noch so? Sind Adele und Amy Winehouse auch eine „alte Sachen“ Damals war Janis Joplin ungefähr zeitlich gleich weit weg und eindeutig eine alte Sache. Sie war allerdings da auch schon längst tot. Aber seltsam, Amy Winehouse (ja ok, sie war eine Handvoll Jahre früher) ist schon eindeutig eine alte Sache, Adele keinesfalls. 

Aber zurück zum schwarzen Sabbat. Die ersten vier Platten gelten als die vier Evangelien von Black Sabbath, und danach wird es etwas unübersichtlich. Bei Deep Purple (oder Purple, wie wir Checker sie nannten)  sind die Umbesetzungen eine eigene Wissenschaft, aber unstrittig ist, dass diese sog. MK.II-Band die eindeutig beste Besetzung ist.

 

Rowohlt rororo rocks


Wir greifen zu einer Standardquelle, die uns noch öfter nützlich sein wird, nämlich das Rock-Lexikon von Schmidt-Joos/Graves in der Ausgabe von 1977, in dem alles mal genau erklärt wird im Anhang:

„Hard Rock: Die Fortentwicklung des alten Rock’n’Roll ohne Mischung mit anderen Musizierarten und Show-Firlefanz. Prototyp: The Who.“

„Heavy Rock: hochgradig verstärkte Rockmusik, bei der die Lautstärke essentiell für den Gruppensound geworden ist. Beispiele: Mountain, Led Zeppelin, Grand Funk Railroad, Bloodrock“

Wie gesagt, da gab es noch keinen Heavy Metal, oder wie man heutzutage simpel sagt: Metal. Als wir damals mit dem Musikhören anfingen, gab es Bands, die Hard Rock spielten und Hard Rock Bands. Who, Led Zeppelin spielten Hard Rock, waren aber keine Hard Rock Bands. Das waren Deep Purple, Black Sabbath, Nazareth, Uriah Heep, lustigerweise auch Status Quo. 

Das war allerdings alles noch nicht „hochgradig verstärkte Rockmusik“, sondern aus heutiger Sicht alles irgendwie noch nett und stubenrein. Mein Erlebnis mit wirklich „hochgradig verstärkter Rockmusik“ hatte ich im Sommer 1981. Ich hatte mir aufgrund einer hymnischen Besprechung im MUSIKEXPRESS die Platte No Sleep Til Hammersmith von Motörhead gekauft. 

Ich hatte vorher noch nie ein Stück von Motörhead gehört. Das war auch kein Wunder, denn Motörhead wurde nicht im Radio gehört. Nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gespielt. Fragt nicht nach Youtube, junges Volk. Es gibt eine Geschichte vom ersten Besuch von James Cook auf Tahiti. Seine Bark, die 40 m lange Endeavour ankerte in einer Bucht, und angeblich war es so, dass einige Eingeborene sie nicht sehen konnten. Wohlgemerkt, es war nicht so, dass sie ein fantastisch-unfassbar-großes-Schiff sahen, sondern sie sahen überhaupt nichts, so unverständlich war der Anblick diesen riesigen Teils. 

So ging es mir mit Motorhead. Das erste Lied dieser Platte geht so

Ich hingegen hörte überhaupt nichts, weil es schlichtweg über mein Fassungsvermögen ging. Das war kein Hardrock, kein Heavy Metal, sondern ein großes, riesiges Metallschiff, das ich einfach nicht hören konnte. Übrigens ist die gesamte Platte so. Auch lustig: in England schaffte sie es auf Anhieb auf Platz 1 der Charts. In Deutschland nicht. Später einmal wußte ich: das ist das Böse, das absolut Böse, das will ich nicht.

Es geht aber immer noch schlimmer und ärger. Aber Ihr könnt das Endeavour-Tahiti-Erlebnis auch gerne selbst einmal nachvollziehen. Kürzlich wurde ich im MUSIKEXPRESS (haha) auf Venom Prison aufmerksam. Die walisische Band um Larissa Stupar spielt – sagen wir mal – aufgeweckte, erfrischede Popmusik, der man ihren walisisch-folkloristischen Ausdruck nicht unmittelbar anhört, jedenfalls nicht sofort. Hier der Link zu eurem Tahitischiff.


