Freitag, 14. Mai 2021

Nr. 32 vom 13.5.1971 oder: Glück und Nichtglücken

 

Noch, gerade noch hält die Rosenhecke von Lynn Anderson gegen die anstürmenden Schmetterlingsmassen, um mit einem völlig danebengeratenen Bild anzufangen. Noch hält sie! Noch! 

Hier einmal die aktuellen Top 20 auf youtube!

Auf Platz Nummer 20 finden wir Katja Ebstein, und pünktlich wieder mit einem Eurovisionslied. Es ist meines Wissens der einzige Fall abgesehen von lovely Lena, dass eine deutsche Teilnehmerin zweimal hintereinander angetreten ist. Der Grand Prix (wie ich ihn einmal nenne) fand ja immer Ende März/Anfang April statt und pünktlich 5 Wochen später suppen die Lieder in die Hitparaden. Letztes Jahr (erinnert ihr euch? Die wunderbare Willy Dobbe) hatte Katja mit "Wunder gibt es immer wieder" einen starken Aufschlag. Wenn ich das gerade schreibe, steht gerade der 2021-ESC bevor, da die Veranstaltung immer später in den Mai gerutscht ist. Aber zurück zu 1971, und zu unserem Zweiten großen Grand Prix Eurovision Special! Die komplette Show gibt es hier zu sehen. 

Da Dana 1970 gewonnen hat, überträgt es diesmal Dublin, mit diesem todschicken Logo.

Dublin, schwer lesbar. Quelle: wikipedia

 

In einem verblüffend kleinen Theater in Dublin sitzt die Moderatorin mit dem dramatischen Namen Bernadette Ni Ghallchoir, die über die Grenzen Irlands auch nur für diesen Auftritt berühmt wurde. 

Das ist Frau Ni Ghallcoir Quelle: youtube, ORF


Ganz zu Anfang ist sie arg nervös in ihrem irlandgrünen Kleid (womit wir die heilige Pflicht der Erwähnung des Moderatorinnenkleides bei ESC-Berichten genüge getan haben) und begrüßt die hunderte Millionen Fernsehzuschauer auf Gälisch, was natürlich kein Mensch außerhalb Irlands versteht. 

Los gehts. Die schwierige Nummer 1 wird von Marianne Mendt betreut, die unzweifelhaft gut singen kann, aber unter einem arg schlimmen Lied leidet. Schwierig allein deshalb, weil bei Lied mit der Startnummer 1 noch keiner richtig auf dem Sofa sitzt und die Chipstüten knisternd aufgemacht werden. Und irgendwie ist es auch, sorry, ein bißchen Pommesbude.

9:38 beginnt ein maltesischer Schlagersänger namens Joe Grech mit so einem schrecklich schlechten Lied, dass man Mitleid bekommen müßte mit einem so kleinen Land. Ich meine, Malta hat weniger Einwohner als Dortmund und da sind dann auch irgendwann alle Sänger wegverbraucht. Stellt euch einmal vor, Dortmund müßte jedes Jahr einen Teilnehmer zum ESC schicken. Eigentlich könnten ja die kleinen Länder sich zusammentun, zu so einer Art Sing-UNO, und dann gemeinsam jemanden schicken.

Oder sie machen es wie Monaco (40.000 Einwohner!) und schanghaien jemand aus dem Nachbarland, die Sängerin Severine. Was für ein Auftritt! 

ICH WILL GEWINNEN! ICH! Quelle: youtube, ORF

Sie guckt ein bißchen so wie damals Schweinsteiger im WM-Finale, und das merkt man auch so richtig: hier will jemand gewinnen, aber wirklich. Und sie muß sich anstrengen, um gegen den tierisch lauten Background-Chor anzukommen. 

Wahrscheinlich ist es auch ganz gut, zwischen zwei schwachen Liedern zu starten. Der Schweizer Beitrag von "Peter, Sue und Marc" ist jedenfalls ganz grauenhaft, so dass Severine zwischen dem skurrilen Malta und der lagerfeuernden Schweiz steht. Und dann kommt schon unsere Katja. Sie ist ähnlich entschlossen wie Severine, aber das Lied ist jetzt auch wirklich schwächer als letztes Jahr.

Extrem irritierend, dass die Lieder auch in diesem Jahr einfach so hintereinander weggepeitscht werden, nur unterbrochen von doofen Tourismus-Videos, die alle nach Cordiallmente dall-Italia-Yugoslavija-dobar dan-Aqui Espana.

Bei der spanischen Teilnehmerin Karina merkt man auch: sie haben alle Severine gesehen und wissen: mit der coolen Diven-Nummer wird es nicht laufen heute, sondern es braucht akklamatorische Entschlossenheit. Schmackes! 

