Freitag, 4. September 2020

Nr. 17 vom 1. September 1970 oder Der neueste Hit in Meynypilgyno



















Das hatten wir auch noch nicht, dass die ersten vier Plätze komplett festgenagelt sind: zuerst unser Sommersinger Mungo Jerry, dann das unsägliche Condor Pasa, dann Yellow River (wir werden auch kein Freund davon) und dann Freude schöner Riosfunken. Erst dann schleicht sich die Free klammheimlich in die Top 5. Die Condor-Pasa-Pest ist insofern noch schlimmer geworden, als dass NOCH EINE VERSION eingestiegen ist, und zwar gleich auf Platz 9. Das Beängstigende ist auch, dass es sich hier um eine Flöten- (allerdings nicht: Panflöten-) Version handelt. Es gibt auch mehrere Coverversionen, die meistens von Michael Holm übersetzt wurden („Der Condor fliegt“). Hier eine Fernsehaufzeichnung von 2011, wo Herr Holm den Condor vor einigen Senioren gibt. Die Tititacasee-Mäßigkeit des Bodensees ist allerdings eher gering, und der Condor wird von einigen Möwen gecovert. Wir haben Michael Holm ja für Mendocino angebetet, aber muss das jetzt sein? Das wäre, als würden die Beatles zur Eröffnung von Autohaus Opel Mairhofer in Freilassing spielen. Bitter.
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Ich bin übrigens beeindruckt, wie hartnäckig Shocking Blue auch die deutsche Hitparade – na, nicht überfluten, aber sie sind regelmäßig Gast. Übrigens werden sie sogar bis 1972 in Deutschland Hits haben, sowieso natürlich in NL, wo der Railroad Man sogar Nr. 1 gewesen ist. Wohlgemerkt: gewesen ist, denn zu damaligen Zeiten gab es noch eine Zeitverzögerung zwischen den Länder-Charts. Als langjähriger Holland-Urlauber wußte: wenn ich aus den Ferien zurückkam, waren die Lieder, die in Holland sich schon wie alte Pantoffeln bogen, in Deutschland der neueste heiße Scheiß. Ich habe das einmal für einige Titel aus unserer aktuellen Top 20 nachvollzogen, und zwar in Bezug auf den Chart Entry in die Top 20:



UK
NL
D
Shocking Blue/ Railroad Man
-
06.06.1970
15.08.1970
Mungo Jerry/In The Summertime
06.06.1970
27.06.1970
15.07.1970
Christie/Yellow River
02.05.1970
06.06.1970
01.07.1970
Free/All Right Now
06.06.1970
04.07.1970
15.08.1970
CCR/Up Around The Bend
20.06.1970
16.05.1970
15.06.1970
Mr. Bloe/Groovin' With Mr. Bloe
09.05.1970
04.07.1970
01.08.1970
Cecilia/Simon & Garfunkel

09.05.1970
01.05.1970

Und siehe da: tatsächlich gibt es eine Verzögerung zwischen D und NL, und auch zwischen NL und UK. Idealtypisch sieht man das an Yellow River von Christie: Anfang Mai in die englischen Charts, Anfang Juni zu den Holländern und Anfang Juli dann zu uns nach Deutschland.

Es liegt aus Vermarktungsgründen eine gewisse Logik darin, die Hits mit einem Kometenschweif über den Himmel ziehen zu lassen: so war es dann eher möglich, Auftritte in Fernsehsendungen etc.

Interessant ist es, dass es von Westen nach Osten geht: zuerst in England, dann Holland, dann Deutschland. Das wäre natürlich super, wenn die West-Ost-Gezeitenwelle der Superhits dann in Ostsibirien so langsam ausläuft, dass man etwa in Meynypilgyno, das ist das ländliche Ostsibirien, NOCH NIE El Condor Pasa gehört hat.

Überhaupt kochten lokale Plattengesellschaften auch ihr eigenes Süppchen; als Beispiel hier einmal die drei Länderausgaben der Singles von Yellow River. Warum? Weil sie es konnten. Und immerhin ist hier sogar die B-Seite jeweils gleich, was keinesfalls immer der Fall war. Die Plattenfirmen haben sich ja sogar länderbezogen an den LPs vergriffen, wie der berühmteste Fall der Beatles bei Capitol/USA und EMI/Europa zeigt: bis 1967 (und das ist drei Jahre her!) hatten alle Beatles-LPs in USA und UK eine andere Tracklist oder sogar andere Namen. 











Wir haben uns extrem an die Gleichzeitigkeit gewöhnt und halten sie für eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse, obwohl es eigentlich eine Gleichzeitigkeit der Medien ist. Bis zur Verlegung des ersten Transatlantikkabels 1866 konnte ein Ereignis, das heute in Amerika stattfand, frühestens in einer Woche in England sein, es sei denn, der Krakatau fliegt in die Luft, was so laut, dass es ein Drittel der Weltbevölkerung hören konnte. Aber da es noch kein Radio gab, war man wiederum auf Zeitungen angewiesen. Man lese beispielsweise einmal die Berichte von der ersten Fußball-WM 1930, die Wochen später in Europa eintrudelten. Bis 1956 (also 14 Jahre vor dieser Hitparade!) wurden Telefongespräche über Langwellen-Funksender zwischen USA und Europa ausgetauscht, und zwar zuletzt 2.000 pro Jahr. Über Whatsapp werden aktuell 60 Milliarden Nachrichten verschickt, und zwar pro Tag.
Das Schöne war, dass man in gewisser Hinsicht Zeitreisen unternehmen konnte. Ich weiß  noch, wie ich aus dem Osterurlaub 1981 mit der neuen Fischer Z mit Red Skies Over Paradise gekommen bin. Das kannte bei uns niemand. Marliese, Berlin, Cruise Missiles, das war toll, das war ein bißchen Reggae, Punk und Politik. Ich war ein Musik-Orakel im Freundeskreis. Der Effekt hielt ungefähr zwei Wochen an, und da ich nichts neues Neues nachliefern konnte, war ich dann wieder der übliche Langweiler, der ich vorher auch gewesen war. Ja, so war das im theatre of memories („Berlin“). Aber vielleicht sollte ich mal nach Meynypilgyno. Da kennen sie Fischer Z garantiert noch nicht.
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Neu auch die Hotlegs mit dem doofen Titel „Neanderthal Man“. Aber bitte nicht unterschätzen. Bei den Hotlegs handelt es sich um die späteren 10cc, auf die wir uns in den nächsten Jahren noch freuen werden (z.B. auf das unglaubliche „I’m not in love“). Ich lese mit Erstaunen, dass diese Hotlegs tatsächlich eine LP herausbrachten, und die ist auch noch ziemlich gut, jedenfalls um Längen besser als dieses öde Neanderthal Man, hört mal hier.



Rakete der Woche: Lola und Flöten-Condor-Pasa (jeweils +11)
Veteran der Woche: Du von Peter Maffay mit 10 Wochen
Liebling der Woche: Never Marry A Railroad Man von unseren Holländern!



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