Gebt zu: Ihr habt – überhaupt nichts gehört, gar nichts null nada, weil Venom Prison einfach über euren und meinen Musikverstand geht. 

Wir waren aber bei den Urgroßvätern von Venom Prison. Black Sabbath. Die Geschichte geht ungerecht und gleichzeitig gerecht weiter. Paranoid blieb ihre einzige Hitsingle, während Deep Purple bis 1973 sechs Singles in den Top 20 platzierte (wir werden sie also wiedersehen). 

Aber dann gibt es stilistischen Nachleben. Und da dreht sich die Sache um. Deep Purple hatte stets den sehr wichtigen Band-Co-Chef Jon Lord an der Hammond Orgel und meistens Sänger, die sich gerne in den oberen Registern aufhielten (allen voran Ian Gillan). Black Sabbath hingegen ersparte sich die Keyboards und hatte mit Ozzy Osbourne stimmlich eher eine Fürsten den Finsternis als den galanten Rosenkavalier (hier ist Paranoid sogar eher untypisch). Ab 1970 war Hard Rock/Heavy Metal sozusagen noch etwas unentschlossen. Es gibt sogar Fusionen, etwa die Metallhymne The Number Of The Beast mit dunkel geraunzten Strophe (Sabbat) und hervorgekeiften Refrain (Purple).

Diese Bariton-Sopran-Dualität (wie ich das mal nenne) hielt sich bis zu den Wiedergängern von Deep Purple in den Neunzigern, Guns’n’Roses (womit wir uns sowohl die Purple- als auch die Roses-Fans zu Feinden machen), seid doch mal einer der 1.490.940.141 Leute, die das Video von November Rain angeguckt haben.

Das ist nun aber eindeutig die Sopran-Schule, um es einmal nett und höfliche auszudrücken. Allerdings - wie schon Schmidt-Joos es schön formulierten, war das alles "Show-Firlefanz". Gewonnen hat schließlich die Sabbath-Schule, mit den düsteren Bässen und Schlagzeugen sowie einem tief angelegten Gesang. Klingsor, nicht Kundry, wie wir Bildungsbüger sagen würden. Exemplarisch und sowieso auf dem Metallthron: Metallica, hier mit Sad but True, seltsamerweise aus demselben Jahr wir November Rain, aber deutlich besser gealtert.

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Anderes Thema. Neu auf der 16 ist In einer Bar in Mexico (Ei ei ei ei), ein fürchterlicher Schlager von Heino, der gesangstechnisch aber auch eher auf der Osbourne-Sabbath-Linie liegt als auf der Gillan-Purple-Linie. Das Lied ist im Kielwasser der Mexikobegeisterung der tollen WM 1970 zu sehen, wobei mir auffällt, dass es schon sehr viel Mexiko vorher gegeben hat, etwa durch die Leismann-Geschwister ab 1962 (da war die WM allerdings in Chile). Der absolute Mexikotophit des deutschen Schlager, das Stairway to Heaven der Mexikolisierung folgt allerdings erst zwei Jahre später (Hossa!). Zu Heino machen wir uns einen dicken Knoten ins Taschentuch, denn seine große Zeit wird kommen, versprochen, shalali! 

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Übrigens: zum Jahresende gibt es ein Goldene-20-Spezial, das natürlich sensationell wird. Laßt Euch überraschen. Es wird live gestellt um Silvester herum!


