Donnerstag, 2. Juli 2020

Nr. 13 vom 1.7.1970 oder Beischlafnummern mit eindeutigen Gesten (und Kannibalen)


Und hier sind sie wieder: die Top 20 aus dem Sommerberlin 2020 für das Jahr 1970.

Oh, eine Doppelspitze! Ich bin einigermaßen sicher, das wird sehr selten vorkommen. Wie zu befürchten war, zieht der Condor auf Platz 1 und im Flügelschatten schleicht sich das ungleich schönere Cecilia auf Platz Nummer 2. Ich fürchte ja, es wird mit dem Condor noch einige Wochen dauern. Seltsam auch, dass es ein Sommerhit gewesen ist. Es ist ein ekliges Stück, aber irgendwo doch überhaupt nicht sommerlich. Ihr kennt doch sicher die Geschichte vom Flug 571 nur zwei Jahre später über eine Rugbymannschaft, die in den Anden abgestürzt ist. Ich habe mal das Buch eines Überlebenden dazu gelesen. Von den 45 Passagieren und Besatzung starben gleich 17 beim Absturz oder in der ersten Nacht. Für die anderen wurde es rasch ungemütlich, da man nur Schokolade und etwas Wein als Proviant dabeihatte und auf 3.800m in den Anden auch keine Spargelfelder sind. Ja, und so haben sie sich dann gegenseitig aufgefuttert bzw. nur die Gestorbenen, die ja alle glücklicherweise tiefgekühlt waren (ja, ihr habt jetzt alle Bilder von der Tönnies-Schlachterei im Kopf. Dafür kann ich nichts). Insgesamt mußten sie fast 2 ½ Monate ausharren, bis sie gerettet wurden. Angeblich wurden nur zwei Frauen unangegessen gelassen (es starben insgesamt 29 Personen). Ja, und wo war während dieser Zeit El Condor Pasa? Wahrscheinlich in der Fußgängerzone von Gelsenkirchen, auf der Panflöte.
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Schauen wir doch einmal wieder in den SPIEGEL: interessanterweise gibt es im Juni 1970 eine Sondernummer zu „Popmusik“. Ich muß sagen, ich war wirklich außerordentlich erstaunt nach Lektüre des achtseitigen Leitartikels. Die Autoren schreiben über aktuelle Rockmusik in ihrem typischen SPIEGEL-Stil wie sie später über Waldorf-Pädagogik, Hare Krishna, Atomkraft Nein Danke, Fridays for Future geschrieben haben: leicht überheblich, etwas ironisch, aber durchaus mit Verständnis: so sind die jungen Leute halt. Moment. Wir haben Juni 1970. Was ist denn an Rockmusik neu? Wir sind im Jahr 8 der Beatles, die sich soeben getrennt haben. Rock, der heiße neue Scheiß?

Dann habe ich langsam kapiert, was mit als SPIEGEL-Leser, der erst ein Dutzend Jahre später eingestiegen ist, völlig fremd war: der SPIEGEL war damals ein Blatt für alte Menschen oder junge Menschen, die sich wie alte Menschen anzogen. Sozusagen für alte weiße Männer. Für die Leser von Günter Grass. Dort die geringste Vorbildung für Popkultur zu vermuten, wäre zu recht waghalsig gewesen. Im Text wimmelt es davon, wie langhaarig, wild und drogensüchtig die Konsumenten dieser merkwürdigen „Rockmusik“ sind. Deshalb setzen sie drollig jeden Bandnamen in Anführungsstriche und versuchen den althumanistischen Lesern ein wenig von der Weirdness dieser Popmusik durch die Übersetzung von LP-Titeln zu vermitteln: „Ihrer satanischen Majestät“ und „Hof des karminroten Königs“. Ansonsten versuchen sie den anständig angezogenen Bildungslinken ein klein bißchen Schauer zu vermitteln:
„Sie lieben das Verrrückte, Bizarre, Groteske, und Bands wie die „Rolling Stones“ und die „Family“, „Jefferson Airplane“ und „Grateful Dead“ animieren sie dazu.“ (SPIEGEL 25/1970)

Gerade bei den Bands rollen einem Gegenwärtigen Tränen der Rührung über die Backen, wenn ein Absatz später z.B. noch „Ten Years After“, „Jethro Tull“ und „Fleetwood Mac“ als heißer Scheiß zitiert werden. Das sind alles Sachen, die auf der Schwelle zwischen Elternmusik und Großelternmusik stehen. Vielleicht ist mir erst wieder klar geworden, wie unglaublich lange dieses 1970 doch her ist, denn man unterliegt der Illusion, so weit könne es ja nicht zurückliegen, weil man es ja selbst (als Fünfjähriger) noch miterlebt hat.

Für Nackte ist natürlich auch fotografisch Platz, denn die Gammler haben nicht nur dreckige Sachen an, sondern ziehen sie sich auch noch aus.


Sehr wenig Dreß (Quelle: SPIEGEL 25/1970)


Es ist nämlich so: „Fast alle Bands haben in ihrem Repertoire Beischlaf-Nummern, die mit eindeutigen Gesten vorgetragen werden.“ Was für ein geiler Scheiß!

Und beim gesellschaftlichen Herumerklären verwickelt sich der SPIEGEL dann auch in seinen eigenen Widersprüchen (die man natürlich sieht), etwa wenn er über Liverpool schwadroniert, denn dort „…fühlten sich die jungen Proletarier so deklassiert wie die Neger. In ihrer Wut trommelten sie aggressive Negerrhythmen und paukten sich damit aus Kellern und Gossen nach oben.“ (SPIEGEL 25/1970)

Allerdings vergißt der SPIEGEL nicht zu erwähnen, dass die „Neger“ selbst die „Negerrhythmen“ gar nicht mögen, „denn Amerikas Neger wollen keine Synthese mit westlichem Tongut mehr: sie suchen in den afroamerikanischen Musizierweisen Gospel und Soul ihr Heil.“ Das ist insofern richtig gesehen, weil keine zehn Jahre das nächste big black thing startete: Hiphop, damals noch als Rap.

Der Artikel schließt allerdings versöhnlich: „Mit ihren langen Haaren und ihrem exzentrischen Dreß (sic!) plädieren die Rock-Musiker und ihre Geeflogschauft unablässig für Toleranz, friedliches Nebeneinander und Liberalität. Wahrlich, diese Generation taugt nicht mehr zum blinden Befehlsempfang, sie verweigert sich jeglichem Drill.“ (SPIEGEL 25/1970)

Tatsächlich. So ist es dann auch gekommen.

  

Rakete der Woche: Yellow River von Christie
Veteran der Woche: gleich 3: Let It Be, House of the rising Sun und Bridge over troubled Water
Liebling der Woche: Let It Be (ist ja auch bald weg).




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