Dann kommt Serge Lama, ja der Serge Lama von Je Suis Malade , das ideale Exempel eines franko-dramatisch-versoffenenen Liebeskummersprechgesangs, was allerdings erst 1974 ein Hit wurde, schade, dass es ihm nicht vorher eingefallen ist, damit hätte er Severine gefährlich werden können (obwohl: Malade ist zu lang). Ich weiß noch, wie ich mir den Sinn jenes Liedes (ich sprach und spreche kein französisch) zusammenreimte: ich bin malade. Weiter bin ich interpretatorsich bis heute nicht gekommen. Sein Eurovisions-Beitrag war hingegen Un jardin sur la terre. Er steht da ein bißchen wie Napoleon, aber in einer Wackeldackel-Version (achtet drauf ab 29:50), und verdammt, was macht er da mit seiner linken Hand? Das Irländer Publikum klatscht ängstlich.

Nach diesen geradezu wagnerischen Auftritten werden wir vom Kleinland Luxemburg eingebremst, in Pomme Pomme Pomme geht es lustig um einen Apfel Apfel Apfel. Und lustig geht es auch weiter: Jack in the Box von Clodagh Rogers ist sogar ziemlich bekannt, aber ein unverschämtes Plagiat ihres 1970-Beitrags von Mary Hopkin gemischt mit Congratulations von Cliff Richard. 

Wir entspannen beim belgischen und italienischen Beitrag und blicken etwas verblüfft auf den schwedischen Beitrag (44:56): eine Gruppe (die waren 1971 erstmals erlaubt) von vier Schweden, es sind zwei Herren, zwei Damen, eine blond, eine braunhaarig. So mancherlei Ideen müssen erst einmal geübt werden, bevor sie groß werden (immerhin ein 6. Platz). 

Dann kommt endlich das Gastgeberland und wieder die Abteilung DRAMA! Angela Farrell hat etwas kindergärtnerinnenhaftes, aber dreht im Refrain richtig hoch und erbricht schier ihre One Day Love. Scheußlich,aber so schön camp wie der ESC nunmal so ist. Meine geliebten Niederlanden kommen mit dem absoluten Tiefpunkt (52:00) namens Saskia & Serge, mit Blockflöten (!), ein geklampftes Fußgängerzonenlied von solch ausgemachter Scheußlichkeit, als kämen sie aus einem Land, in dem man süße Erdnusssoße über frittierte Zwiebel-Hackfleisch-Bälle schüttet. Grausig!

Portugal folgt mit einem Beitrag, mit dem sie die ewigen Fado-Vorurteile zerstreuen wollten, aber man hat irgendwie den Eindruck, das Orchester spiele ein anderes Lied. Was trauen wir einem Sänger namens Krunoslav Slabinac zu? Genau. Er kommt aus Kroatien, das damals noch Jugoslawien hieß. Immerhin hat er auch wieder Drama und hält die Augen während seines gesamten Vortrags geschlossen. Ich glaube auch, alles gestohlen von Tony Christie. Platz 16.

Der Jürgen-Marcus-artige finnische Beitrag ist recht uninteressant, aber dann kommt als letztes Lied (1:05:40) die Norwegerin Hanne Krogh, die tatsächlich mit in einem weißen Kleid mit weißem Schirm auftritt und dazu "Lykken er" vorträgt,was wohl "Glück ist" bedeutet (lykken ist Glück, das ist ja einsichtig). Hanne Krogh ist so unfaßbar zuckersüß und lieb, dass man sie sofort von der Bühne weg adoptieren wollte. Toll! 

Leider Nichtglücken: Hanne. Quelle: youtube, ORF

 

Der eigentliche Skandal ist, dass Fräulein Honig mit diesem glücklichen Lied nur Vorletzter wurde. Hinter der Pommesbudensirene Marianne Mendt. Es fehlt dem Glücken-Lied zugebenermaßen ein wenig, äh, alles vom Severine-Drama. Ich lese mit Interesse, dass Hanne 1985 noch einmal in einem Duo antrat und tatsächlich gewonnen hat, es gibt also doch Gerechtigkeit auf der Welt. Allerdings ist das Siegerlied von 1985 ganz schrecklich, Hanne ist (glaube ich) die mit dem Kleid und der Frisur. Grauenhaft. Wer hat dein Lied so zerstört, Hanne?

Es gab ein vertracktes Punktsystem mit der seltsamen Eigenheit, dass ein Land nicht alle Punkte verballern mußte, sondern je zwei Juroren zwischen 0 und 5 Punkte vergaben pro Lied (oder auch nicht). Interessant, dass es erst einmal Bombe für Katja Ebstein lief. Die beiden deutschen Juroren schicken Hanne übrigens mit 2 von 10 möglichen Punkten nachhause, pfui! Ich habe mir das in der ORF-Aufzeichnung angeschaut, und es hochgradig rührend, wie die Österreicher ihren drittletzten Platz verteidigen und abfeiern. Felix Austria!.

(Für hochgradige Kompetenz verweisen wir in diesen Fragen gerne auf http://www.aufrechtgehn.de Sie haben in ESC-Dingen ungefähr dieselbe Autorität wie die Steintafeln vom Berg Sinai für das internationale Strafrecht). 

Dauerbrenner der Woche: Roy Black seit 20 Wochen
Rakete der Woche:Brown Sugar von den Rolling Stones
Liebling der Woche: Katja Ebstein, muß ja

Postskriptum: Heute heiratet meine liebe Nichte Leonie ihren Torben. Das fällt eindeutig in die Abteilung Glück & Glücken!


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