Rakete der Woche: Candida von Bata Illic, +8

Veteran der Woche: KEIN CONDOR MEHR, sondern Song of Joy Liebling der Woche: Paranoid von Black Sabbath, klar

















Montag, 30. November 2020

Nr. 23 vom 1.12.1970 oder Die 70er endlich einmal komplett erklärt

 


Zunächst eine Korrektur: wir hatten ja immer von „Wochen“ gesprochen; da die Hitparade aber nur alle zwei Wochen erschien, war die Goldene-20-Woche also 14 Tage. Wir haben das heute einmal korrigiert. Bald – also zu Beginn des Jahres 1971, stellte man übrigens auf wöchentliche Charts um. Wir denken, dass wir dieses kleine Projekt durchaus noch eine kleine Zeit werden fortsetzen können, aber jede Woche werden wir nicht schaffen. Insofern werden ein klein wenig umbauen müssen. Den Fehler mit den „Wochen“ ist jetzt schon ausgemerzt. Und hier ist die Playlist aufYoutube. 

Übrigens möchte noch etwas zur letzten Ausgabe nachtragen. Wir hatten nachlässig aus dem Handgelenk formuliert, dass die 80er wohl das lange 19. Jahrhundert der Popmusik seien. Doch mal etwas genauer: Als 1789 hatten wir uns die erste Joy Division von 1979 gedacht, als 1914 die Nevermind von Nirvana von 1991. Ich glaube aber, genau so richtig wären Parallel Lines von Blondie (1978) am Anfang und vor allem auch Blue Lines von Massive Attack am Ende (auch 1991, danke Maki), zumal dann Heart Of Glass und Unfinished Sympathy sehr schöne Ecksteine der Dekade bilden und man sich das mit den parallelen blauen Linien auch gut merken kann.

Klar ist aber, dass diese 80er länger dauerten, als ihnen als Dekade eigentlich zehnjährig zusteht, genau wie das 19. Jahrhundert ziemlich genau 125 Jahre dauerte. Und mit dem historischen 19. Jahrhundert teilen sie eine Überfülle, ein Ziemlich-viel-drüber-sein, die und das irgendwann in sich zusammenfiel.

Aber wir stecken ja hier 10 Jahre früher im Jahr 1970. Es ist interessant zu sehen, wie sich in dieser die Popmusik langsam auseinanderklappt in ganz verschiedene Szenen, Disziplinen, Spielarten, Moves & Styles. Gewiß hat es die Varianten schon in den Sechzigern gegeben (Soul, Folk, Psychodelia), aber das waren immer noch verschiedene Straßen im selben Stadtviertel, wohingegen in den Siebzigern die Musik verschiedene Stadtviertel in derselben Stadt sein wird. Wir ergänzen ungern, dass später (vielleicht gerade nicht in den 80ern) es verschiedene Städte in vielleicht demselben Land sein werden, und zur heutigen Musik müssen wir allenfalls zugeben, es seien verschiedene Galaxien im selben Arm der Milchstraße. Dabei – und das fasziniert uns wirklich – hört man die Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit erst viel später, und man muß eine Dekade erst einmal eine weitere Dekade ruhen lassen, bevor man hört, wie sie sich angehört hat. Ich glaube, ich weiß auch erst seit ein paar Jahren, wie die Neunziger klangen, da man den Wald erst sieht, wenn man aus ihm herausgetreten ist.

Das soll jetzt aber nicht zum Mißverständnis führen, es hörte sich alles aus dieser Zeit gleich an. Interessanterweise wird das  Argument, es hörte sich alles gleich an, meistens auf die Gegenwart bezogen. Joachim Hentschel von der SZ hat am Wochenende darüber geschrieben, und er berichtet über den Toningenieur Rick Beato, der sich über die Gegenwart beschwert:

„Ältere Menschen hassten es, analysierte er, dass fast alle neueren Popsongs im selben Tempo laufen, mehr oder weniger dieselben Klangfarben und Effekte benutzen und dazu sehr simple, sich ständig wiederholende Harmoniefolgen, kaum Dynamik und digital gleichgemachte Singstimmen haben…. Gut, darauf wäre man auch so gekommen. Allein deshalb, weil es im Kern immer noch dieselben, feuerfesten Argumente sind, mit denen schon Eltern in den Sechzigern ihren Kindern die Beatles madig gemacht haben, und mit denen diese Kinder dann, in den Neunzigern, die eigenen Töchter und Söhne für blöd erklärten, weil sie zu Technomusik tanzten.“

Den interessanten Artikel dazu, witzigerweise über Miley Cyrus, gibt es hier. 

