Freitag, 13. November 2020

Nr. 22 oder Der lange Schweif der musikalischen Kometen

 


Hier die aktuellen Top 20 auf Youtube!

 Was für eine Konstellation! Das kitschhymnige Song Of Joy auf Platz 1, belagert von Black Night und von Paranoid, zwei ewigen Klassikern der Metallmusik, und darunter die Fußgängerzonenpanflöten von El Condor Pasa. Das wäre, als wäre ein Metallhammer eingepackt in Zellophanpapier mit Schleife drumherum.

Wir haben 10 Bands und 10 Einzelinterpreten in unseren Top 20. Es sind 50 Jahre vergangen. Wie viele dieser Interpreten sind heute noch aktiv? Na, werdet ihr denken, die sind ja alle in Rente, vielleicht drei oder vier? Weit gefehlt. Es sind elf. 60% der Einzel-Interpreten aus dem November 1970 arbeiten noch für ihre Rente, die sie alle schon längst erreicht haben. Selbst Heintje ist im August 65 Jahre alt geworden. Aber auch Heintje hat noch letztes Jahr eine LP „Lebenslieder“ veröffentlicht, die sich immerhin auf Platz 5 der Albumcharts etablierte. Und kurz zuvor hat er noch – das möchte ich ausdrücklich der Ausgabe Nr. 20 nachtragen, zwei Alben „Heintje und ich“ veröffentlicht. Auf der ersten CD sind Heintjelieder, auf der zweiten CD singt Hein Simons. Schaut euch mal das Cover an. Ist das nicht spooky? 

Heintje, und Heintje (Quelle: Heintje, amazon)

Hein Simons, der sein hinein photoshopptes kleines Heintje-Ich umarmt. Ich möchte das ja nicht psychoanalytisch deuten – und lasse es auch.

Schauen wir uns die anderen Fälle an, und kommen wir erst zu den Toten. Das ist erst einmal Roy Black im Jahr 1991, der gefolgt wird von Edwin Starr 2003, Udo Jürgens 2014 und Daliah Lavi 2017. Der Rest ist putzerlgesund und läßt sich zumindest noch auf Schlagerfestivals einladen, wenn sie denn nicht coronalisiert wurden. Die meisten sind übrigens so ungefähr 75 Jahre alt, was zeigt, dass sie alle ungefähr um die 25 Jahre alt waren, als der helle Sonnenstrahl des Popmusikerfolgs ihnen zuerst ins Gesicht fiel.

Die Beharrlichkeit der Bands ist noch verblüffender. Erster Abgang ist natürlich Simon & Garfunkel, die im November 1970 schon acht Monate aufgelöst waren (um sich hin und wieder zusammenzufinden). Die Hotlegs gingen 1971 in 10cc auf (die es noch gibt), Creedence Clearwater lösten sich 1972 auf, Free folgten ein Jahr später. Dann ist bis 2017 Ruhe, als dann Black Sabbath sich in Frieden trennten (wohl auch der Erkrankung des langjährigen Gitarristen Tony Iommi geschuldet).

Rekordhalter sind übrigens Golden Earring, die sich 1961 gegründet haben, damit älter sind als die Beatles und noch immer nahezu in Originalbesetzung aktiv sind. Da sind Deep Purple (Gründung 1967) ja noch richtige Jungspunde, zumal sie immer mal wieder einige Jahre aussetzten. Aber man sollte nicht meckern: drei der fünf derzeitigen Mitglieder waren schon in den Sechzigerjahren dabei (nicht allerdings Jon Lord, gest. 2012, und Ritchie Blackmore, beleidigt seit 1993). 

Adam und Eva, Moses, dann aber kamen sofort Golden Earring
(Quelle: 
AVRO)


Was einem zu dem eindeutigen Schluß bringt, dass die Vergangenheit länger dauert als die Gegenwart. Das wäre eine Binse, weil es ja logisch ist, wenn man etwa die Vergangenheit eines Herrn Jesus auf 2020 lange Jahre beziffert, die Vergangenheit des Dreissigjährigen Kriegs auf 302 Jahre, die Vergangenheit der ersten Beatles-Single auf 58 Jahre, während die Gegenwart ein kleines Dahinspucken ist.

Die Gegenwart der Vergangenheit ist deutlich länger als die Gegenwart der Gegenwart. Wir wohnen in einer Stadt aus Kathedralen, Denkmälern und Hardrockbands, die länger zusammen sind als ich alt bin. Wer hätte gedacht, dass der Schweif des Musikkometen derart lang ist? Vielleicht war 1970 einfach viel mehr los als heute. Jedenfalls hätte damals niemand gedacht, dass man noch in 50 Jahren aktiv oder bekannt wäre, zumal das eine Zeitspanne war, die es in der damals noch jungen Popmusik einfach unausdenklich war. Man hatte noch überhaupt keine Zeit gefunden, dicke Gesteinsschichten aus dem alten Scheiß anzulegen.

Als ich in den Siebzigerjahren musiksozialisiert wurde, gab es den aktuellen Kram. Die Sechziger waren die alten Sachen, und die Fünfziger die uralten Sachen, die sich aber niemand mehr anhörte. Wir reisten musikhistorisch mit leichtem Gepäck. Vor allem hatte es noch keine Achtzigerjahre gegeben, die vielleicht das lange 19. Jahrhundert der Popgeschichte sind. Es ist faszinierend zu sehen, was sich alles schon in der Hitparade spiegelt. Wir stehen am Beginn der großen Schlagerzeit. Black Night & Paranoid sind die ersten Hard-Rock-Hits, weil es den Begriff Heavy Metal noch nicht gab. Alles das wird uns noch Jahrzehnte begleiten, war damals aber brandneu. Und was noch alles kommen wird! Glam, Prog, Punk, Disco, Wave – alles noch nicht existent oder in winzigen Spurenelementen.

Wobei man sich nicht täuschen lassen sollte: man kennt sie nahezu alle noch 50 Jahre später, aber das große Schisma zu den Achtzigern hat kaum einer als Top Act überstanden. Am ehesten noch – und das ist wirklich lustig, Udo Jürgens. 

Popmusik kann wirklich, wirklich alt sein. Golden Earring haben 31 Alben veröffentlicht, und Deep Purple gerade das 20. Studioalbum. 

Rakete der Woche: War von Edwin Starr +6 P.

Veteran der Woche: Der elende Condor 11 W.
Liebling der Woche: Black Night von Deep Purple





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