Freitag, 14. August 2020

Nr. 16 oder Die Zeit trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer





Nachdem wir beim letztenmal völlig undiszipliniert bis zum ollen Furtwängler abgeschweift worden sind, bewegen wir uns heute doch etwas dichter an unseren Goldenen 20, an Pop und Schlager, hier wie immer auf youtube.

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Überhaupt noch nicht gewürdigt wurde Barry Ryan mit „Kitsch“ auf der 19. Barry singt kitschig über Kitsch, was an sich schon seltsam ist. Wenn man sich den Text anschaut, wird es eher noch mysteriöser:

I saw a queen all dressed in green
but I could see she had no soul
I see the moon shining in June
what we all need is Rock and Roll

Das stimmt ja alles irgendwie, aber ist auch nun – seltsam. Barry hatte seine Karriere zusammen mit seinem Zwillingsbruder angefangen (die schmale Abteilung der Zwillinge in der Popmusik. James Boys, Bros, Kelley und Kim Deal, die Kaulitz-Brüder). Besonders interessant ist es bei den Ryan-Zwillingen, dass sie zwar eine wohl einigermaßen ähnliche DNA hatten, aber Paul war im Gemüt deutlich empfindlicher und konnte den Starrummel (ab ca. 1965) nicht mehr ertragen. So wurde beschlossen, dass Barry weiter die Rampensau geben sollte und Paul aus dem Hintergrund musikalisch agieren. Gedacht, beschlossen, gemacht. Das erste Lied, das Alleine-Paul für Solo-Barry komponierte, war dann ausgerechnet Eloise im Dezember 1968, ein transgalaktischer Megasuperhit. Auch heute noch wirklich hörens- und bemerkenswert. Mehr Oper war wirklich nie in der Popmusik.

Die beiden hatten noch einige respektable Hits, bevor Barry/Pauls Karriere dann verplätscherte. Auf Bestreben der BRAVO nahm Barry sogar einige deutschsprachige Lieder auf, unter anderem „Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt“. Das ist zwar erst 1972, aber man muß die Feste feiern, wie sie fallen, deshalb jetzt schon dieser großartige TV-Ausschnitt. Keine Ahnung, was das für eine Show gewesen ist. Die dort sitzenden Jugendlichen sind jetzt auch schon Rentner. Das Lied hat bemerkenswerten Zeilen:

Die Zeit trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer,
Die Zeit trennt auch jeden Sänger und sein Lied.

Ausgedacht hat sich diese Zeilen eine gewisse Miriam Frances, die Schlager-Checkern bekannt ist als Textdichterin vor allem für Daliah Lavi (Wer hat mein Lied so zerstört), und die eigenartigerweise der erste Gast in Rudi Carrells frischerShow Am Laufenden Band im Jahr 1974 war.

Aber zurück zu Barry Ryan. Er heiratete kurz eine andere Miriam (Miriam binti al-Marhum Sultan Sir Ibrahim), die Tochter von Sultan Sir Ibrahim Al-Masyhur Ibni Almarhum Sultan Abu Bakar Al-Khalil Ibrahim Shah aus Malaysia, aber die Ehe ging schief. Paul hingegen zog sich schon in de Achtzigern zurück, eröffnete einige Friseursalons und starb mit 44 an Lungenkrebs.
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Mr. Bloe: ich habe ja ein Herz für One-Hit-Wonder, und Mr. Bloe ist außerdem noch ein besonders eigenwilliges Stück. Ein Instrumental, und dazu noch von vollkommener Unauffälligkeit. Rhythmus, Klavier und darauf dann eine Mundharmonika. Man würde sich so denken: maximal B-Seite. Und genau so war es auch: es gibt hier  die Originalversion des Stückes der ominösen Gruppe „Wind“, und da ist es tatsächlich eine B-Seite. „Wind“ war das Projekt von Tony Orlando, der uns einige Jahre später mit Tie A Yellow Ribbon Round The Old Oak Tree den Cullinan-Diamanten der Schmachtfetzen schenkte: Er war allerdings an Mr. Bloe überhaupt nicht beteiligt, ebenfalls nicht als Komponist, und als Sänger auch nicht.
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Auf Platz 16 neu The Green Manalishi von Fleetwood Mac, ein fantastischen Stück der frühen Fleetwood Mac (die ganz anders sind als die Rumours-Tusk-Fleetwood Mac).

Ein wirklich cooles Stück, und musikalisch ein Zwillingsbruder des ebenso großartigen Oh Well, das wir schon gewürdigt hatten. Es war das letzte Lied, das der damalige Bandchef Peter Green mit Fleetwood Mac aufgenommen hat. Und Peter Green ist gerade erst, am 25.7.2020, gestorben. Die Geschichte ist ein wenig ähnlich wie bei Syd Barrett von Pink Floyd: der psychisch labile Bandchef hat ein Drogenproblem und verläßt die Gruppe. 

Langhans, Obermaier. Quelle: br, DPA bildfunk
Angeblich soll es ein einziger LSD-Trip gewesen sein, der Peter Green damals aus der Bahn warf. Der Bandkollege Jeremy Spencer erinnert sich: „Als wir am Münchner Flughafen auftauchten, sind plötzlich diese Leute aufgetaucht: Ein sehr schöne Frau in einem schwarzen Samt-Mantel und ein Typ, der mit seiner Nickelbrille wie John Lennon ausgesehen hat.“ Die sehr schöne Frau war Uschi Obermaier, der Pseudo-Lennon war Rainer Langhans. Sie fuhren in eine Aussenstelle ihrer Kommune auf einem Schloss in der Nähe von Eching und musizierten die Nacht lang durch. Und genau da hat sich Peter Green den schlechten LSD-Trip geschmissen. In seiner Erinnerung später war es übrigens diese Nacht, in der er es zum ersten und zum letztenmale geschafft hatte, die Musik schlechthin, die „eigentliche Musik“ zu machen. Es wurde sogar eine Bandaufnahme gemacht, die man Peter Green in die Hand drückte, aber er war so durcheinander, dass er das Band später verloren hat. So reiht sich Peter Green in die Reihe der Suchenden der absoluten Musik (Richard Wagner, Brian Wilson), die es meistens aus verschiedensten Gründen nicht erreicht haben. Wäre diese Tonband nicht verloren gegangen, dann hätten wir jetzt gar keinen Streß mehr mit deutschen Hiphop, mit Helene Fischer undsoweiter, und die Zeit hätte auch nicht mehr Tanz und Tänzer getrennt. Wir würden Peter Greens Absolute Musik hören und alles würde sich von da an für uns fügen. 

Vielleicht liegt ja irgendwo noch ein Tonband herum, beschriftet mit „Schloss Kronwinkl März 1970“. Bitte nicht in die Restmülltonne werfen. Da ist nämlich die absolute Musik drauf!


Rakete der Woche: All Right Now von Free
Veteran der Woche: Du von Peter Maffay mit 9 Wochen
Liebling der Woche: The Green Manalishi von Fleetwood, ganz ganz nahe an der absoluten Musik!






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