In der Vergangenheit kennt man eben die Gegend besser, was es vereinfacht, sowohl die Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten herauszuhören. Um die Unterschiede zu hören, sollten wir uns einmal umd das Gemeinsame dieser Stadtviertels bemühen, wie es sich 1970 angehört hat. Tatsächlich gibt es einen gemeinsamen Nenner, der gar nicht mal so klein ist: die klassische Band-Besetzung mit 2 Gitarren, Bass, Schlagzeug, dazu gerne ein Piano oder auch eine Orgel. Schrammelige Rhythmusgitarre, ein strikter 4/4-Takt, dreiteiliger Refrain-Strophe, und wenn es hochkommt noch eine Bridge dazwischen. Dazu: Bass und Schlagzeug sind ineinandergemischt und ergeben ein generell diffuses, verwaschenes Klangbild, höchstens einmal versetzt mit einem Slide-Gitarrensolo wie ein Ameisenstich. In dieser Woche etwa zu hören bei CCR, Dawn, Christie, Rattles, Tremeloes, Neil Diamond. Bei der Hitparadenware gerne dazu mal Orchester und/oder Bläser, aber eigentlich nur für die Klangfarben (Dawn, Neil Diamond).

Natürlich ist nicht alles gleich, logisch, hört etwa mal den Bläsersatz bei Edwin Starr, damit kann man Aluminium schweißen. 

Die Miley Cyrus der Siebzigerjahre (Quelle: Melody, youtubewatch?v=28ighMrwydA)

Fast alle englischsprachigen Lieder folgen dem Schrammel-4/4-Waschküchenschema, und der Gesang liegt dann lässig darin wie die Marmelade in der Butterkrem. Das ist auch der Unterschied zum Schlager: da wird ebenso im Hintergrund geschrummelt, aber Stimme und vor allem Backgroundsänger extrem nach vorne gemischt, also eher die Kirsche auf der Torte (hört als Beispiel einmal Daliah Lavi).  Das war übrigens in den Sechzigern ähnlich: gerade die frühen Beatles-Lieder beruhen auf einen extrem nach vorne gemischten Gesang inklusive Chorus, aber halt eben mit weniger Geschrammel und ohne Waschküche. Bei Dire Straits, die auch in den Schrammelsiebzigern großgeworden sind, haben sie den Schrammelgitarristen (ausgerechnet Mark Knopflers Bruder) nach zwei Platten rausgeschmissen und dann festgestellt, dass er völlig überflüssig war (so fehlt etwa bei Romeo & Juliet die Schrammelgitarre im Hintergrund).

Dieses Zusammenschmieren von Rhythmus, Melodie, Gesang ist auch einer der Gründe, warum der Siebzigerjahre-Sound so berüchtigt ist, und deshalb sind viele von T.Rex und den frühen Roxy Music erst einmal enttäuscht: was für ein komischer Sound! Und die sollen cool sein? Kennt ihr diese Gesteckschwämme aus grünem Blockschaum? Ein altes, faul riechendes Stück Blumenschwamm, das man im Keller gefunden hat – das ist der Sound der 70er. Die 80er hingegen klingen nach buntem, glattem Plastik, und erst die 90er klingen akzeptabel genug, wie man sich das anständiger Plattenhörer aus den 20ern des Nachfolgejahrhunderts so vorstellt.

Ich möchte aber dem Einwand begegnen, wir würden die 70er doch arg zu sehr dissen und eigentlich gar nicht mögen. Ja, nein, vielleicht, möglicherweise. Es ist die Erkenntnis, dass die Musik einer Zeit immer gleich gut oder gleich schlecht ist, man es aber nicht immer sehen kann, in der eigenen Zeit sowieso nicht, aber auch oft später nicht, weil man vor dieser Zeit, dieser Musik ein großes Möbelstück nicht weggeschoben bekommt. Wir werden das natürlich alles ganz genau weiter beobachten! Mit Euch zusammen! Schönen 1. Advent!

Rakete der Woche: Desmond Decker mit +11
Veteran der Woche: Der ewige Condor 12 Apps = 24 Wochen = so alt wie die Anden
Liebling der Woche: Mireille Mathieu weil das so schön dreckiger Punk ist, himmelblaaaaaaaau, da kannste dir noch eine Oktave abschneiden, Miley



Freitag, 13. November 2020

Nr. 22 oder Der lange Schweif der musikalischen Kometen

 


Hier die aktuellen Top 20 auf Youtube!

 Was für eine Konstellation! Das kitschhymnige Song Of Joy auf Platz 1, belagert von Black Night und von Paranoid, zwei ewigen Klassikern der Metallmusik, und darunter die Fußgängerzonenpanflöten von El Condor Pasa. Das wäre, als wäre ein Metallhammer eingepackt in Zellophanpapier mit Schleife drumherum.

Wir haben 10 Bands und 10 Einzelinterpreten in unseren Top 20. Es sind 50 Jahre vergangen. Wie viele dieser Interpreten sind heute noch aktiv? Na, werdet ihr denken, die sind ja alle in Rente, vielleicht drei oder vier? Weit gefehlt. Es sind elf. 60% der Einzel-Interpreten aus dem November 1970 arbeiten noch für ihre Rente, die sie alle schon längst erreicht haben. Selbst Heintje ist im August 65 Jahre alt geworden. Aber auch Heintje hat noch letztes Jahr eine LP „Lebenslieder“ veröffentlicht, die sich immerhin auf Platz 5 der Albumcharts etablierte. Und kurz zuvor hat er noch – das möchte ich ausdrücklich der Ausgabe Nr. 20 nachtragen, zwei Alben „Heintje und ich“ veröffentlicht. Auf der ersten CD sind Heintjelieder, auf der zweiten CD singt Hein Simons. Schaut euch mal das Cover an. Ist das nicht spooky? 

Heintje, und Heintje (Quelle: Heintje, amazon)

Hein Simons, der sein hinein photoshopptes kleines Heintje-Ich umarmt. Ich möchte das ja nicht psychoanalytisch deuten – und lasse es auch.

Schauen wir uns die anderen Fälle an, und kommen wir erst zu den Toten. Das ist erst einmal Roy Black im Jahr 1991, der gefolgt wird von Edwin Starr 2003, Udo Jürgens 2014 und Daliah Lavi 2017. Der Rest ist putzerlgesund und läßt sich zumindest noch auf Schlagerfestivals einladen, wenn sie denn nicht coronalisiert wurden. Die meisten sind übrigens so ungefähr 75 Jahre alt, was zeigt, dass sie alle ungefähr um die 25 Jahre alt waren, als der helle Sonnenstrahl des Popmusikerfolgs ihnen zuerst ins Gesicht fiel.

Die Beharrlichkeit der Bands ist noch verblüffender. Erster Abgang ist natürlich Simon & Garfunkel, die im November 1970 schon acht Monate aufgelöst waren (um sich hin und wieder zusammenzufinden). Die Hotlegs gingen 1971 in 10cc auf (die es noch gibt), Creedence Clearwater lösten sich 1972 auf, Free folgten ein Jahr später. Dann ist bis 2017 Ruhe, als dann Black Sabbath sich in Frieden trennten (wohl auch der Erkrankung des langjährigen Gitarristen Tony Iommi geschuldet).

Rekordhalter sind übrigens Golden Earring, die sich 1961 gegründet haben, damit älter sind als die Beatles und noch immer nahezu in Originalbesetzung aktiv sind. Da sind Deep Purple (Gründung 1967) ja noch richtige Jungspunde, zumal sie immer mal wieder einige Jahre aussetzten. Aber man sollte nicht meckern: drei der fünf derzeitigen Mitglieder waren schon in den Sechzigerjahren dabei (nicht allerdings Jon Lord, gest. 2012, und Ritchie Blackmore, beleidigt seit 1993). 

Adam und Eva, Moses, dann aber kamen sofort Golden Earring
(Quelle: 
AVRO)


Was einem zu dem eindeutigen Schluß bringt, dass die Vergangenheit länger dauert als die Gegenwart. Das wäre eine Binse, weil es ja logisch ist, wenn man etwa die Vergangenheit eines Herrn Jesus auf 2020 lange Jahre beziffert, die Vergangenheit des Dreissigjährigen Kriegs auf 302 Jahre, die Vergangenheit der ersten Beatles-Single auf 58 Jahre, während die Gegenwart ein kleines Dahinspucken ist.

Die Gegenwart der Vergangenheit ist deutlich länger als die Gegenwart der Gegenwart. Wir wohnen in einer Stadt aus Kathedralen, Denkmälern und Hardrockbands, die länger zusammen sind als ich alt bin. Wer hätte gedacht, dass der Schweif des Musikkometen derart lang ist? Vielleicht war 1970 einfach viel mehr los als heute. Jedenfalls hätte damals niemand gedacht, dass man noch in 50 Jahren aktiv oder bekannt wäre, zumal das eine Zeitspanne war, die es in der damals noch jungen Popmusik einfach unausdenklich war. Man hatte noch überhaupt keine Zeit gefunden, dicke Gesteinsschichten aus dem alten Scheiß anzulegen.

Als ich in den Siebzigerjahren musiksozialisiert wurde, gab es den aktuellen Kram. Die Sechziger waren die alten Sachen, und die Fünfziger die uralten Sachen, die sich aber niemand mehr anhörte. Wir reisten musikhistorisch mit leichtem Gepäck. Vor allem hatte es noch keine Achtzigerjahre gegeben, die vielleicht das lange 19. Jahrhundert der Popgeschichte sind. Es ist faszinierend zu sehen, was sich alles schon in der Hitparade spiegelt. Wir stehen am Beginn der großen Schlagerzeit. Black Night & Paranoid sind die ersten Hard-Rock-Hits, weil es den Begriff Heavy Metal noch nicht gab. Alles das wird uns noch Jahrzehnte begleiten, war damals aber brandneu. Und was noch alles kommen wird! Glam, Prog, Punk, Disco, Wave – alles noch nicht existent oder in winzigen Spurenelementen.

Wobei man sich nicht täuschen lassen sollte: man kennt sie nahezu alle noch 50 Jahre später, aber das große Schisma zu den Achtzigern hat kaum einer als Top Act überstanden. Am ehesten noch – und das ist wirklich lustig, Udo Jürgens. 

Popmusik kann wirklich, wirklich alt sein. Golden Earring haben 31 Alben veröffentlicht, und Deep Purple gerade das 20. Studioalbum. 

Rakete der Woche: War von Edwin Starr +6 P.

Veteran der Woche: Der elende Condor 11 W.
Liebling der Woche: Black Night von Deep Purple





Freitag, 30. Oktober 2020

Nr. 21 vom 1.11.1970 oder Vielleicht gibt es irgendwo einen Sinn

 


So, hier einmal wieder die aktuellen Charts vor 50 Jahren in der youtube-Playlist.

Relativ weit unten in der zweiten Woche finden wir auf der 17 das fantastische „War“ von Edwin Starr. Natürlich die ewige und ewig richtige Zeile „War, what is it good for – absolutely nothing!“ Was für eine erste Minute! Das knallige Bläserriff, der Call&Response, das ist wirklich ein Schmuckstück. Die nach wie vor unterschätzten Frankie Goes To Hollywood (für mich ein bißchen die Sex Pistols mit Haargel) haben auf ihrer fantastischen Welcome To The Pleasuredome ein wirklich prima Cover abgeliefert, hier. 

Was ich gar nicht wußte: War stammt ursprünglich von den Temptations, womit diese neben Papa Was A Rolling Stone von 1972 noch eine Großtat komponierten.

Was auch noch auffällt: wie sehr der eiserne Besen der Neuerscheinungen durch unsere Hitparade fegt und klar ist ja: jede Neuerscheinung ist der Tod eines anderen Liedes. Durch diese massive Flutung fällt das Hitparadenalter auf durchschnittliche 3,45 Wochen; ich bin einmal gespannt, wie sich das weiter entwickelt, nachdem im Frühjahr und Sommer die durchschnittliche Zeit noch geringer war.

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Auf Platz 10 finden wir erstmals Daliah Lavi, die im Video auf einem Bahnhof herumhängt.

Daliah Lavis Texte sind deutlich über dem Mary-Roos-Michael-Holm-Durchschnitt, und dafür ist ihre deutsche Textdichterin mitverantwortlich, eine gewisse Miriam Frances. Sie textete auch das berühmte „Wer hat mein Lied so zerstört“ (im nächsten Jahr!)

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Frances schrieb auch den Text zu dem famosen Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt von Barry Ryan, das uns ungefähr auch in einem Jahr ereilen wird:

Die Zeit, die trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer, die Zeit, die trennt auch jeden Sänger und sein Lied.

Außerdem im Jahr 1975 das unglaubliche Sechzig Jahre und kein bißchen weise .

Das ist Frau Frances, Textexpertin

Bemerkenswert ist bei den Frances-Texten, dass sie immer Formulierungen oder Zeilen einbaut, die auf eine sympathische Art wunderlich sind. Wie ein Brockhaus-Lexikon zwischen Konsalik-Romanen. Bei den Sechzig-Jahre-und-nicht-weise stolperte ich schon als 10jähriger über die seltsame Formulierung: „Aus gehabtem Schaden nicht gelernt“

Und Daliah Lavi singt diese Woche auf dem Bahnsteig: „Vielleicht gibt es irgendwo einen Sinn, und irgendwer weiß den Weg dorthin.“ Das ist in der Tat erwägenswert.
Sie textete auch für Udo Jürgens, zum Beispiel: „Mein Gruß an die verlorene Kindheit“, in dem sie darüber spekuliert, ob Gott deshalb unerkennbar ist, weil er eventuell etwas angestellt hat. Das ist immerhin eine prüfenswerte Hypothese.

Miriam Frances hat es 1974 tatsächlich auch mal selber probiert, aus dem Hintergrund ins Scheinwerferlicht zu treten. Und zwar ausgerechnet in Am Laufenden Band von Rudi Carrell, in der allerersten Sendung. Da Carrell noch keine Top-Acts bekommen konnte, erklärte er schlichtweg, am liebsten neue, unverbrauchte Talente wie eben Miriam Frances fördern zu wollen (später ließ er Abba auftreten).

Der Ausschnitt ist etwas zwiespältig, ein Deutschlehrerinnentext, und dazu noch mit dem heute muffig riechenden Topos des Wie-Männer-so-sind, das Johanna von Koczian zu einsamer Blüte in Das bisschen Haushalt bringen wird (hier, tatsächlich mit Helmut Schmidt, allerdings erst sieben Jahre später). Alles das sieht heute aus und klingt nach Paläozoikum, aber beachtet einmal, dass der DFB vor haargenau 50 Jahren, zum Zeitpunkt unserer Charts, das "Verbot" von Frauenfussball aufgehoben hat. 
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Auf der 11 frisch eingestiegen ist The Witch von den Rattles. Ich bin kein besonderer Rattles-Fan, sie hatten eine unübersichtliche Anzahl kleinster Hits in einer unübersichtlichen Anzahl Jahrzehnten, und sie hatten  – The Witch, einen zumindest mittelgroßen internationalen Hit. Erheblichen Anteil hat der wunderbare Gesang von Edna Bejarano. Schaut euch mal das Video an: Herbstwald, Kunstnebel, eine unglaublich hippiehafte Band. Zwischendurch hampeln sie herum, lesen und zerpflücken eine Zeitung und trampeln darauf herum, weil ihnen nichts besseres einfällt.

Und: Edna Bejanaro ist die Tochter von Esther Löwy, eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchester von Auschwitz, geboren 1924. Gute Gesundheit, Esther Béjarano!